Von Eleonore Büning
13. Juli 2007 Wer ein Kind erwartet, sieht plötzlich überall Schwangere. Wer sich den Arm bricht, dem begegnen nur noch Menschen mit Gips. Wer aber in diesen Tagen in die Wagnerstadt Bayreuth fährt, der trifft laufend auf langbeinige Blondinen. Keine Sorge, das ist nur das Phänomen des umgekehrten Tunnelblicks. Außer Katharina-Hier-Katharina-Dort herrscht im Oberfränkischen momentan noch Ruhe vor dem Sturm. Die Rabatten werden getrimmt. In Gruppen kriechen Gärtner durchs nasse Gebüsch, jäten Beete, zwei Rasenmäher murren ums Haus. Und ganz aus der Nähe, durch die geschlossenen Fenster der Festspielnebengebäude, rieseln wieder den ganzen Tag die Tonleitern der Sich-Einsingenden. Es sind dies, gut zwei Wochen vor Beginn der diesjährigen Richard Wagner Festspiele, übliche Arbeitsgeräusche auf dem Hügel.
Alles probt, putzt, flickt, baut. Und schon wieder wissen wir natürlich alles Wichtige im voraus: alles über den sturköpfigen Wagnerenkel Wolfgang, der dement sein soll (Bunte) oder jedenfalls als Festspielleiter nicht mehr vorzeigbar (Zeit), über die kettenrauchende Wagnerurenkelin Katharina, die privat am liebsten Rammstein hört (Badische Zeitung) und sich nicht gern von jedem in die flachsblonden Haare greifen lässt, nur weil sie eine Wagner ist (Opernwelt), sowie über die gestrenge Chefin Gudrun mit den Adleraugen, die vielleicht heimlich trinkt (schon wieder: Bunte). Aber auch alles über die Sorgen des aus Stadt, Bezirk, Land und Förderern gebildeten Richard-Wagner-Stiftungsrates, der in vier Monaten, wenn die Ausschreibungsfrist endet, darüber entscheiden muss, ob Katharina Wagner, die in diesem Jahr zum ersten Mal Regie führt in Bayreuth, mit ihrem Meistersinger-Debüt zugleich qualifiziert ist zur Festspielleiterin in Nachfolge ihres Vaters.
Der Moloch wird gefüttert
Auch in der Konkurrenz ist ja noch Leben drin. Wieland-Tochter Nike Wagner, die zur Zeit noch das Kunstfest Weimar im Namen von Franz Liszt, ihrem Ahnen urgroßmütterlicherseits, leitet und der, soweit bekannt, noch keiner öffentlich in die Haare griff, meldete sich schon zurück. Sie war es, die vor Jahren, auf die Kusine gemünzt, das geflügelte Wort vom dressierten Kind im gemachten Nest lancierte. Auf den Tod meines Vaters warte ich nicht, ich kandidiere auf jeden Fall, erklärt auch die seit mehr als dreißig Jahren exkommunizierte ältere Stiefschwester von Katharina, Eva Wagner-Pasquier. Immer ein offenes Wort, bloß keine falsche Rücksichtnahme, jeden Tratsch gleich ins nächste Blatt posaunt: Von dieser Sorte Ruhm lebt diese Familie professioneller Nachkommen recht gut schon seit Jahren. Ja, keiner kann darüber klagen, dass der Vorberichterstattungsmoloch, gefräßigste aller Medienmaschinen, nicht auch diesmal wieder rechtzeitig von den Wagners gehätschelt und gefüttert worden wäre.
Trotzdem ist etwas alarmierend anders. Es geht los damit, dass eine E-Mail von Peter Emmerich eintrifft, dem langjährigen, stets diskreten, stillvergnügten Leiter des Bayreuther Pressebüros. Er lädt ein zum Probenbesuch der Meistersinger, zwecks Reportage. Unglaublich! Proben sind seit Jahrzehnten das Allerheiligste auf dem Hügel.
Wie die Proben unter Katharina Wagner verlaufen sind und wie ihre Chancen stehen, die Bayreuther Festspielleitung zu übernehmen, lesen Sie im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Samstag, dem 14. Juli 2007.
Text: F.A.Z., 14.07.2007, Nr. 161 / Seite 33
Bildmaterial: ddp
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