Von Teresa Grenzmann
06. August 2006 Inhaltsfuchtel, sagt Pastior. Bückware, sagt Pohl. Influenzgestalt, sagt Pastior. Sound des Realen, sagt Pohl. Arger Sportsfan, sagt Lentz. Ohrwurm, sagt Fiebig. Ein Schauer, sagt Schrott. Die leichte Briese, sagt Papenfuß. Bert, Bert, Bert, sagt Begemann. Der Vogel Brecht, sagt Cosic, das alte Exemplar. Ein großer Menschheitssänger, sagt Kratzert, wie Homer. Unser Shakespeare, sagt Grönemeyer. Ein komplettes Vergnügen, sagt Thieme. Der erste Pop-Schriftsteller, sagt Ostermaier. Rein. Sachlich. Böse, sagt Brecht. - ,Brecht' sagen, Brecht meinen, dichtet die Spoken-Word-Poetin Nora Gomringer und bringt damit das offene Ziel von vier Augsburger Tagen voll mit dem Dichter Bertolt Brecht auf einen Punkt: Fast jeder trägt Brecht auf der Zunge - fragt sich nur, warum.
Der Unterschied zwischen einem Winter in Augsburg und einem Sommer in Augsburg ist in diesem Jahr das Lied, welches der pilgernde Passant auf seinen Lippen durch die Gassen trägt: Nachtmusik versus Dreigroschenoper. Dem einen, Mozart, huldigte man überschwenglich zum 250. Geburtstag - obwohl er hier weder geboren, noch gestorben ward: Mozart zum Anfassen. Doch um den anderen, Brecht, der am 14. August fünfzig Jahre tot ist, der hier 1898 geboren wurde, zu würdigen, griff man sich einen jüngeren Erbverwalter aus München, den dichtenden Realitätsromantiker Albert Ostermaier. Der stellte nun ein internationales Brecht-Festival auf acht Podeste der Stadt (denen er den zweifelhaften Namen poetische zone verlieh) und pfiff den Augsburgern wie Zugereisten, ganz gleich, ob retro aus dem Filmpalast oder barock aus dem Palasthof, ein lustvoll lebendig dialektisch Liedchen vor: Brecht zum Angewöhnen.
Kühlschrankpoesie oder Reim auf alles
abc - das dichterische täglich Brot im Titel des dreiteiligen Festivals, in diesem Jahr der Lyrik, im nächsten der Prosa und 2008 den Dramen Brechts gewidmet, signalisierte profan den gründlichen Neuanfang für das Deklinieren des bis unlängst lieber irritiert ignorierten, weil kommunismuslastigen Augsburger Kindls. Und zwinkerte man sich das etwas zudringliche Motto Von Brecht lernen nicht zurecht, so lockte der Dichter hier mit der gleichen Verve wie eine Doppelstunde Mutter Courage: Brecht in der Schule - die rückblickende Autorenriege jaulte geschlossen. Doch in der Praxis, und das war schon nach dem eröffnenden Marathon Lyrik.6 - die Radionacht für Brecht klar, ging es für Autoren wie Publikum ja gar nicht so sehr darum, von Brecht zu lernen, sondern darum, von Brecht gelernt zu haben, und dieses nun, erstmals endlich oder zum wiederholten Male zufrieden, selbstreflexiv festzustellen. (Eine Perspektive, die Saam Schlamminger für seine Videoinstallation Der Radwechsel noch global ausweitete, indem er Menschen in zwanzig Ländern Brecht-Übersetzungen lesen ließ.) Denn mit abc meint Ostermaier nicht nur das poetische (Neu-)Buchstabieren oder den Brechtschen Wunsch nach einem C im Alphabet der Genügsamen, sondern auch die Abkürzung für Augsburg Brecht Connected. Verbundenheit also, Brechtische Schizophrenie. Brecht und ein Doppelpunkt und dann bereits man selbst.
Überdosis oder nimmertot, Kühlschrankpoesie oder Reim auf alles, Gleichschrittschreck oder linke Mode? Darüber diskutierte, improvisierte, intonierte, selbstinszenierte und, zuweilen, schwadronierte man, in siebzehn sogenannten Modulen aus ein bis vier Autoren, einem Moderator, einem Schauspieler (der nicht nur rezitierte), einem Zeitdruck von eineinhalb Stunden und einer Gleichzeitigkeit aus Dringlichkeit und Gleichgültigkeit, Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit.
Brecht und das deutsche ABC und BeatBoxBrecht
einmal ging ich unterwegs verloren einmal kam ich an wo ich nicht war - las Herta Müller aus ihren dichten Dia-Collagen in Brecht und das ABC des Exils und beschrieb, was ihn und sie miteinander verbinde, ein unerschütterlich tiefer Optimismus in einer dunklen Zeit. Mißmut äußerte in der selben Runde Joachim Sartorius über den Schnelldurchlauf dieses wichtigen Themas; es widersprach ihm keiner. Doch was war die Alternative? Sie tagte im Zeughaus, nannte sich 12th Symposion of the International Brecht Society und setzte sich, während draußen die Sommerhitze durch ihren Lichtschutzfaktor glotzte, im mucksmäuschenstillen Kämmerlein unter ein gravitätisches Thema: Brecht und der Tod. - Also: Schattiges Stillschweigen oder öffentliche Wortstöße, Brecht gebrauchen, Brecht brauchen?
Manch einer allerdings wußte auf dem abc-Podium bis zum Schluß nicht, was er außer seiner Anwesenheit hier verloren hatte - etwa der Sänger Herbert Grönemeyer, als ihm das Publikum Brechts Kinderhymne diktierte. Doch die meisten fanden sich tatsächlich - zumeist erstaunt - brechtisch, brachten dichterische Performance-Talente zutage (etwa Gerald Fiebig und Martin Schmidt in ihrem Romantisch-Glotzen-Remix) oder Dialoge in fruchtbare Gegenden (wie die wortgelenke Runde um den Zürcher Verleger Urs Engeler aus Oskar Pastior, Oswald Egger und Christian Uetz in Brecht und das deutsche ABC). Ich und Brecht - stimmt das? fragte sich Egger. Man einigte sich auf die Antwort: Brecht ist jemand, in dessen Unkonkretheit man den eigenen Lebenskontext einbauen kann. Es ist nicht die Aufgabe des Dichters, Antworten zu liefern, es ist seine Aufgabe, die Fragen klarer zu formulieren, bemerkte der ehemalige amerikanische Soldat und studierte Lyriker Brian Turner in Brecht und das ABC von Krieg und Frieden. Verfremdung zur Kenntlichkeit nannte es Fiebig im ABC des Kapitals. Volker Braun hingegen erinnerte im ABC von DDR und BRD an den Inhalt: Brechts Gedichte sind Dokumente einer durchlebten und durchkämpften Geschichte.
Nicht nur für diese Autoren galt es, in den eigenen Schriftstücken Brecht-Inlays zu suchen oder auf seine Gedichte Bezug zu nehmen - wobei etwa Das Manifest oder Der Radwechsel wieder und wiederkehrten wie zum Beweis für ihre universale individuelle Interpretierbarkeit -, an Brecht zu schreiben, ihn umzuschreiben und zu umschreiben, seine Technik (Kratzert) anzuwenden, ihn zu interpretieren, ironisieren, zu samplen. Auch musikalisch schaute man Brecht direkt oder indirekt und betont jugendlich hinter die Worte: ob im wilden Stilmix-Zyklus Brecht neu vertont, in den Konzerten von Tocotronic und Peter Licht, im BeatBoxBrecht oder im ABC Poetry Slam. Und Stilmix führte zu Zuschauermix. Brecht verband tatsächlich, Augsburg Brecht Connected, eine Annäherung auf vielerlei Wegen. Das ist ja hier wie in Woodstock! soll ein Augsburger ausgerufen haben, na ja. Woodstock sagen, Brecht meinen - auch das gehört wahrscheinlich dazu.
Text: F.A.Z., 18.07.2006, Nr. 164 / Seite 33