„Drei Farben“ in München

Blau, weiß, rot sind alle meine Lieben

Von Teresa Grenzmann

“Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“: Wiebke Puls und Steven Scharf in den Münchner Kammerspielen

"Drei Farben: Blau, Weiss, Rot": Wiebke Puls und Steven Scharf in den Münchner Kammerspielen

30. März 2009 Der Abend trägt dezente Streifen: ein braun-braun gestreiftes Parkett mit Vorsprung und Stufe, dazu ein wahlweise blau, weiß, rot leuchtender Streifen Bühnenhorizont und zehn Schauspieler, welche die starken, kargen Satzgefüge ihrer liebesverwaisten Figuren sorgfältig und nachdrücklich nebeneinander tapezieren, vereint durch ein komplex ausgerolltes Thema für drei Farbvariationen. Auch wenn schon nach den ersten paar Minuten eine lange blaue Volvo-Schnauze senkrecht vom Bühnenhimmel ins steife Streifenparkett stürzt: Puristisch und leicht, so grundiert der Regisseur Johan Simons die vielsinnlich fesselnde dramatische Uraufführung von „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ auf der Bühne der Münchner Kammerspiele.

Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz schufen diese leise, zerbrechlich schöne, hintergründig ironische Trilogie des Liebesschmerzes 1993 und 1994. Drei preisgekrönte Filme, die alle gleichzeitig, im wechselhaften Frühlingswetter zwischen Kälte und Wärme, Schatten und Licht, Armut und Reichtum, Polen und Frankreich, Schuld und Recht spielen und deren titelgebendes Thema den revolutionären Dreiklang von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ darstellt, symbolisiert durch die einzelnen Farben der französischen Flagge. Beide – Ideale und Farben – werden in der Trilogie auf gleichnishafte Weise auf die privaten Lebensgeschichten vereinzelter Figuren projiziert, die alle in einem merkwürdig zufälligen, gemeinsamen Schicksal erst parallel und am Ende – als einzige Überlebende eines Schiffsunglücks – gar zusammengeführt werden.

Sie wollte mehr, als er ihr geben konnte

Da ist die Französin Julie, die bei einem Autounfall im ersten, „blauen“ Teil über die Freiheit ihre Familie verliert und sich nur zögernd zur Vollendung der letzten Komposition ihres Mannes, eines „Konzerts für die Vereinigung von Europa“, überwindet. Da ist der Pole Karol Karol, der sich im zweiten, „weißen“ Teil über die Gleichheit vergebens gegen die Scheidung von seiner französischen Frau Dominique wehrt und sich schließlich liebend an ihr rächt, indem er sich selbst für tot erklärt. Da ist das Genfer Model Valentine, das im dritten, „roten“ Teil über die Brüderlichkeit einen alten Richter im Vorruhestand dazu bewegt, nicht länger den Spion seiner Nachbarn zu spielen und stattdessen Frieden mit sich selbst zu schließen.

„Sie wollte mehr, als ich ihr geben konnte.“ Mit diesen Worten fasst der Richter gegen Ende der „Drei Farben“ die Gründe für das Scheitern seiner eigenen, tragischen Liebesgeschichte zusammen – und bringt damit auch die Grundmotivation aller übrigen Hauptfiguren auf den Punkt: Sie stehen alle vor der Wahl, ihr Leben zu vernichten oder zu vollenden. Tränenerstickt presst der niederländische Schauspieler Jeroen Willems diese verbitterten Worte heraus, während er „Drei Farben: Rot“ verkniffen auf einem Klavierhocker verbringt, in einem einzigen großartig konzentrierten Dialog mit Sandra Hüllers misstrauischer Valentine.

Theatergemäße Wege der Stilisierung

Kieślowskis Kino lebt von seinen nachdenklichen, intensiven Nahaufnahmen und seinen stummen Bildern, die sich als Leitmotive durch die Filme ziehen. Johan Simons, der mit der Spielzeit 2010/2011 die Intendanz der Kammerspiele übernehmen wird, findet andere, theatergemäße Wege der Stilisierung, um dem Abend einen eigenwilligen Rhythmus zu verleihen. Weniger getragen, melancholisch, ergreifend, doch auf eine andere Weise ebenso schmerzvoll und beeindruckend, weniger höflich, doch auf eine andere Weise ebenso nüchtern und aufrichtig. Und im Teil „Weiß“ sogar von einem blitzenden Zynismus.

Thomas Schmauser lebt die Karikatur des kleinen Mannes Karol Karol, des Nachwuchs-Revolutionärs mit dem offenen Hosenstall, der sich vom betrogenen Pariser Friseur zum gewieften Warschauer Export-Experten mausert und alle Komik doch mit einem Mal hinunterschluckt, wenn er an seine Liebe denkt: die schöne, arrogante Dominique, die Wiebke Puls ihrerseits mit einem mörderischen und einem melancholischen Augenaufschlag versieht. Dass diese kleine Tragikomödie, die mehr als die beiden anderen Teile die europäische Idee von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als andauernde Illusion entlarvt, in München noch über weiteres groteskes Personal verfügt, ist dem niederländischen Dramaturgen Koen Tachelet zu danken. Bereits im Februar 2005 beeindruckten Tachelet und Simons in den Kammerspielen mit der Adaptation von Kieślowskis „Dekalog“ und vor einem Jahr mit der Bühnenfassung von Joseph Roths Roman „Hiob“.

Monotonie an Monochromie

Wie Kieślowski fordert auch Simons von seinen Zuschauern Fantasie: Im Nebeneinander von Zeiten und Orten spielt die manchmal fast zu überhörende, manchmal ohrenbetäubende Klangkulisse von Paul Koek und Ton van der Meer den subtilen Audioguide. Requisiten werden nur optisch angedeutet oder pantomimisch ersetzt; um Öffentlichkeit zu simulieren, schaltet Simons schlicht das Saallicht an. Als im ersten Teil Sylvana Krappatsch und Stephan Bissmeier wortkarg und ungelenk an der Rampe stehen, um Julies Komposition durchzugehen, bleibt das Konzert unhörbar. Und auch in den kleineren, körperlich spannend gezeichneten Charakteren von Lena Lauzemis, Hildegard Schmahl, Steven Scharf und Edmund Telgenkämper (etwa Karels treudoofem Bruder Jurek oder der freiberuflichen Wetteransage Karin) bleibt die Sprache oft künstlich ungekünstelt, betont tonlos: Monotonie an Monochromie.

Auch an die Voraussetzung Kieślowskis, „Verbindungen zu schon Gesehenem, aber Unbemerktem zu schaffen“, knüpfen Simons und Tachelet in ihrer effektvollen Bühnenfassung an. Der geheimnisvollen Gleichzeitigkeit der drei Teile – wenn etwa in „Weiß“ Julie aus „Blau“, gerade als Karol Karol um Gleichheit bittet, in den Gerichtssaal platzt – widmen sie mehr Raum und Deutlichkeit, spalten noch dazu einzelne Szenen und so manche Persönlichkeit. In der Ökonomie aber, die gleichen zehn Schauspieler in allen „Drei Farben“ einzusetzen, liegt damit schließlich auch die Botschaft: Die Tricolore ist unteilbar. Langer Beifall für den designierten Intendanten und sein Ensemble.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Lennart Preiss/ddp

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