
Was das Musikalische angeht, so ist Harnoncourts Figaro in der Tat in hohen Tönen zu preisen. Für Claus Guths Regie indessen gilt das par tout nicht. Ein über den Leisten Strindbergs und Ingemar Bergmanns geschlagener Figaro wirkt so absurd wie ein an Nestroy und Fritz Muliar ausgerichteter Tristan. Der Figaro ist nun einmal kein skandinavisches Psychodrama des 19., sondern eine Gesellschaftskomödie des 18. Jahrhunderts, bei der ein penetrant herumsymbolisierender damischer Engel nur stört. Auch das permanente Bodenturnen sämtlicher Akteure befremdet gewaltig. Hat Guth nichts Gescheiteres im Repertoire, um seelische Aufgewühltheit auszudrücken, als das Wälzen im Dreck? Wieso tritt der Chor im 1. Akt in Heilsarmee-Uniform auf? Warum muß Susanna fortwährend mit dem Grafen herumknutschen, so als ob der Graf bei ihr sein Ziel längst erreicht hätte? Was soll der tote Vogel, der wiederholt zum Fenster hinausgeworfen wird? Mit Mätzchen dieser Art und Güte weckt Claus Guth nur eines: Die Lust auf konzertante Opern-Aufführungen, die keiner der Deutobalde des modischen Regie-Theaters zur Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Präsentation seiner seiner ewig gleichen Obsessionen mißbrauchen kann.

Der Buhruf gegen Harnoncourt war verständlich und trotzdem schmerzlich. Ich hätte mir statt dessen ein Haus voller Buhrufe gegen Claus Guth gewünscht. Haarsträubend seine Interpretation. Warum soviel Gewalt gegen eine der schönsten - und amüsantesten - Opern?
Ulrich Feix, Innsbruck

Nur ein Detail, aber ich habe nur einen "Cherub" gesehen, nicht mehrere "Cherubim" (im Hebräischen der Plural...)