Klassik

Im Takt der Leidenschaft

Von Axel Brüggemann

Gustavo Dudamel

Gustavo Dudamel

22. August 2007 Wir sind zum Mittagessen verabredet - um 13 Uhr, hoch oben über dem Vierwaldstätter See in Luzern. Um halb zwei klingelt das Telefon zum ersten Mal, Gustavo Dudamel würde etwas später kommen, richtet sein Manager aus. "Sorry, aber die Proben sind noch nicht zu Ende." Um halb drei der nächste Anruf. Jetzt sei die Probe endlich vorbei, der Dirigent müsse nur noch Kleinigkeiten mit einigen Instrumentengruppen erarbeiten, aber dann würde Mr. Dudamel sofort da sein. Stattdessen ist inzwischen seine Freundin Eloísa gekommen. Mit ihr hat sich der Dirigent für drei Uhr verabredet. Sie scheint solche Situationen zu kennen, bestellt ein Wasser und tut, was sie meistens tut: ihn in Schutz nehmen. "Das ist normal bei ihm", sagt sie, "er vergisst die Welt, wenn er Musik macht - selbst mich. Das muss man lieben oder lassen."

Tatsächlich sind die Proben des Simón-Bolívar-Jugendorchesters aus Venezuela ein Spektakel. Schon der Einzug der mehr als 200 Musiker vollzieht sich schnell, still und diszipliniert. Wie Musikgeister betreten sie die Bühne und nehmen ihre Plätze ein. Und wenn sie dann anfangen, Gustav Mahler zu spielen, kracht es, rast und rauscht. Gustavo Dudamel springt in die Luft, dann wieder erstarrt er, bewegt sich gar nicht, hört einfach zu, um gleich darauf zu singen, mit den Händen im Orchester zu graben. Nach dem letzten Ton wirft er den Kopf in den Nacken und lacht.

Das Orchester fragt nicht nach Mittagspausen

Vor einem Orchester zu stehen, kann beschwerlich sein...

Vor einem Orchester zu stehen, kann beschwerlich sein...

Der Sechsundzwanzigjährige ist ein Superstar in Venezuela, einer, der geschafft hat, was alle wollen. Aus den Slums hat er sich in die Welt gespielt - selbst vor dem Papst ist er aufgetreten. Dieses Jahr wird Dudamel Chefdirigent in Göteborg, 2009 soll er außerdem das Los Angeles Philharmonic übernehmen. Wenn er dirigiert, hören sich Beethoven, Mahler und Schubert ungestümer an als gewohnt, weil jeder Musiker um sein Leben zu spielen scheint. Ein Orchester, das nicht nach Mittagspausen fragt.

Um das Besondere an dieser Situation zu verstehen, muss man das Dudamelsche Probenszenario mit der Routine deutscher Orchester vergleichen. Vor kurzem studierte Kent Nagano in München eine Uraufführung ein, ließ das Stück einmal durchspielen, erklärte einige Details und wollte das Werk dann noch einmal hören. Mitten in einem Takt, die Uhr im Proberaum schlug zwei, erhob sich ein Bläser, tippte auf seinen Arm - und sämtliche Kollegen stellten ihr Spiel ein. Kent Nagano schlug noch einige Takte ins Leere, bis auch er seine Sachen packte und ging. Dabei hätte die Probe nur noch zehn Minuten länger gedauert.

Eine Gewerkschaftsmentalität, die bei Gustavo Dudamel und seinem Orchester undenkbar wäre. Und ein Grund dafür, dass sich große Dirigenten inzwischen immer öfter von großen Orchestern abwenden: Der ehemalige Chef der Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado, dirigiert heute am liebsten sein junges und kleines Mahler Chamber Orchestra, Daniel Barenboim hat sich in sein West-Eastern Divan Orchestra verliebt, in dem Palästinenser, Juden und Christen gemeinsam musizieren. Kein Wunder, dass die Maestri aus Europa inzwischen auch zu Dudamel kommen: Simon Rattle und Claudio Abbado sind seine wichtigsten Mentoren und dirigieren das Simón Bolívar Youth Orchestra regelmäßig.

Die Musiker stammen aus den Slums von Venezuela

Um drei Uhr kommt der Dirigent dann endlich zum verabredeten Termin. Charmanter als er kann man sich für eine Verspätung nicht entschuldigen: Kaum hat er das Restaurant betreten, ruft er schon: "Mahler", so dass die Schweizer Lunch-Gesellschaft sich umdreht, und noch einmal: "Dieser verdammte, geniale Mahler!" Dudamel setzt sich nicht auf den Stuhl, sondern legt sich hinein, streckt die Beine unter dem Tisch aus und fährt sich durch die schwarzen Locken, um gleich beim Thema zu bleiben: "Der ist einfach Wahnsinn, dieser Kerl. Wir proben seit Wochen jeden Tag, und immer wieder gibt es Stellen, die wir neu überlegen müssen, alles steht im Kontrast zueinander - aber wir brauchen doch einen Bogen, eine Geschichte. Verdammt, dieser Mahler ist ein Genie!" Nachdem das geklärt ist, kümmert er sich um die wichtigen Dinge: "Einen Rotwein bitte, den besten." - "Französisch?" - "Nein, spanisch!" So macht er es meistens: Ein bisschen Rotwein nach der Probe, dann aufs Zimmer, ein oder zwei Folgen der "Simpsons" anschauen und dösen mit Elóisa - danach ist er fit für das Konzert. Nur auf das Papst-Konzert hat er sich anders eingestimmt: "Da habe ich für mein Land dirigiert - da ging es um alles."

Gustavo Dudamels Ausstrahlung heißt Leidenschaft. Das ist es, was ihn und sein Orchester ausmacht. Die klassische Musik steigt für sie nicht aus dem Olymp herunter, sondern kommt aus dem Leben. Die meisten Musiker stammen aus den Slums von Venezuela. Die Schulen des "Sistema" stehen jedem offen. Wer anklopft, bekommt ein Instrument mit nach Hause - für die meisten das erste Eigentum, für das sie verantwortlich sind. "Wenn wir eine Beethoven-Sinfonie spielen", sagt Dudamel, "dann ist das kein hehres Stück Musik, dann ist das eine Geschichte über das Heldentum, ein Kampf um die pure Existenz, dann ist das eine Geschichte aus unserem Alltag."

„Wie kann es sein, dass Klassik in der Krise steckt?“

... aber auch erlösend...

... aber auch erlösend...

Und so hören sich ihre Klassiker auch an, nach Musik aus dem Jetzt. Ein Schock für jeden europäisch sozialisierten Hörer, der nichts anderes in der Klassik sucht als Schönheit. Beim Simón Bolívar Youth Orchestra gibt es Ecken, Kanten, dort wird mit 240 Sachen durch die Kurven der Partitur gegeigt. So entsteht eine südamerikanische Kulturrevolution der klassischen Musik. Dudamel erklärt das so: "Bei euch klingt bei Beethoven immer die große alte Schule mit, man muss wissen, wie Furtwängler ihn dirigiert hat, wie Karajan, Barenboim und Gielen. Bei uns gibt es dieses Wissen nicht. Wir lesen die Noten und versuchen zu spielen, was sie uns sagen."

All das mag nach Sozialkitsch klingen, aber mit sozialpädagogischem Rumgehüpfe à la "Rhythm is it" hat Dudamel nichts am Hut. Im "Sistema" lautet die Devise: "Wer nicht fleißig ist, fliegt raus. Wer sich die Zeit vertreiben will, auch." Gerade bereitet sich der Dirigent auf seine Deutschland-Tournee vor. Ein Land, das er liebt, auch wenn er es nicht immer versteht. "Wie kann es sein, dass bei euch Beethoven, Brahms und Bach in Vergessenheit geraten?", fragt er, "dass die Klassik in der Krise steckt? Wie kann es sein, dass alle über den schlechten Musikunterricht bei euch meckern, dass angeblich so viel Unterricht ausfällt?"

... oder mitreißend.

... oder mitreißend.

Dudamel hat gut reden. Das "Sistema" in Venezuela ist eines der größten und teuersten Bildungsprojekte der Welt. Finanziert wurde es durch Rücklagen aus Erdölgewinnen. Inzwischen ist es das Aushängeschild der Regierung Chávez geworden. "Aber das Sistema ist mittlerweile zu groß und zu bekannt geworden, so dass es sich heute eine gewisse Unabhängigkeit leisten kann", sagt Dudamel. Natürlich sei man auch weiterhin auf die staatlichen Subventionen angewiesen, und das neue Konzerthaus in Caracas sei auch von Chávez gebaut worden, aber "wir sind nicht politisch", erzählt er diplomatisch, "außer wenn man Politik als Gemeinschaft versteht, in der unterschiedliche Menschen an einem Ziel arbeiten - an der Musik".

Spagat zwischen „Dritter Welt“ und Kulturmetropolen

Tatsächlich lockt das Konzept des "Sistema" selbst Pädagogen aus Europa nach Südamerika. "Wir beginnen nicht mit der Theorie", sagt der Dirigent, "es geht bei uns nicht darum, erst einmal alles über die Geschichte der Musik zu wissen, über die Harmonielehre, bevor man sich an Mozart wagt. Bei uns wird sofort gespielt und immer im Orchester, in der Gemeinschaft. Es ist absurd, Musik als Einzelsport höherer Töchter zu verstehen. Eine Sinfonie kann man nur als Mannschaft meistern - und in der Mannschaft muss auch das Musiklernen beginnen."

Dudamel in Anzug und Krawatte wirkt schon fast so beeindruckend wie...

Dudamel in Anzug und Krawatte wirkt schon fast so beeindruckend wie...

Ganz so ist das natürlich nicht, obwohl den Musikern des "Sistema" das Kollektiv anzusehen ist, die Disziplin und die Rolle des Einzelnen im Ganzen. Gustavo Dudamel ist davon nicht ausgeschlossen. Wenn er probt, stehen ständig Funktionäre hinter ihm. Sie nutzen die Pausen, um dem Maestro ihre Meinungen und Interpretationen zuzuflüstern. Dudamel nimmt sie an, gibt sie weiter. Aber das tut er nicht, weil er kuscht, sondern weil er eine Eigenschaft hat, die vielen anderen Musikern abhandengekommen ist: Ehrfurcht. Er bewundert den Gründer des Sistema, José Antonio Abreu, der ausgelacht wurde, als er vor dreißig Jahren forderte, kostenlose Musikschulen im Land aufzubauen, selbst im tiefsten Regenwald. Und er ist ehrfürchtig gegenüber Beethoven, Brahms und Mahler. Auch das ist seiner Musik anzuhören.

Dudamel ist die Spitze einer neuen Klassikbewegung, die aus Südamerika kommt. Zu ihr gehören auch die Klavierspielerin Gabriela Montero (ebenfalls aus Venezuela), der peruanische Tenor Juan Diego Flórez oder sein mexikanischer Kollege Rolando Villazón. Was alle vereint, ist ihr unbefangener, aber vollends uneitler Ansatz, die Klassiker zu interpretieren, und ihr Spagat zwischen der sogenannten "Dritten Welt" und den Kulturmetropolen Europas.

Die Musik ist Ausdruck einer endlosen Kraft

... Dudamel mit Anzug und Fliege beim Papst

... Dudamel mit Anzug und Fliege beim Papst

Das Wort "Dritte Welt" nimmt Dudamel selbst gern in den Mund. Es erinnert ihn an seinen ersten Dirigenten, der seinen Musikern sagte: "Kinder, die anderen nennen uns ein ,Dritte-Welt-Orchester'. Wir zeigen ihnen, was die ,Dritte Welt' kann." Dudamel ist inzwischen ein Star in der Champions League der Klassik, aber er würde nie daran denken, das Simón Bolívar Youth Orchestra aufzugeben oder seine eigene Sozialisation zu verraten: "Die sogenannte Dritte Welt hat einen gigantischen Vorteil", sagt er, "und zwar das kreative Chaos. Wenn man bei euch eine Musikschule eröffnen will, muss man erst einmal Anträge ausfüllen, Sicherheitsregeln einhalten und langen Atem haben. Bei uns reicht ein begeisterter Lehrer, ein leeres Haus - und die Schüler können kommen. Das hat uns auf die Konzertpodien gebracht, auf denen auch Bernstein, Rattle und Abbado dirigieren. Das macht mich stolz."

Gustavo Dudamel ist davon überzeugt, dass Südamerika der Kontinent der Zukunft ist. "Wenn ich bei einer Mahler-Sinfonie vor dem Orchester stehe, habe ich manchmal das Gefühl, im Auge eines Orkans zu stehen", sagt er, "und dann weiß ich, dass die Musik nur Ausdruck einer endlosen Kraft ist, die wir in Südamerika haben. Es ist die Kraft der Emotionalität - eine Kraft, die Bäume ausreißen kann."

Aber bevor der Dirigent heute Abend wieder Bäume ausreißt und das europäische Publikum zum Jubeln bringt, muss er noch ein bisschen Kraft tanken, sich einige "Simpsons"-Folgen anschauen, ein bisschen schlummern. Dann kann er wieder kommen, "dieser verdammte Gustav Mahler".

Wunderkind, Symbolfigur, Stardirigent

Gustavo Adolfo Dudamel Ramirez, am 26. Januar 1981 in der venezolanischen Provinz geboren, war zehn, als seine Großmutter ihm einen Taktstock schenkte: Grund genug, gleich ein Violin- und danach ein Dirigierstudium zu beginnen. Mit 14 übernahm er sein erstes Orchester, wenig später das Simón Bolívar National Youth Orchestra of Venezuela - und wurde bald zur Symbolfigur einer einzigartigen Klassikbegeisterung in seinem Land. Zum „heißesten neuen Dirigenten des Planeten“ ernannte ihn die „Times“ im vergangenen Jahr. Er gastiert jetzt in Lübeck (22.8.), Leipzig (24.8.), Dresden (25.8.), Bonn (27.8.), Frankfurt (28.8.) und Berlin (15./17.9.).

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP

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