Von Georg Diez
24. Juli 2004 Wagnerianer sind Lemminge. Sie treten in Scharen auf, schieben sich den Hügel hoch und stürzen sich gemeinsam in einen Abgrund, den nur sie kennen. Unten warten der trunkene Tod, ein wenig Erlösung und sehr viel Musik.
Dann rappeln sie sich wieder auf, klopfen sich den Staub von den Kleidern, schreien ein bißchen Buh, denn der Meister mit der Mütze hätte das auf der Bühne alles ganz anders inszeniert, verlassen müde und zufrieden das Parkett und fahren wieder nach Hause, nach Sindelfingen, Tokio, München oder Nanterre.
So soll es jedenfalls in den besseren Bayreuth-Momenten gewesen sein (gemeint ist damit fast immer das ferne Jahr 1976, als die meisten Chéreaus Ring ablehnten, was aber nichts half, alle Welt erinnert sich besonders gern an den Jahrhundert-Ring); und so soll es auch heute abend sein, wenn irgendwann kurz nach zehn die Wolken über Bayreuth aufreißen und dieser strahlende Tor zum Applaus auf die Bühne tritt, halb Erfindung, halb Verblendung, und er wird weder die Erlösung gebracht haben noch die Verdammnis, dieser Christoph Schlingensief.
Ums Verstehen geht es auch Wagner nicht
Sie werden Buh rufen, weil sie denken, da habe sie einer ärgern wollen. Frau Merkel wird sich fragen, ob dafür die DDR untergehen mußte; Herr Gottschalk wird sich fragen, wann er wieder nach Amerika darf; die Kritiker werden sich fragen, was es zu fragen gibt.
Und alle werden versuchen zu verstehen, obwohl es ums Verstehen bei Schlingensief gar nicht geht, das kann man mögen oder nicht; aber ums Verstehen geht es auch Wagner nicht, das kann mir keiner erzählen.
Aber später, so funktioniert das mit dem Gedächtnis, werden sie sich alle wieder gern erinnern an diesen wüsten Sommer 2004, als Schlingensief und Wolfgang Wagner nur noch per Anwalt kommunizierten; als Schlingensief alles hinzuschmeißen drohte; als es um Videos ging und die Drehbühne; als täglich neue Gerüchte aus der Angstanstalt Bayreuth in den Zeitungen standen; als zwei Tage vor der Premiere sogar die Autobahn bei Bayreuth gesperrt werden mußte, um den Hagel wegzuräumen, der einen halben Meter hoch lag, all das schien da vom Himmel gekommen zu sein, was sich an Drohungen, Beschimpfungen und Verwünschungen aufgestaut hatte.
Statt Robben sitzen da nun Wagnerianer
Die Leute werden sich an diesen genialischen Brausekopf erinnern, der ihnen einen Film mit verwesenden Hasen zeigte und ein besonders dickes Mädchen mit großen Brüsten und der ganz andere Bilder nach Bayreuth bringen wollte: Bilder, die er nicht im Opernfundus gefunden hatte, sondern bei Beuys, bei Matthew Barney und David Lynch. Bilder, die er auf den Streifzügen gesammelt hat, die ihn mit Wagner durch die Welt getrieben haben, von Oberhausen nach New York und bis nach Namibia, wo er 1999 die Wüste mit Wagner beschallte - und wo damals Steine waren oder Sträucher oder sogar Robben, wie er sagt, da sitzen halt diesmal die Wagnerianer.
Alle werden sich daran erinnern und manche sogar gern, nur sicher nicht Endrik Wottrich, der den Parsifal singen mußte, obwohl er gar nicht wollte, und der dem Regisseur am liebsten eine der Hanteln auf den Fuß geworfen hätte, mit denen Wottrich seinen wuchtigen Wagnerkörper trainiert.
Alle haben sie noch einmal geredet, kurz vor Schluß, bevor der Schlingensief-Blitz vorbei war, nur Schlingensief nicht, der zum Kaffeetrinken aufs Land fuhr und mal mit dem Dirigenten Boulez telefonierte und ansonsten sagte, der dritte Akt sei der Hit, die Sache sei gut, und ich will schweigen.
Das alles gehört schon zur Inszenierung
Nicht so Nike Wagner, die das Wort von der Asylantenästhetik erfand. Nicht so Wolfgang Wagner, von dem es zuletzt hieß, ihm habe die Inszenierung doch gefallen. Aber besonders angefressen war dieser Wottrich, der, soviel Indiskretion muß sein, mehr als nur besonders eng mit Katharina Wagner befreundet sei, wie es in der Bild heißt; dieser Wottrich, der ein paar Tage vor der Premiere Schlingensief tiefgreifende Unfähigkeit vorwarf, was die Meinung von Kollegen bestätigt, daß der Regisseur gefunden werden müsse, der mit Wottrich auskommt.
So war das alles in Bayreuth in diesem Jahr, und wer denkt, daß das schon zur Inszenierung gehörte, der hat recht und nicht. Es war dies der Sommer, als sich der Kreisel aus Ekel, Faszination und publizistischen Metastasen, der Schlingensiefs Karriere stets gewesen ist, besonders wild drehte.
Als begann mit Tristan und Isolde
Und Buñuel ist an allem schuld. Es wäre sicher vieles anders gekommen, der Mann, den sie gern einen Provokateur nennen, wäre trotzdem nicht Apotheker geworden oder Gymnasiallehrer; aber vielleicht wäre sein Leiden an Deutschland, dieses Leiden, das ihn sein Leben lang antreibt, etwas gefaßter gewesen, etwas gemäßigter, etwas weniger nebelhaft und manisch. Etwas weniger Wagner.
Sie hatten ja schon immer viel Richard Strauss gehört daheim, die Eltern mit dem Sohn, und natürlich Beethoven, die Neunte, immer wieder hatten sie die Neunte gehört, die Ursymphonie; dann kam Buñuel, dann kam Das goldene Zeitalter, dann kam Tristan und Isolde, die Musik hatte der Regisseur in seinem Film verwendet, dann fing das alles an, das mit Wagner.
Um einen anfälligen Menschen ist es da leicht geschehen.
Diese Reise wird auch in Bayreuth nicht zu Ende sein
Es begann damals eine Reise, die Reise des Christoph Schlingensief, und auch wenn er manchmal glaubte, an einen Endpunkt gekommen zu sein, der nie das Ziel sein konnte, so weiß er doch jetzt, daß diese Reise auch nach Bayreuth nicht zu Ende ist, daß er weiter durch das wüste Land ziehen wird, das Nepal sein kann oder Weimar oder das deutsche Feuilleton.
Die Provinz ist die Brutstätte der Helden, das hatte er 1999 gesagt, als er mit dem Volvo vor dem Denkmal in Weimar stand, aus den Boxen auf dem Dach krachte Wagners Ring, es war Schlingensiefs Deutschlandsuche, mit der er seiner Obsession ein Ende setzen wollte - 99 Gegenstände sammelte er auf der Fahrt durch Deutschland, die er in einen Koffer packte, um ihn in New York symbolisch zu versenken. Da hatte er Wagnermusik schon in seinen Filmen verwendet, in 100 Jahre Adolf Hitler von 1989 und auch damals, als er Veit Harlans Opfergang nachspielte, und auch in den Theaterprojekten Kühnen 94 und Schlacht um Europa. Er hatte eine Partei gegründet und den Chance 2000-Staat, er hatte die Deutsche Bank damit überrascht, daß er 100.000 Mark in kleinen Scheinen verbrennen wollte, er hatte mit ein paar Arbeitslosen in Helmut Kohls Wolfgangsee gebadet, er hatte die Berliner Republik begraben, kaum war sie erstanden - und jedesmal schien es ein Ende zu sein, ein Punkt, von dem aus es nicht weitergehen konnte.
Mit Wagner noch nicht fertig
Und nun also, nach all dem Untergangspathos und all den Gehirnduschen, nach all den medialen Mißverständnissen, die seine Karriere begleiten und die Welt gerade vom wichtigsten deutschen Künstler der neunziger Jahre reden ließen, nach all dem stand Schlingensief an einem kalten Morgen auf diesem Schiff, das den Hudson River hinunterfuhr in Richtung Freiheitsstatue, es war der 9. November 1999, und der Koffer, in dem er Deutschland versenken wollte, trieb noch eine Weile an der Wasseroberfläche, bevor er im Hafenwasser von New York versank. Dazu lief Wagnermusik aus einem krächzenden Rekorder, Siegfrieds Rheinfahrt. Eine typische Schlingensief-Performance, zwischen Assoziations-Gau und höherem Dilettantismus.
In der Ausstellung Children of Berlin, die damals im PS 1 in Brooklyn zu sehen war, zeigte er einen Raum mit Zelten hinter Maschendrahtzaun, die Götterdämmerung lief und der Film Menu total von 1985, in dem Helge Schneider einen Jungen spielte, der sich als Führer phantasiert und seine ganze Familie umbringt.
Die Symbolik schien sich langsam zu zersetzen damals. Die ermordete Familie im Film stand wieder auf und sang Kommet der Erlöser dein. Aber Schlingensief war mit Wagner noch nicht fertig.
Geschummelt hat auch Wagner
Er fuhr nach Namibia, wo er eine Ritterburg in der Wüste fand mit Teakholz und einem Prunksaal und einer Ring-Partitur. Er setzte sich an den Fish River Canyon, es war die Jahrtausendwende, darunter macht es Schlingensief nicht, er hatte die Götterdämmerung genau so eingestellt, daß der letzte Ton in dem Moment erklang, als die Sonne unterging.
Man sah die zukünftige Vergangenheit wieder aufsteigen, erzählte er emphatisch. Und was macht es schon, ob es so war, schließlich hat auch Richard Wagner geschummelt, als er für den April 1857 über Wolfram von Eschenbachs Parzival in seiner Autobiographie verzeichnete: Jetzt trat sein idealer Gehalt in überwältigender Form an mich heran, und von dem Karfreitags-Gedanken aus konzipierte ich schnell ein ganzes Drama, welches ich, in drei Akte geteilt, sofort mit wenigen Zügen flüchtig skizzierte. Wagner hatte, der Wirkung wegen, den Ort dieser Inspiration ins idyllische Grün verlegt.
So ziehen sie seit vielen Jahren gemeinsam durchs Land, Brüder im Fleische, der Mythenstifter Wagner und der am Mythos erkrankte Schlingensief, dieser panreligiöse Eiferer, dessen ganzes Werk durchzogen ist von einem egomanischen Erlösungsgedanken.
Ein Kraftwerk, das Bilder produziert
Ist er also eine heilige Nervensäge, dieser Christoph Schlingensief? Ein Scharlatan? Ein Stifter, mehr von Zweifel als von Sinn?
Ein Provokateur ist er jedenfalls nicht, das ist eine Berufsbeschreibung für Künstler, wie es sie nur in Deutschland gibt; Provokateur ist ein leeres Wort; Provokateur, das klingt nach Reichstagsbrand und Kaffeeflecken auf Tischdecken und nach bürgerlichen Ängsten. Der einzige, der seine Angst wie ein großes Schild vor sich her trägt, ist dabei dieser so deutsche Künstler, der diese Angst braucht für seinen Antrieb - Schlingensief, dieser wahre Wagnerianer, der auch ein Kirchengründer ist, Church of Fear heißt diese Vereinigung und ist recht agnostisch.
Nein, Christoph Schlingensief, dem es immer so im Kopf kracht und kribbelt vor lauter Gedanken, ist ein Kraftwerk, das Bilder produziert: Bilder, die aus numinosen Tiefen aufsteigen. Manchmal geben seine Assoziationen dem Nebelhaften Schärfe; manchmal halten seine Bilder auch nur Schlingensief auf Trab, der sich selbst hinterher rennt. Und jedesmal, wenn er in den Abgrund springt, ruft er: Erlösung dem Erlöser!
Schlingensief in Bayreuth wird kein Fehler gewesen sein. Es kann sogar sein, daß die Wagnerianer bald merken: Das ist ja einer von ihnen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25. Juli 2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb