Christoph Schlingensief

Heile, heile, Angst

Von Andreas Rossmann

Christoph Schlingensief

Christoph Schlingensief

22. September 2008 Sechsundneunzig Kirchen werden vom Ruhrbistum aufgegeben, doch in Duisburg ist, zumindest temporär, eine neue eröffnet worden. In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord hat Christoph Schlingensief mit der Herz-Jesu-Kirche aus dem nahen Oberhausen jenes Gotteshaus nachgebaut, in dem er als Kind Messdiener war, um hier „Kirche der Angst vor der Fremde in mir“ uraufzuführen.

Diese sogenannte „Kreation“ der Ruhrtriennale unternimmt eine szenisch-musikalische Reflexion über Schlingensiefs Krebserkrankung, in deren Verlauf ihm ein Lungenflügel entfernt werden musste: Fragend, verzweifelt, wütend, weinend setzt sich Schlingensief mit einer existentiellen Grenzerfahrung und der größtmöglichen Bilanzsituation auseinander, die ihn, da Leben und Tod nur einen winzigen Schritt auseinanderliegen, schockartig mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert und aus der Bahn geworfen hat.

Die Wunde zeigen

Die persönliche Krise versucht er in ein „Fluxus-Oratorium“ zu transformieren, in dem alles, was sein Leben und seine Kunst ausmacht, vom Embryonalstadium in der Gebärmutter bis zur Hasenverwesung, resümiert wird: Krankenbefund und Tagebuchaufzeichnungen, Familiengeschichten und Kinderferien an der Nordsee, Filmsequenzen und Fürbitten, Suizidgedanken und Erlösungswünsche, Wagner, Mahler und Rock’n’Roll, Hölderlin, Kleist und Heiner Müller. Vor allem aber Glaubenszweifel und Kunstvertrauen: „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt“ – diese Sentenz von Joseph Beuys wird zum (auch ästhetischen) Credo.

Überbordend und assoziativ, nimmt sich die Performance aus, als wolle Schlingensief das Kunststück fertig bringen, seine eigene Beerdigung vorwegzuinszenieren und selbst ihr Zuschauer zu sein. Wie sie mit großer Besetzung, darunter die Schauspielerinnen Margit Carstensen, Mira Partecke und Angela Winkler, mit Operndiven, Organisten, Pfarrern, Ministranten, Freaks, Gospel- und Kinderchor die falschen Kirchenmauern der Industriekathedrale erschüttert, kann man egomanisch, exhibitionistisch, blasphemisch, kitschig und privat finden, aber auch anrührend, beeindruckend, authentisch, experimentell und mutig. Der Abend ist das alles – einerseits und andererseits, zugleich und zusammen. Doch kritisieren lässt er sich nicht. Da bleibt nur, gute Besserung zu wünschen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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