08. August 2008 Das berühmteste Opernfestival der Welt steht vor einer entscheidenden Wende. Public viewing, Internet-Übertragungen und die allgegenwärtige Medienpräsenz Katharina Wagners suggerieren den Beginn einer neuen Ära. Und doch liegt eine seltsame Stille über dem Grünen Hügel - all den Diskussionen über die Zukunft Bayreuths, wie sie auch in dieser Zeitung geführt wurden, zum Trotz (siehe: FAZ.NET-Spezial: Bayreuther Visionen).
Wenn die Bayreuther Festspiele am 28. August mit der letzten Parsifal-Vorstellung zu Ende gehen, senkt sich auch der Vorhang für den Festspielleiter Wolfgang Wagner, den Alleinherrscher seit 1967. Obwohl die Nachfolgeregelung eine Ernennung des neuen Festspielleiters durch den scheidenden nicht vorsieht, hatten sich maßgebliche Mitglieder des zuständigen Stiftungsrats, unterstützt von Vertretern der öffentlichen Hand, mit ihm darauf verständigt, seinem Wunsch Folge zu leisten. In einem Spiel wechselseitiger Zugeständnisse war Wolfgang Wagner eine Nachfolgelösung in Aussicht gestellt worden, an der seine Tochter Katharina beteiligt sein würde. Der Schwerkraft regelwidrig geschaffener Fakten ist es nun zu verdanken, dass man scheinbar unausweichlich auf jene Doppelspitze mit Katharina und Eva Wagner-Pasquier zusteuert, zu der die Minister Thomas Goppel (München) und Bernd Neumann (Berlin) die beiden Halbschwestern zuvor überhaupt erst animiert und aufgefordert hatten.
Zwei Konzepte
Am 31. August läuft die viermonatige Frist, innerhalb deren sich die Kandidaten mit ihren Konzepten um die Leitung bewerben können, ab. Einen Tag danach soll die Entscheidung in einer Stiftungsratsitzung gefällt werden. Die Satzung sieht vor, dass die Abkömmlinge Richard Wagners mit der Mehrheit ihrer Stimmen einen Vorschlag machen können, der vorrangig zu behandeln ist. Dieser offizielle Familienvorschlag, bei dem jedem Stamm der vier Wagner-Enkel - Wolfgang, Wieland, Verena und Friedelind - eine Stimme zukommt, ist noch nicht eingegangen. Doch der Familienrat tagt und wird sich womöglich noch - wenn schon kaum einhellig, so doch womöglich mehrheitlich - auf eine Lösung einigen.
Bislang liegen dem Stiftungsrat zwei Konzepte vor, deren Wortlaut wir seit vergangenem Donnerstag erstmals dokumentieren. Das Konzept von Eva Wagner-Pasquier und Nike Wagner ( Eva Wagner-Pasquier und Nike Wagner: Konzept für die künftige Leitung der Bayreuther Festspiele) ging dem Stiftungsrat Ende März zu, nachdem sich die Cousinen bereits am 18. Dezember schriftlich um die Nachfolge beworben hatten. Das zweite, von Eva Wagner-Pasquier mit Katharina Wagner unterzeichnete Papier (), wurde am 20. April abgeschlossen. Beide Konzepte treffen sich in dem Vorsatz, die Festspiele auf behutsame Weise reformieren zu wollen, mit der subtilen Differenz, dass im jüngeren Konzept jene Vorreiterrolle in der internationalen Wagnerinterpretation, von der das ältere Konzept verlangt, sie müsse wieder erlangt werden, als gegeben unterstellt wird.
Höchste Authentizität
Wagner in Bayreuth, schreiben Eva und Katharina, das bedeutet höchste Authentizität. Von der in der Stiftungssatzung festgeschriebenen Bestimmung, Zweck der Festspiele sei es, festliche Aufführungen der Werke Richard Wagners zu organisieren, weichen beide Konzepte nicht ab. Auch das Eva-Nike-Papier, von dem Eva Wagner-Pasquier sich inzwischen distanziert, betont, das Festspielkonzept Wagners stelle ein musikgeschichtliches Unikat dar, an dessen Zielsetzungen nicht zu rütteln ist. Plädiert wird hier dafür, auch Die Feen, Das Liebesverbot und Rienzi gezielt aufzuführen, was nicht heißt, dass sie, wie alle anderen Werke, fünf Jahre lang beibehalten werden müssen. Katharina und Eva halten dagegen allenfalls die immer wieder angedachten Aufführungen des ,Rienzi' für überlegenswert, alles andere nicht für zweckmäßig.
Während sich die Erneuerungsvorschläge Katharinas und Evas auf neue Vermittlungsformen und Öffentlichkeitsarbeit konzentrieren, darunter eine aus Spenden- und Sponsorengeldern zu finanzierende Festspielakademie Bayreuth, legt das Nike-Konzept den Finger darüber hinaus auch auf den überfälligen künstlerischen Reformbedarf des Festivals: In der Kunst ist es niemals mit Besitz- und Sachwaltung getan, Kunst hat immer mit Phantasie, Neuschöpfung und Zukunft zu tun. Routine einerseits und Boulevardisierung und Kommerz andererseits sind ein Verrat an der Festspielidee Richard Wagners.
Anfänger und Hasardeure
Der vielzitierte Werkstatt-Begriff, so fordert das Nike-Papier, solle einer genaueren Prüfung unterzogen werden: Bayreuth ist keine Ausbildungsstätte für halbe Anfänger oder Hasardeure, die den Werkstatt-Begriff dazu benutzen, um ihre unfertigen Leistungen damit zu rechtfertigen. Der Werkstatt-Gedanke sei deswegen keineswegs aufzugeben, sondern an anderer, deklarierter Stelle zu realisieren. Vorgeschlagen wird eine Off-Season am Pfingstwochenende, die junge Künstler dazu aufriefe, die Wagnersche Idee des Gesamtkunstwerks und des Bayreuther Raumklangs mit ihren Mitteln weiterzudenken. So käme man nicht nur der Aufgabe nach, sich in schöpferischer Form um die Zukunft des Gesamtkunstwerk zu kümmern, sondern schaffe zugleich einen Anlaufplatz für junges Publikum.
Die Stiftungssatzung räumt ausdrücklich auch die Möglichkeit einer Bewerbung familienexterner Kandidaten ein. Dass sich die Liste der Bewerber über die bereits involvierten Familienmitglieder hinaus noch erweitern wird, steht dennoch nicht zu erwarten. Aus dem Kreis jener international renommierten Intendanten, die befähigt wären, es mit den spezifischen Herausforderungen Bayreuths aufzunehmen, hat sich niemand gemeldet. Der eine oder andere Großintendant wäre wohl bereit, die Leitung des Festivals als Geschenk anzunehmen, so er sie denn auf dem Silbertablett serviert bekäme - kämpfen würde er dafür nicht.
Sich mit der namhaften Position zu schmücken ist ein persönliches Ziel, das so manch ein erfolgreicher Intendant zu erwägen bereit wäre - sich für die Sache, die einst immerhin jene Richard Wagners war, ernsthaft und mit künstlerischem Einsatz zu engagieren, dazu lässt man sich heutzutage als Berühmtheit des Opernbetriebs nicht mehr herab. So weit ist es mit dem Primat der Namen und der Pöstchen vor der Sache gekommen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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