Soul-Legende Solomon Burke

Ich schüttelte Präsidenten- und Papsthände

Von Jonathan Fischer

Der König des Soul in Nadelstreifen: Solomon Burke liebt die Selbstinszenierung

Der König des Soul in Nadelstreifen: Solomon Burke liebt die Selbstinszenierung

21. Juli 2008 „God bless you“: Der Mann mit der Buddha-Figur hat es offensichtlich kaum eilig, die Soulparty in Schwung zu bringen. Vielmehr lässt er erst einmal seinen seelsorgerlichen Blick durch das Bierzelt des Festivals „Jazz an der Donau“ in Straubing schweifen und bedankt sich, sonor brummend, beim Publikum. Und er schmeichelt den überwiegend schon etwas ergrauteren Fans, als er davon schwärmt, „wie gut es sei, all diese jungen Leute vor sich zu sehen“. Es würde kein normales Soulkonzert werden.

Zuerst trugen Bühnenarbeiter einen gewaltigen Gold-Thron herein. Dann plazierten sie links und rechts Tontröge mit einem Großhandelsgebinde aus Rosen. Zuletzt, der Kapellmeister ließ schon die Instrumente stimmen, robbte noch ein Roadie hastig über die Bühne, um einen roten Teppich auszurollen - Showtime für seine Majestät, den „King of Soul“, Solomon Burke. In einem Rollstuhl und im Dunklen ließ sich der schwergewichtige Sänger hereinschieben, von vier hübschen jungen Damen abschirmen und das Licht erst einschalten, als er auf seinen Thron saß; dies nicht nur, weil die schöne Bühnenillusion durch den Anblick eines gebrechlichen Mannes, der kaum noch aus eigener Kraft stehen kann, hätte leiden können, sondern auch, weil Burke seit je eine kindliche Freude an der Selbstinszenierung hat.

Das Szepter in der Hand

Links wo das Herz ist: Solomon Burke lässt sich betören

Links wo das Herz ist: Solomon Burke lässt sich betören

Schon in den sechziger Jahren bestieg der Soulsänger die Bühne am liebsten mit einem Replikat der englischen Königskrone, ein Szepter in der Hand, die Hermelinschleppe von einem darunter verborgenen Liliputaner getragen. Auf diese Zutaten hat er diesmal zwar verzichtet. Dafür aber bringt Burke ein Orchester der Soul-Superlative mit: Neben einer Bläsersektion flankieren ihn auch noch vier langbeinige Damen in Goldpaillettenkleidchen als Violinistinnen und Background-Chor. „I shook the hand of the president and the pope in Rome“, hebt Burke zu „Diamond In Your Mind“ an. Im Hintergrund wimmert eine Hammondorgel, und die zwölfköpfige Band schmiegt sich wie eine seidene Decke um den klaren Bariton des Zweiundsiebzigjährigen.

Diese Stimme füllt das ganze Zelt, eine inbrünstige Empathie, die alles verstehen, verzeihen, versöhnen kann. Und die Rührung in den Augen des Sängers scheint echt. Der Song handelt von einem Mann, der für den Papst singt und Staatsoberhäupter trifft und doch alle weltlichen Niederungen kennt, bankrottgeht, um den Zusammenhalt seiner großen Familie kämpft und wohl jedes Tal der Depression durchschritten hat - Solomon Burkes Leben als Soulnummer. Tom Waits hat sie ihm auf den Leib geschrieben. Und Burke, für den auch Bob Dylan, Eric Clapton und Van Morrison schon zur Feder gegriffen haben, wickelt sie, wie er selbst sagt, für sein Publikum nur noch in Samt ein. Das trifft zweifellos auf Burkes erstaunlich volle, warm vibrierende Stimme zu, seine Phrasierung, die nur inneren Gesetzmäßigkeiten folgt und von seinem langjährigen Kirchenorganisten Rudy Copeland mit kongenialen Riffs erfühlt wird.

Dramaturgie der Seele

Tatsächlich stellt der blinde alte Mann an der Orgel, dessen stürmisches Geschaukel mehr als einmal an Ray Charles erinnert, zusammen mit Gitarrenveteran Sam Mayfield das Herzstück von Solomon Burkes Band. Der Bischof führt, sie folgen. Und Burke weiß ganz genau um die Dramaturgie der Seele, kann jederzeit vom glattesten Country-Singstil ins eifrige Gebet eines Baptistenpredigers wechseln. Eine Souveränität, die ihm schon in die Wiege gelegt wurde: Als Burke zwölf Jahre vor seiner Geburt während eines Gottesdienstes in Philadelphia seiner Großmutter in einer Prophezeiung erscheint, gründet diese die „House of God for All People Church“, der heute rund 40.000 Mitglieder in ganz Nordamerika und Jamaika angehören.

Mit sieben Jahren hält Solomon seine erste Predigt, mit neun wird er zum Bischof gekürt. Als Burke Anfang der sechziger Jahre bei Atlantic Records in New York auftaucht, ist Labelboss Jerry Wexler überzeugt, den „größten Soulsänger aller Zeiten“ gefunden zu haben. Burkes mitfühlendes Organ kommt bei Hörern aller Hautfarben an, viele seiner Songs waren ursprünglich Countrynummern. Auch in Straubing erweist Burke seiner alten Liebe Reverenz, etwa mit dem Sechziger-Hit „Down In The Valley“ oder mit Material aus seinem 2006 eingespielten Countryalbum „Nashville“, dem schwermütig dahinschreitenden „That's Why I Came To Memphis“ etwa oder „Till I Get It Right“, ein Song, dem Burke die Mahnung vorausschickt, die Liebe als lebenslanges Projekt zu sehen.

Einen Umschwung für diese Welt

Überhaupt verwischt der Bischof in den langsamen Tempi den Unterschied zwischen Lied und Gebet zunehmend: „Wir machen alle Fehler“, predigt er. „Und es ist in Ordnung, sich zu irren. Nur aufgeben darf man sich niemals.“ So markiert denn auch „Don't Give Up On Me“ den Höhepunkt des Abends, der Titelsong seines grammy-gekrönten Comebackalbums aus dem Jahre 2002 und einer der Texte, die Burke sichtlich am meisten bewegen. Auch wenn der Bischof nicht mehr aufstehen kann, so rockt er im Nadelstreifenanzug rhythmisch auf seinem Thron, breitet segnend die Arme aus und bringt mit geschlossenen Augen jedes Wort zum Glühen. Die Menschen drängen sich um die Absperrung, und Burke würde sie nur zu gerne zu sich lassen. Als die Bühnenordner der Bitte des Bischofs nicht entsprechen, schickt er sie als Messdiener los, um die Rosen unter das Volk zu bringen. Applaus für Burke, als dieser prophezeit, „einen Umschwung auf dieser Welt zu erleben, einen Wechsel auch im Weißen Haus“.

Ein Thron für den König des Soul: Solomon Burke

Ein Thron für den König des Soul: Solomon Burke

Was könnte da besser passen als die lebensweise Hymne „If one of us is chained, none of us are free“? Orgel und Gitarren nehmen den Funkrhythmus auf, Tochter und Enkelin, die als Chorsängerinnen mitwirken, tupfen dem Bischof, der einundzwanzig Kinder, neunundachtzig Enkel und ein Dutzend Urenkel hat, den Schweiß von der Stirn. Zur Karaoke-Einlage bei „Proud Mary“ hüpfen dann zwei Dutzend Frauen aus dem Publikum um seinen Thron herum. Der Bischof genießt die Tuchfühlung mit seinen Fans, holt selbst aus seinem von den Rolling Stones bis zu den Blues Brothers abgenudelten Partykracher „Everybody Needs Somebody to Love“ noch genug Seele heraus, um ganz Straubing auf ein höheres Bewusstseinsniveau zu heben. Offensichtlich verhindert allein Burkes Präsenz jede Oldiesierung.

Wie die aussieht, demonstrierte im Anschluss der sechsundsechzig Jahre alte Kollege Percy Sledge, dessen gepresst-gewinselte Balladen à la „When A Man Loves A Woman“ nur noch sentimental wirkten. Nach dem Konzert verteilt Bischof Burke aus dem Rollstuhl heraus noch Autogramme und gibt jedem, der es hören will, seinen Segen mit: „Sie sind ein wunderbarer Mensch.“ Und das größte Wunder: Alle glauben ihm.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Robert Piffer

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