Bayreuth

Vom Gral zum Kral in hundertzwanzig Umdrehungen

Von Eleonore Büning

Das Blut der Völker auf Parsifals weißem Hemd

Das Blut der Völker auf Parsifals weißem Hemd

26. Juli 2004 Der Berg kreißte. Kam aber kein Hase heraus, sondern, genau wie das Sprichwort es verheißt: ein Mäuslein.

Eine junge, graue Maus mit hübschem Verstand. Schleppte eine Riesenmenge an Vorräten mit sich herum, wußte sich und ihren Krempel gut im Dunkeln zu verstecken: Tücher, Bücher, Bilder, Möbel, Teppiche, Polster, Lampions, Salzgebäck, Fettecken und Ingwerwurzeln, Feldsteine, Zimmerbrunnen, Skulpturen, Indios, Neger und sonstige Reiseandenken sowie sicherheitshalber Zeug, das man irgendwann einmal gebrauchen kann: eine Disco-Kugel, ein Stück Maschendrahtzaun, etwas deutsches Fachwerk, zwei Zelte, Pappkartons sowie renommierte Paten (Joseph Beuys, Einar Schleef), nicht zu vergessen jene Handvoll lateinische Zitate, die sich jede Bildungsbürgermaus gerne ab und zu auf Tisch und Wände schreibt.

Sah gut aus, sofern man etwas sah. Tatsächlich ist der neue Bayreuther "Parsifal", der mit einer sich selbst erhitzenden Spannung erwartet wurde, deren perfektes Timing bis hin zur Eröffnung selbst für Festspielverhältnisse beeindruckend effektiv geriet, der finsterste, dem man Wagners "Weltabschiedswerk" auf dieser Bühne je angedeihen ließ.

Verwirrend finster

Christoph Schlingensief, der sich selbst so lustvoll ins Licht zu setzen weiß, hüllte die Ergebnisse seiner Arbeit in enigmatisch heruntergedimmtes Funzeln. Was nicht dergestalt von Lichtdesigner Voxi Bärenklau unsichtbar gemacht wurde, verschwand unter einer Firnis aus Video-Mustern, die etwa das unsittliche Benehmen von amöbenhaftem Schleim unterm Mikroskop zeigten. Ja, streckenweise war es so verwirrend finster, daß nichts darüber geben konnte, ob da nun Müll oder Mensch auf der Bühne zugange war, so daß die phantasievolle Prächtigkeit der Kostüme, die Tabea Braun ersonnen hatte, erst nach Schluß der Vorstellung beim Verbeugen der Mitwirkenden zur Geltung kam.

Sieben Mal wurde der "Parsifal" seit der Uraufführung anno 1882 in Bayreuth neu inszeniert. Eine laufende Ausstellung im Neuen Rathaus Bayreuths dokumentiert, daß es sich dabei spätestens seit Alfred Roller (1934) allemal um symmetrische Raumkonzepte handelte, in denen Statik, Symbolik, Licht ausschlaggebend waren: rechts und links eine Säule und in der Mitte etwas Kreisrundes für den Gral. Schlingensief und sein Team haben mit dieser Ordnung, die dem rituell anmutenden Stillstand der musikalischen Entwicklung und der Handlungsarmut des Stück auf schier banale Weise entspricht und allenfalls von Götz Friedrich 1982 ansatzweise in Frage gestellt worden war, gründlich aufgeräumt.

Aufglühende Menetekel

Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als würden Hempels gerade in die Rumpelkammer umziehen. Doch mittels Spotlights, Videoüberblendung und raffinierten Schwarzlicht-Streuungen werden, derweil sich die Bühne dreht und die hyperaktive Crew im Schnürboden agiert, immer wieder neue Ansichten aus dem Patchwork des Bühnenbildes herausgefischt, um die archaische Geschichte vom todkranken Amfortas und seiner Errettung durch den tumben Tor, vom zur Institution ergrauten Gurnemanz und der unberechenbaren Hexe Kundry, vom schwarzen Voodoo-Zauberer Klingsor, dem heilenden Speer, dem Gralskelch zu erzählen, angereichert mit assoziativ sich anlagernden Nebenhandlungen. Menetekel glühen auf und verschwinden.

Aus dem Gral wird ein Kral im Handumdrehen. Drei dreschen Skat auf einem Wehrturm (Aufzug 1). Kundry nimmt die Wäsche ab (Aufzug 2). Ein Friedhof der Künste mit Dürers Hasen und Warhols Dose taucht auf (Aufzug 3). Man muß immerzu gut aufpassen, um nichts zu verpassen. Mit anderen Worten: Dies ist der erste "Parsifal" in Bayreuth, der völlig frei ist von szenischer Redundanz und das Nickerchen zwischendurch unmöglich macht. Teile des Premierenpublikums schienen dankbar und erhoben sich am Ende zu stehenden Ovationen, die gezielt Schlingensief galten. Andere riefen erwartungsgemäß das ihnen vorab eingeflüsterte Buh. Der vorhergesagte Eklat indes, der blieb aus.

Farbloser Klang

Störend allenfalls die spröde und schnell heruntertaktierte Interpretation, mit der Pierre Boulez im Graben seinen subkutanen Einspruch gegen die sinnenfroh barocke Opulenz auf der Bühne zu formulieren wußte. Farblos der Klang, wie gedrosselt das Orchester: spannungsleere Löcher von Pausen, blockartig nebeneinandergestellt die Phrasen, in Einzelereignisse zerfallende und damit nachdrücklich "entzauberte" Beziehungsmuster, scharfe Überakzentuierungen. Boulez, der bereits seit 1966 den Bayreuther "Parsifal" in Wieland Wagners Inszenierung dirigiert hatte, kennt das Stück und hat die Absicht, die hinter dieser dekonstruktivistischen Lesart steht, andernorts ausführlich begründet.

Die Sänger immerhin profitierten von diesem asketischen Orchestersound. Sie mußten nicht brüllen. Endrik Wottrich, zu dunkel timbriert für einen Parsifal-Tenor, tat es trotzdem. Dafür sah er blendend aus in seinem Jesus-Christus-Look. Robert Holl als zotteligem Gurnemanz hätte man eine bessere Fokussierung der kräftigen Stimme gewünscht zum vollen Glück, von Klingsor (John Wegner) mehr Farbe, weniger Gebell erwartet, von der schönen Kundry (Michelle de Young), die sich im fliegenden Wechsel in immer noch schönere Comic-Kostüme werfen mußte, weniger Schärfe und präzisere Artikulation.

Nur zwei Sänger auf Festspielniveau

Enttäuschend also, wie so oft in Bayreuth, die Sängerbesetzung. Abgesehen von den von Eberhard Friedrich perfekt trainierten Festspielchören und den bestens aufeinander eingestimmten Blumenmädchen (Julia Borchert, Martina Rüping, Carola Gruber, Anna Korondi, Jutta Maria Böhnert und Atala Schöck) sangen eigentlich nur der ausdrucksstarke Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas und Kwangchul Youn als Titurel wirklich auf Festspielniveau.

Schlingensief selbst hat zwar an einigen Stellen seiner Inszenierung die oft formulierte und sattsam dokumentierte Distanz zur Bayreuther Wagnerei angedeutet und versucht, den eignen "Senf" dazuzutun. Seine Schlingensiefianer - der Dicke, der Dünne, die mongoloiden Kinder - laufen diesmal freilich neben einem großmächtigen Opernkarren her und verkümmern zum Ornament. Daß aber das Festspielhaus selbst eine ideenvernichtende Gralsburg sein kann, die selbst einen Schlingensief und seine Ideenspringflut absorbiert, mag man ablesen daran, daß sich der Säulenschmuck des Zuschauerraums im ersten und letzten Aufzug in die irreale Architektur des Bühnenbildes verlängert.

Andererseits: eine drastischere, zugleich "werktreuere" Enthüllung des heiligen Grals kann sich kein ehrlicher Wagnerianer wünschen, dekorativere Auftritte der Höllenrose Kundry und eine wirksamere Raketenhöllenfahrt des Klingsor sind kaum vorstellbar. Schön anzuschauende, aber auch eindrückliche "Parsifal"-Bilder hat Schlingensief erfunden, die dem Hohelied einer Verwandlung durch das Sterben und das Wiederauferstehen näher kommen denn je: Die letzten Akkorde versinken in Nebelschwaden. Ätherleib begegnet Verwesung der Materie. Dann geht zum letzten Mal der Lappen hoch und zeigt Parsifal, der durch einen Korridor aus Licht schreitet, der fern im Hintergrund sich öffnenden Türe zu.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2004, Nr. 172 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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