Anna Netrebko

Mädchen und Masse

Von Eleonore Büning

26. August 2005 Anna Netrebko gibt Autogramme bei Katholnigg in der Haffnergasse in Salzburg. Sie ist wie immer entwaffnend gut gelaunt, sieht wunderschön aus, wirkt knusprig, jung, sexy und flirtet auf Teufel komm raus mit den Kameras.

Das Musikgeschäft kann den Ansturm kaum fassen, die Massen sind ja ganz vernarrt in das Mädchen. Netrebko hat den Glamour zurückgebracht nach Salzburg. Ein Idol wie sie, einen Personenkult wie diesen gab es hier lange nicht mehr. Man kann das überall hören, im Mönchsberg-Aufzug sagt es der Gatte zur Gattin, im Gedränge auf der Getreidegasse spricht man darüber, am Nachbarstisch im „Triangel“ ebenso wie im Cafe Bazar: „not since the days of Herbert von Karajan“. Und auch darüber wird viel und hämisch gesprochen und geschrieben: Der Netrebko-Rummel ist natürlich, wie es auch der Karajan-Rummel war, Resultat einer professionellen Marketingkampagne.

Engelchen oder Hure

Hinter dem Mädchen und den Massen steht das Management der Deag, die dem Musicalkönig Peter Schwenkow gehört. Diese Firma hat der Netrebko allerhand Werbeverträge verschafft und sie für einen Promotionsfilm in die Badewanne auf einer großen Piazza gesetzt. Man verkleidete sie wahlweise als Engelchen, als Hure, als Märchenfee, als Diva und streute das Gerücht aus, in ihren Träumen singe sie nackt, um das sofort wieder zu dementieren. So etwas zieht. Trotzdem ist die Netrebko kein Popstar. Sie kann wirklich singen, auch ohne Nachhilfe der Deag. Ihre Stimme könnte das Festspielhaus füllen bis zum letzten Platz, ohne Verstärker, ohne Mikrophone.

Kleine Abschweifung: Bei der Salzburger „Traviata“-Premiere sind selbstverständlich Mikrophone mit im Spiel gewesen, schon allein der Fernsehübertragung halber. Aber auch die Mobilität der Sänger auf der Opernbühne spielt eine Rolle, sie ist hier wie überall eine Herausforderung an die moderne Technik. Wenn der Bariton (Thomas Hampson) plötzlich mit dem Rücken zum Publikum sehr viel lauter klingt als zuvor; wenn es knisternd rückkoppelt, als der Sopran (Netrebko) dem Tenor (Rolando Villazon) einmal zu dicht an die Heldenbrust rückt, dann muß man allerdings feststellen, daß das Verfahren der Mikrophonierung von Live-Opernaufführungen noch optimierbar ist.

Eine Frage der Ehre

Über die Stimme der Netrebko haben einige Kritiker nach der ersten „Traviata“-Aufführung (siehe auch: „La Traviata“ mit Anna Netrebko in Salzburg) hart den Stab gebrochen. Einer zählte Erbsen und bemerkte, sie habe bei „Sempre libera“ am Ende auf das hohe „Es“ verzichtet. Das ist zwar werktreu, denn Verdi hat es nicht notiert. Doch in der langen Aufführungstradition dieser Oper wurde das „Es“ für die Sopranistinnen zu einer Frage der Ehre. Andere meinten, die Netrebko singe nur mit den Stimmbändern, nicht aber mit „Herz“ oder „Bauch“. Nun sind die Stimmbänder zwei kleine Muskeln, die täglich trainiert werden müssen, das Herz dagegen ist ein großer mit völlig anderen Aufgaben - und bei dem Vorwurf, eine Stimme komme nicht von Herzen, handelt es sich in der Regel um eine Frage des Gefühls. Da gibt es nichts zu beweisen oder zu widerlegen.

Am Samstag, wird die Netrebko nun zum letzten Mal in dieser Saison im Großen Festspielhaus die „Traviata“ singen. Im ersten Akt, wo es bei dem Flirt mit der Klarinette im „A quell'amor/misterioso“ um den Traum einer weltumspannenden Liebe geht, wird man wieder ihr berückendes, vor allem in der tiefen und der mittleren Lage leicht verschattetes Timbre bewundern können. Dieses gaumig-gutturale Abdunkeln der Stimmfarbe entsteht, wenn der Stimmsitz sich quasi aus der vorderen „Maske“ nach hinten verlagert. Ein Zuviel davon würde zu dem führen, was man einen Knödel nennt. Knödeln ist keinesfalls, wie landläufig angenommen, nur eine Tenor-Halskrankheit, auch Mezzosopranistinnen (die Bartoli beispielsweise) oder Baritonisten (etwa Matthias Goerne) können mitunter davon heimgesucht werden. Sparsam dosiert, wirkt dieses Abschattieren des Klanges jedoch interessant und sinnlich-heroisch. Der Stimme der Netrebko verleiht es einen unverwechselbaren Charakter.

Noch nicht oder nicht mehr

Man erkennt sie auf Anhieb nach wenigen Tönen wieder. Man wird aber morgen in der letzten „Traviata“-Vorstellung auch wieder bemerken können, daß diese Stimme, die einst in Petersburg beim Vorsingen mit der Arie der nächtlichen Königin angefangen hat und lange Zeit als lyrischer Koloratursopran gehandelt wurde, nicht die für den Ziergesang nötige Biegsamkeit und Beweglichkeit in letzter Perfektion beherrscht. Ob noch nicht oder nicht mehr, ist die Frage. Bekanntlich arbeitet die Netrebko, die eine unerhört disziplinierte, fleißige Sängerin sein soll, mit einem beträchtlichen täglichen Trainingspensum, regelmäßig mit Renata Scotto.

Ihr zweites Plattenalbum, gemeinsam mit Claudio Abbado und dem Mahler Chamber Orchestra produziert, enthält denn auch ausschließlich italienische Belcanto-Arien von Bellini über Verdi bis Puccini. Doch auch bei diesen längst durch reißenden Absatz vergoldeten Studio-Aufnahmen sind deutlich die Grenzen der Flexibilität zu bemerken. Die Stimme wird steif bei den schnellen Passagen - und die perlen nicht wie von allein, sondern werden absolviert, als handele es sich um Tonleiterübungen. Auch die geschwind wirbelnden Kleinstverzierungen etwa im „Sempre libera“ werden nicht so flink und flüssig serviert, wie es wünschenswert wäre. Famos dagegen die eiserne Intonationssicherheit der Netrebko, die intensiv-glühende Brillanz ihrer Spitzentöne. In der Höhe ist sie ganz bei sich. Sängerisch herausragend gestaltete sie bei der Salzburger Premiere auch die elegisch-ausdrucksstarken Szenen im zweiten und dritten „Traviata“-Akt und den ergreifenden a-moll-Monolog am Schluß.

Anna Netrebko hat sich einen staunenswert großen Stimmumfang erarbeitet. Sie könnte wohl zur Zeit Mezzosopran-Partien ebenso souverän bewältigen wie lyrische und lyrisch-dramatische Sopranpartien. Ja, wie ihre innige Ausdeutung der Desdemonaschen Abschiedsszene (aus Verdis „Otello“) auf dem letzten Album beweist, ist sie gerade auf dem besten Wege, das Stimmfach zu wechseln. Man darf also gespannt sein auf künftige Weiterungen ihres Repertoires. Was die Wortaussprache und vor allem die Wortexegese anbelangt, wäre gewiß noch manches verbesserungswürdig. Auch neigt die Netrebko schauspielerisch zum Posieren, ähnlich wie ein kleines Mädchen vor dem Spiegel. Aber das ist wieder eine andere Geschichte und hat mit ihrem überragenden Rang als Sängerin nur am Rand zu tun.



Text: F.A.Z., 26.08.2005, Nr. 198 / Seite 31
Bildmaterial: AP, Clive Arrowsmith / DG, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
Alle wollen Anna Netrebko Massenpublikum: Netrebko bei “Wetten, dass...?“ Im Juni 2005 bei der Verleihung des russischen Staatspreises Staunenswert großer Stimmumfang Laufsteg für ein Musik-Idol Der Rummel ist Resultat einer professionellen Marketing-Kampagne Flirt mit der Kamera Man darf gespannt sein auf Weiterungen ihres Repertoires Personenkult um eine Sängerin Eine Frau für die Massen Sie neigt schauspielerisch zum Posieren Immer entwaffnend gut gelaunt Engelchen und Märchenfee Donna Anna: Netrebko in Mozarts “Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen... Eine herausragende Sängerin