Tourauftakt von „Genesis“

Das Lamm wird Alphatier

Von Oliver Jungen

Weltendirigent Phil Collins lässt die Zuschauer minutenlang jubeln

Weltendirigent Phil Collins lässt die Zuschauer minutenlang jubeln

18. Juni 2007 Weil im Anfang immer das Wort ist, sei zum Einstieg ein ernstes gestattet: Ihr irret, meine Freunde. Kehret um! Das Corpus neglectus: Eine zweite Freikarte für den deutschen Tourauftakt der auferstandenen Formation „Genesis“ - dermaßen freigebig sind Veranstalter nicht immer. Doch, so wortreich auch zu Markte getragen, reihum war im Freundeskreis nichts zu ernten als Heiterkeit: „Genesis“? Bedaure, wirklich nicht. Als hätte man zum Ball im Seniorenheim gebeten.

So stehe ich schließlich alleine in der Hamburger „AOL Arena“; freilich nicht ganz alleine, vierzigtausend bejahrte Getreue fanden sich dann doch ein. Wo kommt dieser Dünkel her? Es muss mit Häresieverdacht zu tun haben. Anders sähe es wohl aus, wären alle „Genesis“-Protagonisten gleich Erzengel Peter Gabriel im Äther verblieben. Doch sie haben das Jenseits verleugnet und sind hinabgestürzt: eine vergoldete Bauchlandung in der Matschpfütze des Mainstream-Pop.

Verstärkung für die drei Senioren

Angelastet wird der Sündenfall in der Regel dem nach Gabriels Ausstieg vom Schlagzeuger zum Frontsänger avancierten und 1996 ausgestiegenen Phil Collins, der sich vom Klassenfahrtbeschaller zu einem der meistgehassten Männer in der Siebziger-Generation entwickelt hat. Als Bret Easton Ellis „Genesis“ die „beste, begeisterndste Band“ nannte, „die das England der Achtziger zu bieten hat“, bezog er sich zwar ausdrücklich auf die Phase der „1-A-Popsongs“, statt auf jene der „komplexen, verquasten Weltuntergangsphantasien“. Doch das ist mitnichten ein Gegenargument, hat er diese Sicht doch dem „American Psycho“ Patrick Bateman in den Mund gelegt.

Den Verächtern entging damit eine Sensation: die geradezu barfüßige Purifikation einer Band, die schließlich nicht nur ohrwurmstichig nicht tanzen kann („I Can't Dance“) oder gequält nach der Mama ruft („Mama“), sondern vor Äonen von Jahren etwas Gewaltiges geleistet hat, indem sie die Unterhaltungsmusik der Kalkulierbarkeit entriss.

Wie vielleicht nur noch „Pink Floyd“ hat „Genesis“ einst Poprocksongs eine Tiefe verliehen, die sie erst zu autonomen Gebilden machte. Genesis bestand im Kern nach 1978 aus Phil Collins, Bassist Mike Rutherford und Keyboarder Tony Banks, auf der jetzigen „Turn It On Again“-Tour werden die drei Senioren verstärkt durch die ehemaligen Mitglieder Chester Thompson am Schlagzeug sowie Daryl Stuermer an der Gitarre.

„Komplexere Art von Musik“

Niemand weiß besser um die Dialektik der Gefälligkeit als sie. Als vor einem halben Jahr in London die Wiedervereinigung verkündet wurde, machte das Trio deutlich, dass es bei dieser Sonder-Tour um die Regelung des Nachruhms geht, um eine fundamentale Richtigstellung: Freilich habe man Gelegenheitslyrik verfasst, doch erinnert sein will man als Epiker. Einige Hits kämen wohl zu Gehör, dem Publikum zuliebe.

Vor allem solle bewiesen werden, so Tony Banks, dass „Genesis“ für eine „komplexere Art von Musik“ stehe. Ursprünglich intendiert war sogar die Aufführung des monumentalen Werks „The Lamb Lies Down On Broadway“, mit dem am Ende der Peter-Gabriel-Ära der internationale Durchbruch gelang. Doch Gabriel zog nicht mit, was insbesondere Collins bedauert haben soll.

Es werde Lärm und es ward Lärm

Die Bühne ist eine in die Vertikale gekippte, beleuchtbare Welle, aus der muschelgleich ein Glasdach für die Musiker herausragt: eine Botticelli würdige (Wieder-)Geburtsszene. Man kann es nicht anders sagen: Mit überwältigend intonierten, ausgreifenden Kompositionen wie „I Know What I Like (In Your Wardrobe)“ und „Firth of Fifth“ von 1973, „In the Cage“ von 1974, „Ripples“ von 1976 oder „Home By The Sea“ von 1983 ist den Muschelrockern die Rekonstruktion ihrer epischen Aura hervorragend geglückt.

Höhepunkt des Hamburger Auftritts war das bombastische „Domino“ von 1986 (auch da konnte man es noch). Eingestimmt wurde das Publikum durch einen in fast schon benediktinischer Zurückhaltung schwarzgekleideten Collins, der als Weltendirigent minutenlang verschiedene Partien des Zuschauerraums jubeln ließ, was demiurgisch ergreifend war: Es werde Lärm, und es ward Lärm. Und der Lärm wurde geformt zum Rhythmus. „We prayed it would last forever“, schallte es druckvoll in die Nacht.

Geistloser Start

Jetzt überschlug sich auch die Lichtregie des Designers Patrick Woodroffe, Sturz in ferne Universen à la Stanley Kubricks Weltraumdelirium, bevor das Stück mit einer Percussion-Einlage auf Hocker und Gestänge in ein ausgedehntes, sich wie in guten alten Zeiten übermütig hochpeitschendes Schlagzeugduo von Collins und Thompson aufbrach, bevor es zuletzt in einen facettenreichen Instrumentalpart überging.

Nicht Verjüngung, sondern gelungene Selbsttherapie: Die Omega-Rentner ließen noch einmal die Alphatiere heraus, die sie einst waren. Retroprogressiv muss man das wohl nennen, ohne dass es abschätzig klingen soll.

Dabei hatte es durchaus geistlos begonnen, nach wenig erhebenden Keyboardstandards bot Collins etwas Clownerie: „Scheißer Regen“ las er von großen Zetteln ab (nur nebenbei: die Arena ist oben offen) und schoss Fotos vom Publikum. Wofür „Genesis“ nichts kann: Die eingestreuten Chartproduktionen wie „No Son Of Mine“ bringen - fast schon peinlich - ganz im Inneren etwas zum Mitschwingen, etwas Bundesrepublikanisches. Bei „Invisible Touch“ samt Bühnenfeuerwerk schwofen selbst die Ränge mit: Dafür sind die meisten gekommen.

„Entlasst uns aus der Popfalle

Doch aller Gebrauchspop wurde weggespült von der hoch aufgetürmten Artrock-Welle, die selbst nicht ganz zeitlos sein mag (an Lächerlichkeit kaum zu überbieten etwa das zweihälsige Gitarrenmonster), aber schlichtweg ausgefeilte musikalische Kunst. Ein ungeheuer energischer, ein ganz anderer Phil Collins war dabei zu erleben, der jeden Moment unter Kontrolle hatte.

Durchdacht scheint auch die Choreographie bis hin zum Klangauftakt mit John F. Kennedys „Ask what you can do for your country“. Deutschland war immer wichtig für „Genesis“, hier feierten sie immense Erfolge. Nirgends in Europa sind so viele Konzerte angesetzt. Es geht also um ein Testament im ganz säkularen Sinne: Genesis will diesem Land seinen wertvollsten Schatz vermachen, den Progrock.

„Entlasst uns“, heißt das, „aus der Popfalle.“ Das letzte Lied - „The Carpet Crawlers“ von 1974 und „very special for you, Hamburg“ - läuft denn auch aus in die wiederholte Zeile „We've got to get in to get out“. Das kann sogar nach Entschuldigung klingen.

Weitere Konzerte von „Genesis“:

Sonntag, 17. Juni: Stade de Suisse, Bern, CH

Dienstag, 19. Juni: Gugglestadium, Linz, A

Samstag, 23. Juni: AWD-Arena, Hannover

Dienstag, 26. Juni: LTU Arena, Düsseldorf
Mittwoch, 27. Juni: LTU Arena, Düsseldorf
Donnerstag, 28. Juni: Gottlieb-Daimler-Stadion, Stuttgart

Dienstag, 3. Juli: Olympiastadion, Berlin
Mittwoch, 4. Juli: Zentralstadion, Leipzig
Donnerstag, 5. Juli: Commerzbank Arena, Frankfurt

Dienstag, 10. Juli: Olympiastadion, München

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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