Kölner Opernmisere

Letzte Ausfahrt Lissabon

Von Andreas Rossmann, Köln

Wer führt demnächst die Kölner Oper?

Wer führt demnächst die Kölner Oper?

29. Oktober 2007 Köln sucht einen Opernintendanten. Schon wieder, das letzte Mal war erst vor fünf Jahren. Daran wird die Stadt nicht gern erinnert, denn sie hat sich kulturpolitisch blamiert. Barbara Mundel wurde damals nominiert, dann monatelang hingehalten und schließlich, ein Anruf des Oberbürgermeisters genügte, „für nicht mehr erwünscht“ befunden. An ihrer Abservierung beteiligt war, so berichtete sie, der designierte Generalmusikdirektor Markus Stenz, der seinen männerbündischen Einfluss auf das Stadtoberhaupt nutzte, ihm die Dame auszureden, um statt ihrer Operndirektor Christoph Dammann in die Chefposition zu befördern.

Das Bubenstück erwies sich als Bärendienst. Der Neuling war überfordert, die Zuschauerzahlen sanken, die Premierenpleiten häuften sich, und der Kulturdezernent hielt ihm „eine nicht erkennbare dramaturgische Linie“ vor. So ließ sich Dammann bei nächstbester Gelegenheit nach Lissabon abwerben, wo er im nächsten Sommer die portugiesische Staatsoper São Carlos übernimmt. Seine Kündigung wurde im März mit Erleichterung, aber auch Nervosität aufgenommen, musste nun doch innerhalb kürzester Zeit ein Nachfolger gefunden werden, der, so ein Kriterium damals, selbst Regie führt.

Ränkespiele statt Personalpolitik

Diesmal wollte die Stadt alles richtig machen. Kulturdezernent Georg Quander, der mit der neuen Schauspielintendantin Karin Beier eine glückliche Hand bewiesen hat, sollte es richten. Genug Erfahrung brachte er mit, hatte er doch zehn Jahre neben Daniel Barenboim die Berliner Staatsoper geleitet. Aber dann bestand die SPD, namentlich ihr kulturpolitischer Sprecher Hans-Georg Bögner, auf einer Findungskommission. Die anderen Parteien stimmten zu, und was eine schnelle Entscheidung verlangte, wurde zur verklüngelten Prozedur. Denn erst die Forderung nach auswärtigen Beratern eröffnete die Möglichkeit, dass Quander selbst als Kandidat ins Spiel kam - eine Option, die der Kulturdezernent nicht grundsätzlich ausschließen möchte. Ebendas mag, zweite Ironie, im Interesse Bögners sein, der, schon als es 2005 überraschend auf Quander zulief, für das Kulturdezernat im Rennen war, damals aber vom örtlichen Zeitungsverleger ausgebremst worden sein soll. Ränkespiele statt Personalpolitik.

Wenn es schon nicht möglich ist, einen hochkarätigen Intendanten zu finden, sollte wenigstens die Kommission prominent besetzt sein: Die Alt-Intendanten Jürgen Flimm, Sir Peter Jonas und Klaus Zehelein schienen eine erfolgreiche Kür zu garantieren. Zweimal hat sich das Triumvirat, sekundiert von GMD Stenz und Geschäftsführer Peter Raddatz, getroffen und sich offenbar nicht einigen können.

Kümmerliche Zweierliste

Am Ende legte es eine kümmerliche Zweierliste vor. Auf Platz eins, so hieß es, steht Thomas Wördehoff, Chefdramaturg der (von Flimm geführten) Ruhrtriennale, auf Platz zwei Paul Esterhazy, von 2000 bis 2005 Generalintendant des Theaters Aachen. Wördehoff, der noch kein Theater geleitet hat und auch nicht als Regisseur aufgefallen ist, hat bei der Ruhrtriennale vor allem das Programm „Century of Songs“ verantwortet; Esterhazy, promovierter Jurist, hat in Aachen einen gegenwartsnahen Spielplan gewagt und, als die Stadt die Mittel kürzte, auf eine Vertragsverlängerung verzichtet.

Dennoch gilt Wördehoff als Favorit, hat er doch Flimm als Fürsprecher, der seiner Heimatstadt nicht zum ersten Mal einen nicht sonderlich geeigneten Kandidaten empfiehlt. Esterhazy wird dagegen von Bögner wie auch vom „Stadt-Anzeiger“ nachgesagt, mit seinem avancierten Programm das Publikum in Aachen verschreckt zu haben. Was in der konservativen Kaiserstadt angeeckt haben soll, reicht aus, um in Köln, das sich gern als Zentrum der neuen Musik ausgibt, als riskant zu gelten. Inzwischen macht Stenz gegen Esterhazy, den er selbst mit auf die Zweierliste gesetzt hatte, sein Veto geltend. Naheliegend, dass er sich von Wördehoff Kontakte zu den von Flimm geleiteten Salzburger Festspielen verspricht, wo er im Sommer debütiert hat.

Besser qualifizierte Kandidaten

Die Findungskommission hat es auch versäumt, (mindestens) zwei besser qualifizierte Kandidaten zu berücksichtigen: Andreas Homoki, Intendant der Komischen Oper Berlin, und Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hans-Otto-Theaters Potsdam. Beide kennen das Haus, das ab 2010 von Grund auf saniert werden muss, beide sind erfahrene Intendanten und Regisseure. Homoki, den Peter Jonas favorisiert haben soll, hat inzwischen in Berlin verlängert, Laufenberg nicht einmal eine Antwort erhalten.

Am Freitag haben die Kulturpolitiker der im Rat vertretenen Parteien mit beiden Bewerbern gesprochen, doch sei der Entscheidungsprozess, so heißt es, „noch nicht abgeschlossen“. Das weitere Verfahren sieht vor, dass der Oberbürgermeister einen Namen vorschlägt, über den der Rat entscheidet; möglich ist auch eine neuerliche Suche. Selbst wenn die Zeit davonläuft, sollte der Kulturdezernent damit beauftragt werden: Besser Köln blamiert sich mit seiner Intendantensuche als mit seiner Oper.

Text: F.A.Z., 29.10.2007, Nr. 251 / Seite 36
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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