
Clemens Dönicke als Hermann, der Cherusker, gut getarnt in römischer Rüstung, ist dem Varus (Oliver Meskendahl) auf der Meuchelspur
26. Mai 2009 Als gäbe es nicht genug zu sehen. In Haltern am See, Kalkriese bei Osnabrück und Detmold erinnern die Ausstellungen Imperium, Konflikt, Mythos an die Varusschlacht und stecken die Region ab, die den Römern im Jahr neun nach Christus zum Bermuda-Dreieck geworden ist. Die Theater schreiten zur szenischen Parallelaktion, gleich drei von ihnen führen Die Hermannsschlacht auf: Bielefeld die des Heinrich von Kleist (1808), Detmold und Osnabrück gar die des Christian Dietrich Grabbe (1836). Das Stück gehört in die Region heißt es dazu unisono seitens der Ausgräber - als hätten sie auch ohne das runde Jubiläum darauf kommen können. Auch die Dramaturgie treibt Archäologie: Fußnoten nur zur Rezeption des Mythos.
Fast ein Jahrhundert lang ist Die Hermannsschlacht des Detmolders Grabbe nicht gespielt worden, bis die Nationalsozialisten sich des Nationaldramas ermächtigt haben: Von der Spielgemeinde Nettelstedt 1934 auf einer Freiluftbühne uraufgeführt, wurde es danach noch zehnmal, so auch 1941 von Hans Schalla in Bochum, inszeniert. Danach war das Stück vollends diskreditiert, bis 1995, als es in Chemnitz revueartig bearbeitet wurde, hat es kein Regisseur angefasst, und noch am Landestheater Detmold, wo es im Februar Premiere feierte, wird Die Hermannsschlacht - eine deutsche Betrachtung mit Texten von Andreas Gryphius bis Heiner Müller aufgemischt. Erst das Theater Osnabrück lässt es nun für sich sprechen.
Die Unspielbarkeit überspielen
Doch ganz ohne Stützkorsett kommt es auch hier nicht aus. Im Vorspiel klettert eine ältere Dame aus dem Souffleurkasten, die sich gouvernantenhaft in Positur setzt. Frau Grabbe liest aus Briefen vor, die ihr Mann an seinen Freund Moritz Leopold Petri, seinen Verleger Carl Georg Schreiner, den Düsseldorfer Intendanten Karl Immermann und an sie, seine zweite Gattin, geschrieben hat: Kommentare zur Hermannsschlacht, Bekenntnisse eines Dramatikers, der sich hier überschätzt und übernommen hat. Ich ziehe nicht eher in mein Haus und in meinen Ärger als bis die 'Hermannsschlacht‘ fertig ist, schreibt der vierunddreißigjährige Grabbe am 7. Juli 1836, zwei Monate vor seinem Tod, an Schreiner.
Unspielbar. Das Verdikt der Theatergeschichte baut Etienne Pluss als produktives Hindernis auf: Sein Bühnenbild setzt vier hohe, schwarzweiß gestreifte Stufen übereinander, auf denen die Darsteller nicht spielen, sondern nur auf- und abtreten, aber auch, denn die Böden sind aufklappbar, auf- und wegtauchen können. Alle Schauplätze des weitläufigen Dramas werden darin aufgenommen: Berghöhe und Bruch, Teutoburger Wald und Harz, der Fuß der Grotenburg und die Wohnung darin, Lagerwall und Zelt, und zum angepappten Schluss sogar, mit Figuren in Togen, die wie der sterbende Kaiser Augustus das Ende des Imperiums prophezeien, das Palatinum. Indem der abstrakte Einheitsraum jede Tiefe und jeden Auslauf verweigert, wird die Regie gezwungen, das Schauspiel kurz zu halten.
Germanen rülpsen, Römer hoppeln
So inszeniert es Philip Tiedemann als Mosaik, das zwischen lebensgroßem Kasperltheater und teutonischem Grand Guignol, Kabarett und Travestie, Schattenspiel und Kindertheater wechselt. Der Manipel stapft, fünf Mann hoch, mit Harnisch und Helm aus dem Orchestergraben und macht mit dem ungehorsamen Vero so kurzen Prozess, dass nur ein faustgroßer Blutfleck von ihm übrigbleibt; der Cherusker, der den Römern den Weg weist, ist ein zotteliges Schlitzohr mit lustigem Schnurrbart und Hermanns Frau Thusnelda eine blonde Walküre im bonbonrosa Abendkleid. Ein Spiel mit Klischees, das sich von der Heldensage bis zum Hollywoodschinken satirisch schadlos hält.
Die Römer werden als arrogant hingestellt (das Essen schmeckt ihnen nicht), die Germanen als tumb, sie schmatzen, rülpsen und lassen das Dosenbier spritzen. Hermann, bei Clemens Döricke ein hölzerner Recke, hegt einen verräterischen Plan, muss aber, weil Varus das Wetter zu schlecht ist, bis nach dem Winter warten. Doch dann hoppehoppereitern die beiden auch schon, mit angeschnallten Pferdeattrappen, hintereinander her.
Geschichtsdrama in Miniaturen
Als Eingänge bezeichnet Grabbe die ersten sieben Episoden seines Dramas, in denen schlaglichtartig die Schlacht vorbereitet wird, die dann in drei Tagen und Nächten abläuft. Einmal schauen nur die Waffen, die sich über den unsichtbaren Köpfen kreuzen, aus den Stufen hervor, dann werden die Legionen wie Puppen aufgestellt. Blut rinnt in feinen Linien die Treppe hinunter oder spritzt im weiten Bogen ins Parkett. Als Hermann (Ich will ein deutsches Schwert!) den Varus stellt, bringt dieser sich lieber um. Das viel zu groß angelegte Geschichtsdrama wird in Miniaturen zerlegt. Und als Deutschland endlich frei ist und Hermann den Feldzug weiterführen möchte, steht er, denn die Seinen verstehen ihn nicht, allein auf weiter Flur. Tiedemanns Inszenierung stellt ihn als einfältigen Visionär hin.
Die Ausgrabung in Osnabrück, von einem wackeren Ensemble mehr konzeptionell ausgefüllt als ausgeformt, kann das Stück nicht retten. Aber es gelingt ihr, ein Paradox zu veranschaulichen. Denn sie bestätigt nicht einfach, dass Grabbes Hermannsschlacht unspielbar ist, sondern kann auf zumindest streckenweise vergnügliche Weise auch plausibel machen, warum das so ist.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Klaus Fröhlich