Gerard Mortier

Es kann nur einen Tiger auf dem Berg geben

“Auf die Zusagen privater Mäzene kann man nicht vertrauen“ - Opernmanager Gerard Mortier

"Auf die Zusagen privater Mäzene kann man nicht vertrauen" - Opernmanager Gerard Mortier

13. November 2008 Mit dem belgischen Opernintendanten hatte die New York City Opera einen der ganz Großen des internationalen Musikgeschäfts verpflichtet. Doch das Haus konnte seine finanziellen Zusagen nicht halten. Gerard Mortier über seine Absage, die Zukunft der City Opera und die eigene.

Was hat Sie Ihr New Yorker Engagement gelehrt?

Ich bin mit großer Neugierde und Enthusiasmus für das amerikanische System an die Arbeit gegangen. Susan Baker, die Aufsichtsratsvorsitzende, schrieb mir „everything is possible“. Ich musste lernen, dass dem nicht so ist. Vertrauen kann man nur in die großen Foundations, nicht auf die Zusagen privater Mäzene. Das kann sehr schiefgehen, das habe ich bereits in Salzburg erlebt, mit Alberto Vilar.

Wann wurde Ihnen klar, dass es Probleme mit der Finanzierung geben würde?

Im September habe ich mein Programm vorgestellt. Bis Mitte Oktober wären die Verträge mit den Künstlern zu machen gewesen, die Agenten wurden schon nervös. Ich habe der Präsidentin gesagt, bis spätestens Anfang November müsse das Budget stehen. Da wurde klar: Wir haben ein massives Finanzierungsproblem. Ich habe angeboten, auf 10 Prozent des zugesicherten Budgets zu verzichten. Aber mit einem Etat von 36 Millionen Dollar, davon 34 Millionen Fixkosten, kann man nicht so arbeiten, wie wir es geplant hatten. Sie haben einen Jaguar bestellt, aber kein Benzin, um ihn zu fahren.

Ist die New York City Opera ein Opfer der Finanzkrise?

Das spielt sicher eine Rolle. Aber das Geld war nie da. Ich bin enttäuscht, dass nicht einmal versucht wurde, zehn Geldgeber zu finden, die bereit gewesen wären, je 1,5 Millionen als Kredit zu geben. Auch im Board der NYCO sind ein paar Leute, deren Vermögen gerade mit öffentlichen Mitteln gerettet werden. Aber ihren kulturellen Verpflichtungen wollen sie nicht nachkommen.

Hat das auch mit Ihrem ehrgeizigen Spielplan zu tun? Sie wollten zum Start nur Opern des zwanzigsten Jahrhunderts und Uraufführungen bringen. Sind Sie an den Box-office-Erwartungen gescheitert?

Mit einem offensichtlich prestigeträchtigeren Programm wäre es leichter gewesen. Aber ich bin sicher, dass wir uns nach kurzer Zeit durchgesetzt hätten. Dazu wird es jetzt leider nicht kommen.

Was wird jetzt aus der New York City Opera?

Ich bin nicht sicher, ob das Haus in dieser Situation überleben kann. Und das ist für Amerika vielleicht erst der Anfang.

Die europäische Hochkultur scheint solider finanziert zu sein. Sehen Sie auch hier Probleme?

Wir werden überlegen müssen, wie man sparen kann. Koproduktionen sind eine Möglichkeit.

Hatte Ihre Bewerbung um die Leitung der Bayreuther Festspiele einen Einfluss auf die Situation in New York?

Das hat mir wohl geschadet. „He tried without success“ – das mag man dort nicht, ganz gleich wie die Umstände waren.

Wo denken Sie jetzt hin? Nach Berlin, an die Staatsoper?

Ich habe immer gesagt, dass man die Berliner Häuser zusammenfassen muss. Was die Staatsoper betrifft: Ich schätze Daniel Barenboim sehr, aber ich glaube nicht, dass er an einer Zusammenarbeit großes Interesse hätte. Es kann nur einen Tiger auf dem Berg geben.

Die Fragen stellte Holger Noltze.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Planen Sie Ihren Urlaub einmal etwas anders. Buchen Sie eine abwechlungsreiche Event-Reise im FAZ.NET-Ticketportal!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche