Saisoneröffnung: „Tristan“ in der Scala

Kennst du das Haus, wo die Juwelen blüh'n?

Von Julia Spinola, Mailand

Das Mailänder Paar: Ian Storey als Tristan, Waltraud Meier als Isolde

Das Mailänder Paar: Ian Storey als Tristan, Waltraud Meier als Isolde

10. Dezember 2007 Ein Opernhaus als Nationalheiligtum, das sich einmal im Jahr frenetisch selbst feiert: das kann es so nur in Italien geben. Nirgendwo sonst wäre es denkbar, ein selbstverständliches Ereignis wie die alljährliche Spielzeiteröffnung mit ähnlichem Pomp zu begehen, wie es in Mailand am Tag des Stadtheiligen Sant'Ambrogio der Brauch ist.

Das Spektakel beginnt schon eine gute Stunde vor der Vorstellung auf den Straßen der Innenstadt, lange bevor man die Piazza della Scala erreicht hat. Im Umkreis von einem Kilometer verbreiten Polizeipatrouillen und Kontrollen die Atmosphäre eines bevorstehenden Staatsaktes. Zu den Gästen zählen dieses Jahr neben dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano auch Horst Köhler und Joschka Fischer, der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer, der griechische Staatschef Karolus Papoulias und der Emir von Qatar, Scheich Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani. Vor dem Opernhaus thront eine Garde malerisch gewandeter Carabinieri zu Pferd, mit langen Umhängen, Zweispitzen und leuchtenden Federbüschen. Die Schaulustigen drängeln sich bis in die Galleria Vittorio Emanuele II. hinein. In das Dauergeheul der Martinshörner mischen sich die obligatorischen Protestrufe demonstrierender Tierschützer und Pelzgegner, und irgendwie wird man schließlich, mitten in einem Pulk aus Prominenz, Polizei und rempelnden Paparazzi durch den schmalen Pfad zwischen zwei Absperrungen ins enge Foyer der Scala geschleust.

Sein Bayreuther Ring ist dreißig Jahre her

„Hässlich, monströs und kommunistisch“ sei der neue „Tristan“, der erste an der Scala seit dem von Wolfgang Wagner und Carlos Kleiber 1978, befand der Mailänder Kulturbeauftragte Vittorio Sgarbi nach der Premiere. Im unmittelbaren Vergleich der zeit- und schmucklosen Kostüme von Moidele Bickel mit der glamourösen Moden- und Juwelenpracht eines Publikums, das sich Eintrittskarten für 2000 Euro leisten kann, mochte man ihm beinahe recht geben.

Doch dafür, Patrice Chéreaus Inszenierung als „modernistisch“ zu bezeichnen, wie es die italienische Lokalpresse tat, gab es wahrlich keinen Anlass. Seine bildmächtige Bayreuther „Ring“-Entzifferung liegt lange zurück. Übrig geblieben vom einstigen Deutungsfuror scheinen nun professionelle Ernsthaftigkeit, profunde Musikalität und psychologisch-versierte Personenführung eines Regisseurs, der seine künstlerischen Wagnisse mittlerweile eher andernorts unternimmt: im Medium des Films, das ihm die Möglichkeit bietet, noch näher an die Figuren heranzugehen, noch intensiver in ihre Seelen zu dringen.

Jede Seelenfalte der Partitur gestisch ausgedeutet

Mit Wagners „Tristan und Isolde“ allerdings trug sich Chéreau schon seit einem Vierteljahrhundert. In unmittelbarem Anschluss an den „Jahrhundertring“, 1981, hatte Daniel Barenboim versucht, ihn für das Stück zu begeistern. Einen weiteren Anlauf machten Chéreau und Barenboim in den neunziger Jahren. Und jetzt, da sich der Scala-Intendant Stéphane Lissner anschickte, diesen langgehegten Wunsch mit der diesjährigen „Inaugurazione“ Realität werden zu lassen, schien die Premiere beinahe bis zur letzten Minute durch Streikdrohungen gefährdet. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Sie wurden im eindringlichen, intensiv atmosphärischen ersten Aufzug mehr als nur erfüllt.

Barenboim dirigierte einen kühnen, hochdramatischen „Tristan“ und ließ in schnellen Tempowechseln mit prägnanten Akzentuierungen und jäh wechselnder Dynamik eine wild zerklüftete innere Landschaft erstehen. Jede Seelenfalte dieser Partitur wurde gestisch ausgedeutet, der Fluss des Ganzen zugleich in ein stürmisches Wogen versetzt. Aus nachtblauem, nebligem Licht erhebt sich die gigantische Steinmauer, die Richard Peduzzi drei Aufzüge lang als Hauptelement seines Bühnenbilds dient: ein altes, verwittertes Gemäuer voller blinder Fenster, das schon halb in Natur übergegangen ist. Im ersten Aufzug wird es von einem großen, rostigen Lastschiff durchbohrt, dessen Bug frontal durch die Mauer gebrochen ist.

Traumtief ins Bewusstsein eingegraben

Wie Isolde - die immer noch herrlich ungestüme, zugleich bewundernswert artikulationsklar und intonationssicher gestaltende Waltraud Meier - hier verzweifelt die imaginäre Gischt ansingt, wie sie vor einem arrogant-blasierten Tristan kniet und ihn mit seinem Schwert bedroht, wie beide, durch den Trank verwandelt, somnambul und magnetisiert zueinanderfinden, sich verschmelzungssüchtig aneinander klammern, schließlich gewaltsam von Brangäne getrennt werden, wenn sie den roten Königsmantel über das siamesische Paar wirft - das sind Bilder, die sich traumtief ins Bewusstsein eingraben.

Immer wieder wird das Todes- und Auflösungsverlangen der beiden Liebenden schockhaft unterbunden: Musikalisch durch die grell und lärmend einfallende König-Marke-Welt mit ihren Märschen, Fanfaren und banalen Strophenliedern, szenisch durch jenen blindwütigen Aktionismus, mit dem Matrosen und sonstiges Gefolge dann über die Bühne toben.

Barenboim triumphierte bis zum letzten Klang

Doch leider fällt die Inszenierung in den beiden folgenden Aufzügen rapide ab. Dem großen Liebesdialog des zweiten Aufzugs fehlt die Spannung, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass Ian Storey als Tristan - ganz im Unterschied zu Waltraud Meiers durch und durch „gelebter“ Isolde-Verkörperung - in gekonnten, aber äußerlichen Gesten steckenbleibt.

Auch die Bühne wirkt hier nur mehr dekorativ. Durch den giebelartigen Mauerausschnitt, den das Schiff zuvor rammte, sieht man nun die von Wagner geforderten „hohen Bäume“. Im letzten Aufzug klafft hinter der Öffnung das schwarze Nichts. Doch statt dass Isolde sich ihm mit ihrem Liebestod überantworten würde, stolpert sie dann einfach nur tot zu Boden. Zuvor hatte es schon ein veritables Ritterfilmgemetzel gegeben und massenhaft Theaterblut, das von Tristans Wunde auf ungeklärte Weise auch an Isoldes Schläfe gelangt.

Stimmlich hob sich Ian Storey seine Reserven für den eindrucksvoll bewältigten letzten Aufzug auf. Insgesamt klingt sein Tenor jedoch allzu monochrom für die Partie. Auch mit Michelle DeYoungs bisweilen unangenehm scharfem Sopran in der von Chéreau als ältliche Amme angelegten Rolle der Brangäne wurde man nicht richtig glücklich. Matti Salminen war ein durchweg verlässlicher Marke, Gerd Grochowski ein frischer Kurwenal. Daniel Barenboim aber triumphierte mit fiebriger, nicht nachlassender „Tristan“-Spannung bis zum letzten, verlöschenden Klang.

Text: F.A.Z., 10.12.2007, Nr. 287 / Seite 35
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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