Alfred Brendels Abschiedskonzert

Ein unüberhörbar leises Servus

Von Wolfgang Sandner, Wien

Am Ende seines letzten Konzerts: Alfred Brendel

Am Ende seines letzten Konzerts: Alfred Brendel

19. Dezember 2008 Es war ein langer Weg zum kurzen Abschied. Alfred Brendel hat nach einer mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Solistenkarriere sein letztes Konzert gegeben, wie man es von ihm erwarten konnte. Kein prächtig illuminiertes Klavierfest mit Beethovens Emperor-Konzert, kein spektakulärer Kraftakt mit dessen späten Sonaten, nicht mit Schuberts schlafwandlerischer Verzweiflungsmusik und auch nicht mit Liszts tonmalerischen Zukunfts-Apotheosen.

Nach einer einjährigen Abschiedstournee hat Brendel jetzt beim dritten Abonnementskonzert des Wiener Musikvereins, wie selbstverständlich und ohne viel Aufhebens davon zu machen, zwischen Mozarts g-Moll-Symphonie KV 550 und Schuberts Vierter mit den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigenten Sir Charles Mackerras sich selbst noch einmal als Solist mit dem früher so genannten Jeunehomme-Konzert KV 271 plaziert, als wolle er etwas zurechtrücken. Drei aufs Äußerste komprimierte Sätze, gerade mal eine halbe Stunde Klavierspiel. Nichts weiter.

Vollendete Musik

Ein leiser Virtuose

Ein leiser Virtuose

Warum auch. Für vollendete Musik, angemessen ausgeführt, gibt es keine Steigerung. Und dass ästhetische Qualität sich nicht an Dauer, Volumen oder am Tonvorrat misst, musste nicht erst Beethoven mit seinen Bagatellen demonstrieren. Mozarts Es-Dur-Konzert KV 271 ist eine frühe Genietat. Brendel selbst hat das Werk wegen seiner durch nichts und nirgendwo sonst vorbereiteten Neuerungen als Weltwunder apostrophiert. Er hat es selbst noch einmal durch seine wunderbare Interpretation transzendiert. Um Missverständnisse zu vermeiden: Brendel hat Mozart nicht übertroffen, er hat das künstlerische Genie Mozart aber, gerade durch seine Zweifel bis hin fast zur Verzweiflung über die Last der Vollkommenheit dieses OEuvres, wie kaum ein anderer erfasst. Es gelang ihm auch deshalb, weil er nicht der Auffassung des jungen Paul Klee gewesen ist, man könne bei Mozart „als Spieler nicht viel mehr tun, als nicht danebenzugreifen“.

Wer die Noten Mozarts betrachtet und so, wie sie in der Partitur aufscheinen, wiedergeben möchte, kann eigentlich nur erstaunt sein über die austernhafte Verschwiegenheit, die ihm da aus dem Notenbild entgegenstarrt. Keine Dynamik, keine interpretatorischen Hilfestellungen, keine Auszierungen, nichts als „eigentliche Noten“, darin dem Tonsatz Johann Sebastian Bachs verwandt. Wer hier bloß „nicht danebengreift“, hat noch nichts gewonnen.

Jeder Ton ist wichtig

Dennoch ist Mozarts Musik beredt für alle, die verstehen, dass jeder Ton wichtig ist und was musikalische Logik bedeutet. Da trifft sich Brendels praktische Erfahrung mit Alfred Einsteins Theorie, die der vorherrschenden Meinung widerspricht, Musik sei eine flüchtige, unbeständige Kunst. Für Einstein ist Musik die haltbarste aller Künste. Denn die Spannungsverhältnisse barock-klassischer Tonkunst erscheinen ihm fester als der stärkste Beton. In der Tat: Gibt es etwas Haltbareres als funktionsharmonische Kadenzen? Jedes Tonika-Dominant-Verhältnis ist eine tragende Wand, jeder Vorhalt eine Schraube, die die einzelnen Teile verbindet, jeder Septimakkord eine Tür in einen anderen Klangraum. Das wird in jeder Anschlagsnuance spürbar, die Brendel den kargen Noten Mozarts abgewinnt.

Schon der überraschende zweimalige Lockruf des Pianisten gleich im zweiten Takt der orchestralen Introduktion des Es-Dur-Konzerts zeigt in Brendels bestimmter, aber nicht auftrumpfender Phrasierung an, dass mit ihm zu rechnen ist. Und wenn er mit dem Triller sein eigentliches Solo ankündigt, dann vibrieren die Mundwinkel mit, als sei jedes Detail des Werks für ihn nicht lediglich eine technische Herausforderung, sondern zugleich ein somatisches Stimulans. Mozart ist Dramatiker, ein kontrastreicher Opernkomponist auch in seinen Instrumentalwerken. Brendel versteht sich darauf wie kein zweiter.

Irdischer Kommentar

Das ist allerdings nicht der Grund für sein permanentes Mitsummen jeder solistischen Phrase. Es wirkt eher wie sein irdischer Kommentar zum apollinischen Melos des Meisters. Aber erst wenn im mollgrundierten langsamen Satz die gedämpften Streicher im Kanon den dunklen Klavierpart wie ein Kondukt begleiten, Orchester und Solist in nahezu phantastisch anmutender Kongruenz immer wieder ihre Phrasen abbrechen, um in einen rezitativischen Tonfall zu münden und Brendel schließlich die chromatische Intensität seiner Kadenz zum Äußersten treibt, versteht man die Wahl dieses Werks zum Ausklang einer großen Karriere: Auch die tragischsten Momente im „Don Giovanni“, die mystischste Stimmung der „Zauberflöte“, der heiterste Tonfall im „Figaro“ oder der außerirdisch schöne langsame Satz der Sinfonia concertante für Violine und Viola bewegen nicht mehr als dieses schmerzlich vorüberhuschende Andantino - in Brendels vollendetem Spiel.

Das unvermutet in das Schluss-Rondo eingeschobene Menuett wirkt danach fast wie eine unsentimentale Reflexion Brendels auf die eigene Karriere. Das Publikum im Musikvereinssaal ist sich des historischen Augenblicks bewusst. Stehend erklatscht es Zugaben: Busonis Arrangement von Bachs Choralvorspiel „Nun komm' der Heiden Heiland“ mit seinem unausweichlich dahinschreitenden Cantus firmus im Bass, eine Musik, die alle Fragen abweist. Dann Liszts „Au lac de Wallenstadt“ aus den „Années de Pèlerinage“ mit seinen „reinen“ Quint- und Quartintervallen, eine Klangwelt, die alle Fragen zulässt. Brendel hat auch das bedacht. Jetzt tritt er ab. Tränenlos.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, EPA/DIETER NAGL / MUSIKVEREIN

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