Von Peter Kemper
05. Mai 2008 Schon vor dreißig Jahren verkörperte er die Antithese zum exaltierten Rockmusiker. Mark Knopflers Kunst lebt von lässigem Understatement und beruht auf Gelassenheit. Ihm sind bei aller beiläufigen Virtuosität auch die Noten wichtig, die er nicht spielt. Nur so entstehen jene leichthändigen Melodielinien, die in ihrer menschenfreundlichen Sentimentalität Trost und Trotz gleichermaßen atmen. Somnambule Sounds, Soli von einer süßen Schläfrigkeit, gläserne Glissandi und erdenschwere Blues-Meditationen: Mark Knopfler ist in der zeitgenössischen Rockszene ein unbelehrbar Unzeitgemäßer. Schon zu Dire StraitsZeiten war es ihm verhasst, wenn Fans ihm voller Begeisterung beichteten, wie seine Musik ihr Leben verändert habe: Ich kann nur meinen eigenen Garten sauber halten, kleine Dinge tun. Ich will kein musikalischer Messias sein.
Obwohl er dem Star-Syndrom in der Rockmusik gegenüber äußerst skeptisch ist, wurde Mark Knopfler durch diesen kompromisslosen Gestus selbst zu einer Leitfigur. Hatte er Mitte der Neunziger seine Dire Straits aufgelöst, weil er den Stadion-Rock nicht länger mit seinem Konzept vereinbaren konnte, so ist aus dieser Sehnsucht nach Intimität inzwischen längst schon wieder ein Riesending geworden. Auf seinem jüngsten Album Kill To Get Crimson huldigt der suggestive Melodiker, der oft mit einer einzigen Wendung die Seele seiner Zuhörer zum Klingen bringt, den Heroen seiner Jugend: Hank B. Marvin von den Shadows, dazu Duane Eddy, Chet Atkins, Django Reinhardt und Lonnie Johnson.
Songs auf ihre folkloristischen Wurzeln befragen
Jetzt machte Mark Knopfler während seiner Welttournee in der Frankfurter Festhalle Station und zog eine Art Bilanz der eigenen Geschichte. Mit einem Septett der Sonderklasse - neben dem zweiten Gitarristen Richard Bennett und zwei Keyboardern ist John McCusker, ein versierter Geiger und Flötist, mit von der Partie - destillierte er die volksliedhaften Anteile aus Liedern wie What It Is oder Postcards From Paraguay heraus. Man hatte den Eindruck, als wollte Knopfler an diesem Abend all seine Songs auf ihre folkloristischen Wurzeln in Schottland, Irland und Nashville befragen. Vielleicht ließ er sich deshalb immer wieder auf lange Zwiegespräche mit McCuskers Fiddle-Spiel ein.
Schon der Eröffnungstitel Cannibals im tanzbaren Zydeco-Stil mit Akkordeon gibt die musikantische Signatur der Songfolge vor. Oft variiert Knopfler die Gesangslinien gegenüber den Originalen, verleiht seiner abgeklärten Phrasierung noch kontemplativen Schmelz. Spätestens in dem selten gespielten Bill Farmer's Blues wird unmittelbar spürbar, wie souverän Knopfler heute mit den dickflüssigen Tonmalereien seiner Les-Paul-Gitarre die Stimme verlängert. Zu unwiderlegbaren Beweisen dieser instrumentalen Beredsamkeit geraten dann die alten Dire Straits-Gassenhauer Sultans of Swing und Telegraph Road - beide natürlich vom roten Stratocaster-Signature-Modell beflügelt. Nicht nur greift er hier einzelne Gesangsmotive auf und treibt sie weiter; er lässt seine Stimme ansatzlos in jubilierenden Schwingungen der Saiten aufgehen und findet so mit seinem Instrument zu einer magischen Einheit.
Wunder im Weichspülen
Hundertmal gehört, selten so betört: Brothers in Arms - die Waffenbrüder scheinen an diesem Abend jeder Schlachtordnung zu misstrauen und stattdessen ihr Überleben in triumphaler Schwermut zu genießen. Selten hat Knopfler seine Gibson zu einem so sensiblen Sprachrohr gemacht wie in dieser Frankfurter Interpretation. Welche samtige Tiefe sein Sprechgesang inzwischen auslotet, demonstriert die Ballade von Romeo and Juliet: ein einzigartiges Manifest der Zärtlichkeit. Die beiden einzigen Titel vom neuen Album, True Love Will Never Fade und The Fish And The Bird, wirken vor diesem beseelten Hintergrund wie Fingerübungen.
Kein Wunder, dass solche Konzerte - wie übrigens schon zu Dire Straits-Zeiten - von innovationssüchtigen Poppropheten als versöhnliche Demonstrationen des Mainstream, als Wunder im Weichspülen geschmäht werden. Vielleicht ist es Knopflers Problem, dass er wider besseres Wissen an die Durchsetzungsfähigkeit aufrichtiger Gefühle in einer korrupten Welt glaubt. Musik gilt ihm noch immer als Heimstatt der empfindsamen Seele: Going Home, dieses Himmelfahrt-Instrumental aus der Filmmusik Local Hero, war nicht zufällig der Schlusstitel des grandiosen Konzerts. Solche Sehnsuchtsorte bleiben immer umkämpft - nicht nur in der Popkultur.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold
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