Schimmelpfennigs „Idomeneus“

Das Recht des Ärgeren

Von Gerhard Stadelmaier

Das Gegenvolk: vierzehn Schauspieler in Dieter Dorns Schimmelpfennig-“Idomeneus“

Das Gegenvolk: vierzehn Schauspieler in Dieter Dorns Schimmelpfennig-"Idomeneus"

16. Juni 2008 Mozart spielt nicht mehr mit. Zwar liegen im leeren Orchestergraben des neu eröffneten Cuvilliés-Theaters in der Münchner Residenz noch die Noten auf den Pulten der Musiker und des Dirigenten. Und tags zuvor ging bei der „Idomeneo“-Premiere, mit der das Haus in der Regie von Dieter Dorn wieder eingeweiht wurde, auf der Bühne ja noch alles gut aus. Weil der Gott nicht das Opfer wollte, das ihm der kretische König Idomeneo versprach, nämlich wenn er, siegreich entkommend der Schlächterei vor Troja, aus tödlichster Seenot gerettet werde, das erste Lebewesen, das er bei seiner Heimkehr antreffe, dem Gotte darzubringen. Auf dieser Bühne nun aber, wo gestern noch der König seinen eigenen Sohn als Ersten am heimischen Strand antraf und der Gott den Willen zum Opfer (wie einst bei Abraham und Isaak) schon für das Opfer nahm – da sitzen am Tage danach: wir, das Publikum. Und schauen in den herrlichen Saal hinab.

Mozarts Götter, Prinzen, Königstöchter, Feudale sind jetzt ersetzt durch uns bürgerliche Voyeure. Die Tonartenfolge der Oper wird abgelöst durch die frei schweifende Dramaturgie der Blicke. In einer Art gelenkter Spiegelung. Denn drunten im feudalarchitektonischen Glanz sitzen, stehen, laufen, gruppieren vierzehn Schauspieler des Bayerischen Staatstheaters in elegant schäbigen Blousons, Pullovern, Hemden, Kleidern, Anzügen. Der Einfall ist nicht neu, das Publikum auf die Bühne, die Schauspieler in den Zuschauerraum zu verfrachten. Er riecht nach Konzept. Hier aber folgt er einer Notwendigkeit.

Endlich mal wieder Figuren, die ihr Gehirn benutzen

Die Vierzehn nämlich spielen kein Stück. Sie stellen Fragen an ein Stück alter, ferner, märchenhaft grausamer Geschichte, das sie so gut zu kennen scheinen, dass es ihnen schon wieder („War es wirklich so?“) fremd und fragwürdig wird. Man gibt jetzt nicht mehr Mozarts „Idomeneo“. Man gibt „Idomeneus“ von Roland Schimmelpfennig, ebenfalls inszeniert von Dieter Dorn. Die Vierzehn sind unser Gegenvolk. Bilden den Chor, der im streng rhythmisierten Sprechgesang sich Gedanken macht.

Es ist eine seltene Freude: endlich mal wieder Figuren, die ihr Gehirn benutzen. Roland Schimmelpfennigs bisheriges Dramenpersonal, ob in der „Arabischen Nacht“ (2001), ob in „Für eine bessere Welt“ (2003), ob in „Ambrosia“ (2006) oder „Auf der Greifswalder Straße“ (2006), ob im „Reich der Tiere“ (2007) oder „Calypso“ (2008), wurde ja immer durch Kriege, Räusche, Bootsunglücke, Flaschengeister, Hitzewellen und Sonnenstillstand der Welt so seltsam entrückt, dass es nur dazu kam, dem allen mehr oder weniger grotesk hinterherzufühlen. Schimmelpfennigspieler sind normalerweise Bauchspieler.

Schimmelpfennig spielt das Drama in Gedanken

Jetzt, in seinem ersten wahren Kopfsstück, fragen sich der streng glühende junge Mann und der alte bedächtige, aber seltsam erregte Chor-Herr, warum Idomeneus, der König von Kreta, der in Troja so viele Leute abgeschlachtet hatte, sich nicht auch einfach dem Tod durch Ertrinken hingegeben habe? Wieso er leben wolle? Wieso er für sein Überleben in Todesnot ein Opfer versprochen habe? War das ganze Opfernmüssen und das „Versprochen ist versprochen!“ nichts weiter als ein Hirngespinst? Ein egoistischer Tausch: Sein Leben gegen meines? Es geht um das Unrecht des Stärkeren – und um das Recht des Ärgeren. Schimmelpfennig, der dem „Idomeneus“ die handelnden Figuren verweigert und die kommentierenden einführt, verweigert aber das Drama nicht. Er spielt es in Gedanken. Was aber nützt ein Drama in Gedanken? Hier nützt es alles. Weil es gerade in Gedanken alle Menschenmöglichkeiten offen- und deshalb buchstäblich: vorstellbar sein lässt.

Dass sich der Volkschor in skandierender Leichtigkeit vorstellt, Idomeneus habe seinen Sohn sofort geschlachtet, sei vom kretischen Volk aufgehängt worden, man habe seine Haut abgezogen und aus seinen Därmen eine Kette gemacht, die man dem aufgehängten König um den Hals schlang – das ist eine Wort-Szene, die an Bild-Drastik jedem Bühnenbild, jedem realistischen oder surrealistischen Nachspiel überlegen ist. Es gilt das gesprochene Wort. Aber dieses Wort ist nicht Bildfleisch, sondern Denkfutter geworden.

Eine mögliche, blutige Katastrophe mit allen Schikanen

Das Kalb, das aus dem Bauch eines Walfisches, der am Strand von Kreta liegt, geschnitten wurde und einen Wolf mit Kalbsfüßen wirft, auf dem ein Fohlen mit Katzenpfoten reitet, dieses Fabel- und Mythenwesen, das dem König Idomeneus sagt: Ich bin dein Sohn, wirf den Kerl, der behauptet, er sei es, aus dem Haus, töte ihn – das ist das Monster, das im Kopf grandios wirkt, auf der realen Bühne aber ziemlich abstinken würde. Und die Attacke der jungen, blonden Ehefrau, die dem heimkehrenden König vorwirft, warum er so viele Skrupel habe, ein Kind wie das ihre und das seine zu opfern, sie könne („Los, fick mit mir!“) ihm ja wieder neue schenken, er habe schließlich in Troja so viele Kinder geschlachtet, da komme es auf eines mehr nicht an – dieser zynische, bittere Anwurf ist als rhetorisches Nebenbei-Scharmützel zwischen Anna Riedl und Stefan Wilkening in aller versbetonter Nüchternheit eine hirnrissige Tollheit.

Als ausgespielte Szene wäre es schlicht: Kitsch. Und wenn sich der heimkehrende König in Stefan Hunsteins Gestalt sanft vor die Zuschauer auf die Rampe legt und Sibylle Canonica als seine Königin Meda sich ihm kurz andeutend anschmiegt, von der die Sage geht, sie habe den in Troja Abwesenden mit dem König Nauplios betrogen, dann ist dieser mögliche Ehebruch, wenn ihn ein in den Rängen des Cuvilliés-Theaters verteiltes junges Volk höhnisch bewispert, zwar Anekdotenmörtel, mit dem die Risse im Mythosgemäuer gefüllt werden. Und es ist zugleich eine mögliche, blutige Katastrophe mit allen Schikanen.

Eine Wucht, die aus der Form kommt

Dass Idamante, der Königssohn, sich hier nicht einfach abschlachten lässt, sondern den Chor vorschickt, der ihn zitiert: „Bevor du mich umbringst, bringe ich dich um“, dass ihm von Schimmelpfennig ein Fischermädchen spendiert wird, das er schwängert, dass der König vom Vater dieses Mädchens nach Sizilien überführt und dort ausgesetzt wird, nachdem das Volk vom König die Schnauze voll hat („Aber so ist es nicht gewesen“), und dass der König am Ende sich selber aufhängt oder doch nicht, weil: „Ich hänge am Leben“, dass verschiedene Varianten von Revolten und Aufständen pubertierender Kinder durchgespielt werden, wobei Elektra, Agamemnons Tochter, die den Idamante liebt und von der gesagt wird, dass sie glücklich mit ihm fliehe („Aber so ist es nicht gewesen“), natürlich heim nach Mykene muss, um dort, wie es der Mythos will, die Mutter zu töten – das alles macht dieses Stücke-Stück nicht klein und unentschieden. Sondern gibt ihm eine Wucht, die aus der Form kommt.

Gerade weil er alle Möglichkeiten offenhält, die zwischen Leben und Tod, Glauben und Aberglauben, Vernunft und Raserei, Gott und der Welt passieren können, hat Schimmelpfennigs „Idomeneus“ einen Zug ins Große. Und da er sich Gedanken macht – einen Zug ins Gescheite. Und da hier so wundervoll, immer pathetisch im Sinn, nie pathetisch im Ton, gesprochen wird – einen Zug ins Grundmusikalische. Mozart würde mitspielen.

Weitere Vorstellungen in diesem Monat

Montag, 16. Juni: 20 Uhr
Dienstag, 17. Juni: 20 Uhr
Donnerstag, 19. Juni: 20 Uhr
Freitag, 20. Juni: 20 Uhr
Samstag, 21. Juni: 11 Uhr

Montag, 23. Juni: 20 Uhr
Samstag, 28. Juni: 11 Uhr

Montag, 30. Juni: 20 Uhr

Text: F.A.Z.

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