Opernstar Annette Dasch

Vom Urlaub träumen ist auch okay

10. Juni 2008 Spätestens seit dem letzten Sommer, als sie in Salzburg als Haydns „Armida“ Triumphe feierte (siehe auch: Opernglück: Haydns „Armida“, inszeniert von Christof Loy), gehört Annette Dasch zur ersten Riege der deutschen Mozartsoprane. Zuletzt sang sie die Partie der Donna Elvira unter Daniel Barenboim an der Berliner Lindenoper und an der Mailänder Scala. Kommenden Samstag wird sie in München zu hören sein als Elettra in Mozarts „Idomeneo“, einer Festaufführung zur Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters, die von Kent Nagano dirigiert wird. Danach steht die 32-Jährige abermals in Salzburg auf der Bühne, diesmal als Donna Anna in Mozarts „Don Giovanni“. Und am 17. August wird sie wieder im Berliner Radialsystem erwartet zum dritten „Dasch-Salon“ - einer Kreuzung zwischen Talkshow und Liederabend, die Annette Dasch eigens erfunden hat, um der klassischen Musik neue Hörerschichten zu erschließen. Auf Anhieb ausverkauft. Offenbar ein Rezept, das funktioniert.

Frau Dasch, in Ihrem Salon singen Sie Lieder mit Freunden und Kollegen und plaudern ein bisschen. Diese neue Konzertform findet großen Zuspruch. Reine Liederabende sind eher schlecht besucht. Woran liegt das?


Ein elementarer Irrtum vieler Konzertbesucher besteht in der Annahme, man gehe ins Konzert, um sich zu entspannen. Ein Liederabend ist aber eine anstrengende Veranstaltung. Die menschliche Stimme spricht unsere Sinne sehr direkt an. Man hat als Zuhörer wenig Rückzugsmöglichkeiten und wird auch noch mit Texten konfrontiert. Lieder von Hugo Wolf zum Beispiel - die konsumiert man nicht so im Vorbeigehen. Manchmal finden Liederabende auch in viel zu großen Hallen statt, man kann die Interpreten nicht richtig hören und sehen. Da kann es auch mal schnell dröge werden. Ich gebe zu, selbst ich habe mich unlängst auf dem Liederabend einer von mir sehr verehrten älteren Kollegin ziemlich gelangweilt. Insofern denke ich schon, dass unsere Form des Salons als Hinhörveranstaltung guttut. Natürlich ersetzen wir keinen Liederabend. Aber wir machen vielleicht Lust und Mut, sich diesem Genre wieder mehr zuzuwenden.

Sie kommen aus einem Elternhaus, in dem viel Kammermusik gemacht wurde. Ihr Vater spielte Streichquartett, im „Dasch-Salon“ musizieren Sie auch mit Ihren Geschwistern. Wollen Sie, wie für den Liederabend, auch für die Kammermusik eine Lanze brechen?

Viele Leute sind von den Konzertformaten abgeschreckt, schon weil man da lange in unbequemen Anzügen sitzt und die ganze Zeit nur fürchtet, jeder andere sei gebildeter und man könne im Pausengespräch nichts Kluges von sich geben. Ich glaube, dass man fürs Zuhören wieder sensibilisieren kann, wenn man den Leuten erzählt: Ihr müsst jetzt da intellektuell nichts verstehen, ihr dürft euch anderthalb Stunden nur der Musik widmen. Wenn sie dabei ins Träumen kommen über den vergangenen Urlaub, ist das auch okay.


Klingt unterhaltsam. Sie schwärmen ja auch für Nina Hagen. Werden Sie sie einladen in Ihren „Dasch-Salon“?


Ein Salon ist ja im Wesen etwas sehr Bürgerliches. Bei uns ist es aber auch heiter und unterhaltsam. Es amüsieren sich Menschen, die sonst nie in Klassikkonzerte gehen. Ich möchte mich im Salon nicht mit Popmusik beschäftigen, die hat genug andere Plattformen. Es gibt allerdings unter den sogenannten Popmusikern herausragende Künstlerpersönlichkeiten, die einzuladen ich mir sehr gut vorstellen kann. Es geht mir um das Kunstlied, das keine Verpoppung nötig hat. Wir brauchen uns nicht zu verstellen. Was wir machen, ist sensationell genug. Das müssen die Menschen nur wieder entdecken.


Was halten Sie von interkulturellen Jugendprojekten, wenn etwa klassische Oper mit Rockmusik kombiniert wird? Könnten Sie sich vorstellen, in einer solchen Produktion mitzuwirken?


Ich prüfe jedes Projekt, das man mir anbietet, sehr genau. Wenn ich das Gefühl hätte, es steckte ein Sinn darin, dann wäre ich nicht dagegen. Wenn zum Beispiel (ich phantasiere mal!) Jürgen Flimm sagen würde, ich mache mit Lou Reed eine Oper, in der wir Mozart und psychedelische Rockelemente verbinden, würde ich wahrscheinlich zusagen. Aber ob man junge Menschen auf Dauer ins Theater lockt, wenn man sich ihrer Kultur anbiedert, weiß ich nicht. Ich glaube, die spüren sehr schnell, ob ein Interpret authentisch ist auf der Bühne. Wenn sie merken, man brennt, lassen sie sich begeistern, und zwar auch für Beethoven, Tschaikowsky oder Alban Berg. Deswegen hat Simon Rattle so viel Erfolg bei jungen Leuten, weil er nur so strotzt vor Energie und Enthusiasmus.


Wissen Sie, bevor Sie ein Engagement annehmen, wer Regie führen wird?


Manchmal weiß ich es nicht, bevor ich den Vertrag unterzeichne. Das ist ungut. Andererseits, selbst wenn man den Regisseur bereits kennt, ist das keine Garantie für große Kunst. Ich bin grundsätzlich experimentierfreudig, ich mag das Regietheater und würde es nicht eintauschen wollen gegen einen Repertoirebetrieb, in dem man mich in muffige Kostüme steckt und sagt: „Du gehst dann mal von rechts nach links.“ Das interessiert mich überhaupt nicht. Aber es gibt natürlich in Deutschland Häuser, die ihre Inszenierungen auch im Repertoirebetrieb frisch halten. Ich habe mich noch nie wegen eines Regisseurs gegen eine Produktion entschieden, die mich eigentlich interessiert hätte. Aber gegen drei Vorstellungen ohne Probe mitten in der Spielzeit an einem Riesenhaus, dagegen entscheide ich mich immer.


Wie wichtig ist der Erfolg dabei?


Natürlich ist der wichtig, klar. Erfolg macht ungleich mehr Spaß als Misserfolg. Für mich war meine Salzburger „Armida“ ein Erfolg, weil mich die Rolle und die Arbeit an der Produktion enorm gefordert haben, und es hat gleichzeitig so viel Spaß gemacht. Die schönsten Erlebnisse in unserem Metier hat man immer dann, wenn man sich nicht so sehr als Einzelperson exponiert fühlt, sondern wenn es um die Aufführung eines Werkes geht und man dieser Sache dient.


Sie singen abwechselnd Donna Anna und Donna Elvira in Mozarts „Don Giovanni“. In welcher der beiden Partien finden Sie sich eher wieder?


Ich dachte immer, die Anna sei meine Rolle. Dann kam das Angebot von Herrn Barenboim für die Elvira, das habe ich gerne angenommen. Und wie immer bei Mozart fühlt man sehr stark mit den Charakteren, so liebte ich im Lauf der Arbeit diese Elvira. Sie ist eine großartige Figur, die mit der größten Entwicklung im Stück.

Andere berühmte Kolleginnen haben sich auf eine Partie festgelegt: Elisabeth Schwarzkopf oder Lisa Della Casa zum Beispiel sangen immer die Elvira. Elisabeth Grümmer, Gundula Janowitz oder Edda Moser konsequent immer die Donna Anna.


Aber Renée Fleming, Karita Mattila und andere haben sowohl Anna als auch Elvira gesungen! Bei Mozart ist ein Sopran ein Sopran. Zum Beispiel im „Idomeneo“ könnte ich eigentlich alle drei Partien singen: Ilia, Idamante oder Elettra. Übrigens hat Lisa Della Casa auch im straussschen „Rosenkavalier“ alle drei Sopranrollen übernommen: erst die Sophie, dann Octavian, schließlich die Marschallin.


Da spielte aber die stimmliche Entwicklung eine Rolle . . .


. . . die bei Mozart nicht so zum Tragen kommt, weil die Sänger aufgrund der Orchestergröße kein Lautstärkeproblem haben. Wenn man vokal eine Partie singen kann und sich zutraut, den Charakter darstellerisch zu packen, gibt es für mich bei Mozart keinen Grund, es nicht zu tun. Man entscheidet nach der Stimmfarbe.

Wie groß ist der Druck für Sie, eine Partie übernehmen zu müssen? Wie stark ist die Angst vor stimmlichen Krisen?


Ich mag es nicht, wenn Sänger als Opfer des Betriebs dargestellt werden. Wir Sänger sind viel eigenverantwortlicher, als Ihre Frage es impliziert. Es geht ja vor allem darum, wie man sich selbst die Kräfte einteilt. Dass Dirigenten den Sängern Partien abverlangen, die sie stimmlich ruinieren, halte ich für eine Legende aus Karajans Tagen. Ich bin selbst in so eine Situation noch nie gekommen, aber ich denke, dass es auch da Auswege geben muss.


Der nächste Schritt ist, dass Sie 2009/10 an der New Yorker Met debütieren. Was kann dann noch kommen?


Eine Steigerung der eigenen Qualität. Es wird immer eine Entwicklung der Stimme, der Seele, der Gestaltungskraft geben. Die Suche nach dem perfekten Moment geht immer weiter. Wo der dann stattfindet, ob in New York oder in Bad Lauchstädt, ist nicht gewiss.


Ihnen ist die Größe eines Opernhauses nicht wichtig? Spielen akustische Fragen für Sie keine Rolle?

Natürlich ist es für mich eher günstig, an der Met mit der Contessa aus „Figaro“ zu beginnen. Diese Partie habe ich so verinnerlicht, dass ich sie heute überall singen kann. Sollte ich in ein paar Jahren einen Fachwechsel erwägen, würde ich wahrscheinlich lieber damit an einem erstklassigen Haus weniger gigantischen Ausmaßes debütieren.


Mit der Freia haben Sie sich bereits ins Wagnerfeld begeben. Werden Sie sich weiter ans Hochdramatische herantasten?


Das wahre hochdramatische Fach ist für mich in diesem Leben ausgeschlossen. Dazu ist meine Stimme nicht laut genug. Barenboim brachte es auf den Punkt: „Eine Isolde wirst du nie singen.“ Aber wenn man wachsam ist, finden einen die Dinge, die richtig sind. Ich habe schon Lust, eines Tages auch Strauss zu singen, eine Arabella oder eine Marschallin. Bei Wagner könnte es mal eine Elsa sein. Ich würde mir manchmal wünschen, noch mehr an das italienische Repertoire herangeführt zu werden. Am liebsten wäre es mir, ein Dirigent und ein Regisseur würden eine bestimmte Rolle aus bestimmten Gründen genau mit mir besetzen wollen. Angenommen, Christof Loy und Ivor Bolton würden sagen: „Annette, mit uns machst du ,Traviata'“ (nur mal als irrwitziges Beispiel) . . . das wäre einfach toll.


Sie wuchsen auf in einer großen Familie mit vielen Geschwistern. Können Sänger sich eine Familie leisten? Wie ist Ihr persönlicher Lebensentwurf?


Kein Entwurf, nur Leben. Ich habe irgendwann realisiert, dass ich nie ein Leben führen werde wie meine Eltern, die einfach da waren für uns, an ein und demselben Ort. Das kann ich nicht bieten, sollte ich diesen Beruf weiter ausüben. Aber ich möchte auch gern Kinder haben, irgendwann. Wie das gehen kann, erfordert Umdenken. Aber da sind wir Sänger nicht die einzigen. Auch in anderen Berufen ist es schwer, Arbeit und Familie zu vereinbaren.

Interview Kirsten Liese



Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

 
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