Von Julia Encke
12. Mai 2008 Wer ein paar Jahre nach 1968 geboren worden ist, konnte sich in den vergangenen Monaten wundern: Wie auf Kommando betraten zum Jubiläum sich aufplusternde 68er-Veteranen die Bühne und lieferten sich eine bizarr-polemische, immer noch völlig durchideologisierte Schlacht über das, was 1968 gewesen sein sollte. Es ging um die Hoheit über die Geschichte: So ist es gewesen, sagte jeder von ihnen - um in notorischem Bekenntniszwang noch einmal ausführlich auszuholen, was er persönlich so alles erlebt hatte: Götz Aly therapierte sich in Unser Kampf selbst, indem er die 68er, zu denen er gehört hatte, in plakativen und zum Teil völlig haltlosen Vergleichen als Wiedergänger der Nazis verdammte; Peter Schneider nannte sein Buch Rebellion und Wahn im Untertitel Mein '68 und verteidigte sich auf Podien gegen Aly; Dany Cohn-Bendit fand, Aly hätte sein Buch besser Memoiren eines Arschlochs nennen sollen, und erzählte dann seine französische Version; Rainer Langhans sagte einfach Ich bin's.
Erkenntnisstiftend war das nicht. Eher hatte man den Eindruck, dass hier ein paar Einzelfälle gegeneinander antraten und die Geschichtsschreibung eitel zukleisterten. Nachgeborene kamen als Adressaten offenbar gar nicht erst in Betracht. Und so ist es bezeichnend, dass, wer von den Errungenschaften der 68er-Bewegungen lebt, Interessanteres ausgerechnet von einem Großästheten wie Karl Heinz Bohrer erfährt: Sechs Szenen Achtundsechzig heißt sein unideologischer und sogar auch lustiger Beitrag im Mai-Heft der Zeitschrift Merkur, der in Anekdoten die Ambivalenzen der Zeit klar zur Sprache bringt. Bohrer ist Jahrgang 1932.
Die Dokumentation einer Eskalation
Auch dies ist eine persönliche Rückschau. Und wenn man diese langsam satthat, geht man besser gleich ins Kino: Vom Donnerstag an nämlich ist dort die Dokumentation einer Szene zu sehen, die, gerade weil sie völlig unkommentiert bleibt, mehr über 1968 zu sagen vermag als die ganze Memoirenliteratur zusammen: Am 20. November 1971 trat in der Deutschlandhalle in Berlin vor studentischem Publikum der Schauspieler Klaus Kinski auf, um seinen eigenen Text Jesus Christus Erlöser zu rezitieren; eine Idee, die er schon seit zehn Jahren verfolgt hatte, für die er bis dahin allerdings keinen Konzertveranstalter hatte gewinnen können. Jetzt waren die Hippies da, die Platte von Andrew Lloyd Webbers Rockmusical Jesus Christ Superstar mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan war ein Riesenerfolg; ein Star wie Kinski - so dachte es sich der Konzertveranstalter Klaus Berenbrok -, der über Jesus als einen der furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen sprechen wollte, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen, das war eine sichere Tourneenummer.
Es kam zum Eklat. Kinski trat kurz nach dem Berliner Krawallabend zwar noch einmal in Düsseldorf auf, da aber schon ohne Gage. Berenbrok hatte alle Verpflichtungen abgegeben und ging in Konkurs. Jesus Christus Erlöser ist die Dokumentation einer Eskalation. Kinski selbst hatte ein paar Leute engagiert, die den Auftritt aufnehmen sollten. Zweieinhalb Stunden 16-Millimeter-Material von vier Kameras sind erhalten; der Regisseur und Nachlassverwalter Kinskis, Peter Geyer, hat sie zusammengeschnitten zu einem beeindruckenden Film, der es noch einmal richtig krachen lässt.
Einen Ausraster provoziert man gern
Die Bühne ist leer und dunkel, im Lichtkegel der Scheinwerfer tritt der 45-jährige Kinski auf, der - damit fängt es schon an - in seinem bedruckten Blumenhemd, in lilablauen Jeans und mit schulterlangem Haar eigentlich selbst aussieht wie ein in die Jahre gekommener Hippie. Im Publikum: viertausend mehrheitlich junge Menschen, die, zum Teil, auf dem Boden sitzen, rauchen und mit großem Ernst zur Bühne aufschauen.
Kinski beginnt zu rezitieren, bald kommen die ersten Zwischenrufe. Einen, der als Ausraster bekannt ist, provoziert man gern, allein aus Gründen der Unterhaltung. Es funktioniert: Je mehr Zwischenrufe kommen, desto autoritärer wird Kinskis Stimme, bis diese mit scheinbar zornig-wütendem Wahrheitsanspruch von oben herab an alte Zeiten zu erinnern beginnt. Aus der Hippie-Erscheinung, die einen rebellischen Jesus-Text vorträgt, wird in der Wahrnehmung von unten ein diktatorischer Tyrann, der Feind von gestern, ein Kapitalist zumal, der mit seinen Filmen Millionen verdient hat. Als ein junger Mann in Strickpulli dann Sei nicht unverschämt! ruft, rastet Kinski völlig aus.
Komm du hierher, der du ein so großes Maul hast!, schreit Kinski, worauf der Mann tatsächlich auf die Bühne kommt: Leute, erklärt er, leider sehr ungelenk, ich bin kein großer Redner, und es ist vielleicht möglich, dass von euch welche Christus suchen. Aber ich glaube, er ist es nicht, denn Christus war duldsam, soviel ich weiß. Und wenn ihm einer widersprochen hat, dann hat er versucht, ihn zu überzeugen. Er hat nicht gesagt: halt die Schnauze!
Kinski ist daraufhin nicht mehr zu halten, verlässt die Bühne, kommt wieder, wiederholt seinen Text von vorn, bis andere kommen, ihm das Mikrofon wegreißen; Kinski versucht, mit der Mikrofonstange zurückzuschlagen. Von unten dröhnt es da schon in Sprechchören: Kinski ist ein Faschist.
Es geht weiter
Rebellion und Wahn liegen hier offen zutage, in der ganzen Bandbreite der Stimmungen und Reflexe: das Aufbegehren gegen den völlig unzeitgemäßen autoritären Ton eines tyrannischen Exzentrikers; der ideologische Kurzschluss, der jeden über dreißig zum Nazi erklärt; die basisdemokratische Sehnsucht, die sich dem Diktat von oben nicht beugen will; die Diskrepanz zwischen friedensliebenden Diskutanten und gewaltbereiten Wortführern. All das entzündet sich an einer Figur, die widersprüchlicher nicht sein könnte, nicht aber in ihren Widersprüchen wahrgenommen, sondern sofort zur feindlichen Angriffsfläche wird. Kinski will eigentlich nur eins: in Ruhe seinen Text sprechen.
Peter Geyer lässt nach ungefähr sechzig Minuten den Abspann laufen. Man will schon seine Sachen packen, da geht der Film, wie damals der Abend, noch weiter: Es ist weit nach Mitternacht, hundert junge Menschen harren noch immer in der Halle aus, der Rest ist tumulthaft längst gegangen. Plötzlich kommt Kinski noch einmal hervor, diesmal müde und ernst. Er steigt von der Bühne herab, stellt sich in die Mitte der Verbliebenen, um, zunächst ohne Mikrofon, seinen Erlöser-Text von vorn zu sprechen: Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung anarchistischer Tendenzen Verschwörung gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen. Angeblicher Beruf: Arbeiter. Nationalität: Unbekannt. Decknamen: Menschensohn Friedensbringer Licht der Welt Erlöser . . . Gesicht und Stimme des Tyrannen hat er abgelegt. Er spricht bis zu Ende. Form und Inhalt - und, auf Augenhöhe, der Sprecher und sein Publikum kommen so zusammen. Es ist, als wäre Klaus Kinski, für diesen einen Moment, in der Zeit angekommen.
Ab Donnerstag im Kino
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa
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