21. Oktober 2005 Was schenkt man einem Papst? Diesem Mann, der alles haben kann, aber persönlich schon von Berufs wegen ziemlich bedürfnislos ist, schenkt man am besten ein Konzert. So muß man bei der Stadt München gedacht haben, als die famose Idee aufkam, den früheren Erzbischof der Stadt zu ehren und an seiner jetzigen Wirkungsstätte in Rom zu erfreuen.
Die Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann spielen also für den Heiligen Vater. Dieses Arrangement in der riesigen Audienzhalle des Vatikans ist zwar nicht neu, denn schon Johannes Paul II. liebte zuweilen solche Kulturevents. Doch handelt es sich bei dessen Nachfolger um einen Deutschen und einen erklärten Musikliebhaber - wahrlich Grund genug für eine stolze Festlichkeit, die auch ins deutsche Fernsehen kommt. Daß der Papst mit Georg Ratzinger zudem einen Bruder hat, der dreißig Jahre den ältesten Chor der Christenheit (gegründet im Jahr 975) leitete und achtbare Sakralmusik komponierte, vervollständigte das Programm quasi von selbst.
Bewegte Brüder
Ebenjene Regensburger Domspatzen sangen den bewegten Ratzinger-Brüdern gleich zu Beginn ein jubelndes Sanctus aus einer lateinischen Messe des Papstbruders über das Geistliche Jahr - hochkomplexe und doch harmonische Vokalpolyphonie, deren vielschichtige Harmonien ein wenig an den zu Unrecht vergessenen Lorenzo Perosi erinnerten, jenen einstweilen letzten päpstlichen Hausmusiker von Weltrang, der in den zwanziger Jahren gleichfalls einen Bruder - freilich nur als Kardinal - in der Kirchenführung hatte. Ein anderer Papstkapellmeister, Giovanni Pierluigi da Palestrina, hatte bereits vor einem Halbjahrtausend feste Bande zwischen München, wo er lange wirkte, und dem Heiligen Stuhl geknüpft. Seiner klaren, das Wesentliche betonenden Stimmführung, die mit den Manierismen der flämischen Hofmusik aufräumte, verdankte die römische Kirche in den Wirren der Reformation einst einen großen propagandistischen Schub - nachzuvollziehen im Kyrie der Marcellus-Messe, bei dem den bayrischen Knabenstimmen keine Nervosität anzuhören war.
Und so spielten die Domspatzen und Thielemann mit ihrem raffinierten Programm immer wieder musikalisches Pingpong quer durch die christlich-europäische Kulturhistorie. Da gab es etwa Felix Mendelssohn-Bartholdys Motette Denn er hat seinen Engeln befohlen, gemütvolles Werk eines zum Luthertum konvertierten Juden aus Deutschland, dessen Lebensgang und Rezeptionsgeschichte so symbolhaft sind für unsere Geschichte. Das Tu es Petrus, hier dem aktuellen Nachfolger Petri ins Ohr gesungen, des ungarischen Abbes Franz Liszt infizierte danach den schlichten Glauben mit Sinnlichkeit, mit nervösem Streicherflackern und Fanfarenschall - Heilsgeschehen als Gesamtkunstwerk. Das Schwergewicht des Abends vor siebentausend geladenen Gästen - darunter die komplette, gerade in Rom tagende Synode der Weltkirche - bildeten dann die beiden Vorspiele zu Hans Pfitzners Palestrina.
Reizvoll verstörende Frage
Gibt es eine Musik ohne Religion? Diese auch in umgekehrter Form reizvoll verstörende Frage umtrieb den Komponisten bei seiner Oratorienoper, von der hier wohl erstmals im Vatikan Töne zu hören waren. Und Thielemann zelebriert diese ganz unrömische, grüblerische Musiksprache, modelliert aus dem Amorphen der spätestromantischen Harmonie eine fest umrissene Skulptur heraus. Giuseppe Verdis Te Deum aus den späten Quattro pezzi sacri wirkte dann in der packend-konzentrierten Wiedergabe der Münchner wie ein ultramontaner Gruß. Der greise Melodienmagier verkneift sich hier jeden rhetorischen Effekt, lädt zum Meditieren ein und macht mit Sinnlichkeit ohne Verführung seinen Frieden mit der zeitlebens bemäkelten Kirche. Daß Benedikt XVI. Verdi liebt, ist bekannt; im Landgut des Komponisten bei Parma erinnern sich die Nachfahren noch lebhaft an einen Spontanbesuch des weiland Kardinals, der gleich zum Essen bei den Verdis blieb. Aber dann auch noch Wagner? Ein sächsischer Protestant und Anarchist, ein Antisemit, Ehebrecher und geschiedener Wiederverheirateter, wie ihm die anwesende Generalsynode erst diese Woche das Sakrament der Kommunion verweigerte?
Der Papst hat bis dahin dem Konzert in seinem weißen Sessel mitten im Publikum konzentriert und leicht vorgebeugt gelauscht, hat höflich applaudiert, so wie er sich auch hinterher nicht vom endlosen Zug der Grüßenden und Wartenden irritieren lassen wird. Kaum daß der erste Schlußapplaus nach des Papstes knappen und wie so oft etwas formelhaften Dankesworten verklingt, eilt Otto Schily auf den Heiligen Vater zu - dem kommissarischen Innenminister ist es nicht am Grab von Holger Meins gesungen worden, daß er einmal ranghöchster Ehrengast bei einem deutschen Papst sein würde.
Gute deutsche Hausmusik
Dann stehen sie alle so zwanglos wie möglich beieinander und plaudern, Ude und Glemp, Schönbohm und Meisner. Und auch die vielen angereisten deutschen Gäste, die Geschäftsfreunde der Sponsoren und all die Gesellschaftsdamen, die mit dem Mantel in der Hand kaum auf den Heiligen Vater warten wollen und noch bei der von ihm gewünschten Zugabe - noch einmal Pfitzner - hektisch mit dem Handy fuhrwerken, sie alle strömen heraus in die feuchte römische Nacht, dieweil sich ein einsamer Bayer in seine Dienstwohnung mit Blick auf den Petersplatz zurückzieht, wo ein selten benutztes Klavier für gute deutsche Hausmusik zeugt.
Ach ja, Wagner. Thielemann hatte zum Abschluß seines sakralsinnlichen Reigens ausgerechnet die Tannhäuser-Ouvertüre ausgewählt - Symphonie der Sünde, Apotheose einer wollüstigen Höllenfahrt, die mit leichten Mädchen und orgiastischer Entschiedenheit schon für manchen Opernskandal seit der Uraufführung gesorgt hat. Kardinäle und Bischöfe horchen und sehen erfreut, wie Thielemann aus sich herausgeht, irgendwann triumphierend die Faust ballt, seinen Musikern beim Dirigieren zuwinkt und fast ein wenig tänzelt. Musik - und das eint sie mit der Religion - hilft tröstlich über alle Verdammnis hinweg. Wagner war eben Realist, kein Utopiker. Eher treibt ein Spazierstock Knospen, als daß ein halbverhungerter, zwangsrekrutierter Flakhelferknabe aus Deutschland einmal Papst werden kann. Und dann zeigt dieses wundervolle Konzert, wie es blüht im Vatikan.
Text: F.A.Z., 22.10.2005, Nr. 246 / Seite 43
Bildmaterial: dpa/dpaweb