Sven-Eric Bechtolf

Der König und ich

Teufel auch: Sven-Eric Bechtolf in der “Jedermann“-Inszenierung der Salzburger Festspiele 2008

Teufel auch: Sven-Eric Bechtolf in der "Jedermann"-Inszenierung der Salzburger Festspiele 2008

25. November 2009 In Hamburg wird er gerade als Solist gefeiert (siehe auch: Sven-Eric Bechtolf spielt „Richard II.“ in Hamburg), ab Herbst 2011 wird der 51-jährige Schauspieler und Regisseur auch als Schauspieldirektor in Salzburg amtieren: Sven-Eric Bechtolf über Demokratie in der Kunst, Pullunder bei Schiller und seinen Richard II.

Als bekannt wurde, dass Alexander Pereira und Sie das neue Gespann für die Salzburger Festspiele sein werden, hieß es: Das ist der Sieg der Restauration, die Auferstehung der Festspiele im Geiste Karajans. Hat Sie das wütend gemacht?

Erstens gibt es wahrlich Schlimmeres, als mit Karajan in Verbindung gebracht zu werden. Zweitens war das ein so durchsichtiges Gerede, dass es mich nicht geärgert hat, und drittens sind diese Art Reaktionen doch sehr aufschlussreich: Wenn ein selbstversorgendes System unter dem Titel „restaurativ“ und „konservativ“ alles ausschließen will, was einfach nur anders ist, dann scheint doch einiges nicht zu stimmen. Ich bin seit 31 Jahren am Theater und habe nicht so ganz schlechte Arbeit geleistet: Da muss mir keiner mehr sagen, was ich bin.

Was würden Sie denn sagen, was Sie sind?

Konservativ jedenfalls nicht, weder künstlerisch noch politisch.

Was sind Sie dann?

Neugierig und skeptisch, ich fürchte mich vor jeglichen Glaubenssätzen. Also: ein neugieriger Skeptiker. Wahrscheinlich ein rettungsloser Widerspruch.

Zu dem, was Sie skeptisch sehen, gehört aber das zeitgenössische Theater, oder?

Es gibt ein paar grundsätzliche Entwicklungen, die mich, neben der Neugierde, skeptisch machen. Etwa, dass man sich heute fast schämen muss, wenn man an die Autonomie von Autoren glaubt. Texte sind Material. Der Materialbegriff hat sich durchgesetzt.

Die Verteidiger des Materialbegriffs sagen, das läge an den Stücken selber, die heute keinerlei Auskunft darüber gäben, wie man sie spielen soll.

Was, brauchen die Gebrauchsanweisungen? Ich werde jedenfalls als Schauspieldirektor in Salzburg jedes Jahr einen Stückauftrag geben, unter anderem weil es mir ein Vergnügen sein wird zu sehen, wie die Autoren mit den Regisseuren um ihre Autonomie streiten.

Warum haben Sie eigentlich nie komplett das Fach gewechselt, sind immer Schauspieler geblieben und haben zudem zuletzt vor allem Opern inszeniert?

Weil es zwei ganz unterschiedliche Sachen sind: Schauspielerei ist ein Auslieferungsberuf, der unter anderem Vertrauen braucht. Deshalb bin ich ja auch ein großer Verteidiger des Ensembletheaters. Als Regisseur arbeitet man völlig anders, namentlich in der Oper. Da kann man sich alles vorher ausdenken und minutiös umsetzen. Da geht es ganz stark um handwerkliche Fähigkeiten. Und die Musik gibt schon einmal viel vor. Im Schauspiel dagegen müssen wir gemeinsam die Musik erst erfinden. Wir müssen uns das Stück jedes Mal neu erzählen, der Begriff „Werktreue“ existiert ja nicht.

Plädierten Sie eben nicht noch für das Werk und die Autonomie des Autors?

Sicher, aber es bleibt doch subjektiv genug. Wenn wir beide „Hamlet“ lesen, dann kommen wir sicher zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen. Aber wir werden, wenn wir es ernst meinen, nicht einfach sagen: Für mich ist das Stück der Anlass zu irgendetwas anderem! Das spielt jetzt in einem Großraumbüro, Ophelia ist eine Sekretärin, außerdem sollten wir noch ein bisschen eigenen Text einbauen, und ich fände es schön, wenn dazu ein paar meiner Lieblingsplatten liefen. Was soll mir da vorgegaukelt werden? Aktualität? Die erweist sich durch innere, herausgearbeitete Gültigkeit.

Es gibt aber doch nicht wenige Beispiele, Stefan Puchers „Othello“ etwa, in denen Popmusik sehr gut zu einer Inszenierung passten.

In diesem Fall ist es aber nicht die eine Inszenierung, sondern es sind die vielen. Wenn Sie an das zurückdenken, was man mal „Opas Theater“ nannte, diese konventionellen Inszenierungen, die landauf, landab in den Theatern liefen, bis wirklich der Letzte gesagt hat: Jetzt langt's aber. Heute sind wir nicht weit davon entfernt, wieder einen Mainstream zu entwickeln, der sich im Wesentlichen davon nährt, dass er immer kostenfrei auf der richtigen Seite steht. Der die Verhältnisse anklagt, statt sich mit der Existenz auseinanderzusetzen. Mich langweilt das. Das Zweite ist die Rolle des Schauspielers: das nichtidentifikatorische Theater ist in Massenverbreitung ein Verlust. Der Schauspieler sollte nicht nur Exekutor von irgendwelchen Ansichten sein, sondern sich eine selbständige Autorschaft an seinen Figuren zurückerkämpfen. Ich finde, dass das Haus meines Herrn viele Zimmer hat, und je mehr davon bezogen sind, je bunter und widersprüchlicher die Theaterszene sich gestaltet, desto besser ist es. Doch ich sehe gerade das Gegenteil: eine Nivellierung. Und die finde ich gefährlich.

Woran erkennen Sie die?

Es gibt heute zum Beispiel eine merkwürdig gleichförmige Ästhetik. Sie müssen sich doch nur einmal x-beliebige Theaterfotos anschauen. Ich rede von formalen Dingen: Bühnenbilder, Kostüme. Überall sehe ich dieses Retrozeugs: gestreifte Jacketts, karierte Krawatten, gelbe Hemden. Ich denke immer: Kinder, werft das ganze Zeug endlich in den Müll. Aber nein, die Moor-Brüder tragen seit zwanzig Jahren Pullunder. Das greift mir ästhetisch schon zu lang zu kurz.

Wenn Sie so vieles nervt, warum tun Sie sich dann den Schauspieldirektor in Salzburg überhaupt an?

Schon aus einem ganz simplen Grund: Weil ich mir im besten Fall jedes Jahr sieben bis acht Vorstellungen anschauen kann, die ich schon immer gern sehen wollte. Und da ich einen recht guten Geschmack habe, hoffe ich, dass das auch andere sehen wollen.

Werden Sie in Salzburg auch selbst Schauspiel inszenieren?

In den ersten zwei Jahren sicher nicht. Ich inszeniere eine Oper.

Welche?

Das ist noch nicht entschieden. Und ich werde sicher weiter in Wien Theater spielen.

Sie haben einmal gesagt: Theater sei die letzte Nische des Feudalismus.

Das stimmt in gewisser Weise immer noch. Auf der einen Seite ist es, wenn es gutgeht, verankert in unserer Zeit und damit gut durchlüftet, auf der anderen Seite sind die Schöpfungsprozesse im Theater nicht per Majoritätsentscheidung zu lösen. Demokratie hat in der Kunst ihre Grenzen.

Wie ist es, nach zehn Jahren erstmals wieder am Thalia zu spielen, wo Sie viele Jahre unter Jürgen Flimm engagiert waren?

Ein sentimentaler Vorgang, dabei gehöre ich normalerweise nicht zu den Leuten, die Bücher wieder öffnen, die sie einmal zugeschlagen haben. Obwohl das Thalia heute ein ganz anderes Haus ist als vor zehn Jahren, begegne ich Menschen, die ich ewig nicht gesehen habe. Bei manchen denke ich: Ist der alt geworden. Und dann schaue ich in den Spiegel und denke: Du auch!

Warum haben Sie es dann getan?

Das hängt zum einen mit dem neuen Intendanten, mit Joachim Lux, zusammen, mit dem sich während seiner Zeit als Chefdramaturg am Burgtheater ein gutes Verhältnis entwickelt hat. Und zum anderen mit einer jungen Regisseurin, mit der ich unbedingt zusammenarbeiten wollte: Cornelia Rainer.

Von der wohl die meisten noch nie etwas gehört haben werden.

Das wird sich hoffentlich ändern. Die Abende, die ich in Wien von ihr gesehen habe, fand ich sehr besonders, gerade für einen so jungen Menschen. Sie ist ja erst 27. Am Burgtheater, da war sie Assistentin, hat sie etwa eine Geschichte gemacht, da hat mich schon der Titel begeistert: „Heimfindevermögen“. Dafür ist sie zu Wiener Taubenzüchtern gegangen, hat lange Interviews veranstaltet und daraus einen Text gemacht und inszeniert - mit sehr schräger Musik. Das war großartig!

Lassen Sie sich von so einer Kollegin, die knapp älter ist als Ihr ältester Sohn, alles sagen?

(Lacht.) Ich lasse mir viel sagen. Bei einem Monolog wie diesem „Richard II.“ hat es auch wenig Sinn, mit jemandem zu arbeiten, der einem kein Paroli bietet. Dann könnte ich es gleich alleine machen, was grauenhaft langweilig wäre. Die Selbstverwirklichung des Schauspielers im Monolog ist eine scheußliche, hätte Thomas Bernhard gesagt. Nein, Cornelia ist sehr schlau und lässt sich nichts gefallen. Dann ist außerdem noch der wunderbare Komponist Wolfgang Mitterer mit an Bord, der auch seinen Kopf hat! Außerdem will ich mich auf eine jüngere Generation einlassen können.

War es Ihre Idee, bei Shakespeares „Richard II.“ alle Personen zu streichen und es zum „Solo eines Königs“ zu machen? Das klingt schon ein wenig kokett.

Wieso? Ich persönlich habe keine royalen Ambitionen! Der Titel war nicht meine Idee, und ich finde auch nicht, dass man im Allgemeinen die Königsdramen Shakespeares zu Soli machen sollte. Ich habe mich lange mit dem „Richard II.“ herumgeschlagen, weil ich es ein so seltsam rhetorisches Stück finde und immer dachte: Um Gottes willen, wie soll man das inszenieren? Mich - und Cornelia dann auch - hat das Stück interessiert, weil Shakespeare sich darin besonders mit den Problemen auseinandersetzt, die der Verlust einer festen Weltordnung mit sich brachte. Im Mittelpunkt der Schöpfung steht zwar noch der König als emblematische Figur - aber der wird gestürzt. Das Merkwürdige aber ist, dass dieser König, solange er König ist, sich wie eine Sau benimmt. Und erst als er im Kerker sitzt und nichts mehr ist, eine Würde, vielleicht gar eine königliche, zurückgewinnt.

Wollen Sie wirklich demnächst die meiste Zeit des Jahres in Salzburg verbringen?

Ja. Ich finde Salzburg eine wunderschöne Stadt und das Salzburger Land sowieso. Es gibt also überhaupt keinen Grund, sich zu beschweren. Ich war gerade für zwei Monate bei der Ruhrtriennale - Gelsenkirchen ist schon ein bisschen härter. Da musste ich starke innere Kräfte mobilisieren, um durchzuhalten.

Interview Volker Corsten



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext/D.Falke, Cinetext/Kaatsch, ddp, Reuters

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