Kinski als Heiland

Schnauze halten zum Evangelium

Von Uwe Ebbinghaus

21. Oktober 2006 Diese Veranstaltung mußte ja schiefgehen. Nicht nur wegen Kinskis aufbrausenden Charakters, wegen Jesus und des Cognacs hinter der Bühne, sondern auch wegen der politisch verunsicherten Zeit und der Berliner Schnauze, vor allem aber, weil all diese Faktoren unter einer denkbar schlechten Konstellation aufeinandertrafen. Die Rede ist von Klaus Kinskis Bühnenprogramm „Jesus Christus Erlöser“ und seinem spektakulären Auftritt als später Prophet des Neuen Testaments, am 20. November 1971 in der Berliner Deutschlandhalle, der jetzt erstmals komplett auf CD nachzuhören ist.

Ausgerechnet zu Kinskis dieser Tage gefeiertem achtzigsten Geburtstag hat man also das zweifelhafte Vergnügen, Schritt für Schritt - und Kinski machte viele davon an diesem Abend - zu verfolgen, wie ein groß entworfener Rezitations-Heilsplan grandios und zwingend danebengeht. Das ist oft peinlich mit anzuhören, aber spannend, weil in dieser Aufnahme mitzuerleben ist, unter welchen Bedingungen künstlerische Ambition scheitert. Außerdem lernt man einiges über die grotesk überpolitisierten frühen siebziger Jahre.

Prügel und brennende Kerzenleuchter

1971 lagen Kinskis letzte Bühnenauftritte mit vorwiegend klassischen Monologen bereits einige Jahre zurück. Schon damals war er für seine Ausbrüche berüchtigt. In Marburg zum Beispiel hatte er 1962 mitten in einem Franz-Moor-Monolog Spötter mit einem brennenden Kerzenleuchter beworfen, in Heidelberg einen witzelnden Besucher verprügeln lassen. 32 Sprechplatten hatte er zwischen 1959 und 1962 aufgenommen, und der „Spiegel“ widmete ihm eine Titelgeschichte, kurz bevor seine oft spätexpressionistischen Rezitationen urplötzlich aus der Zeit fielen und immer häufiger für Gelächter sorgten. Kinski widmete sich darauf verstärkt seiner Filmkarriere und brachte es in Rom zum gefragten Bösewichtdarsteller, zum Liebling der Boulevardpresse.

1971 kehrte er nach Deutschland zurück, um mit einer eigenen Fassung des Neuen Testaments eine Welttournee zu starten. Hundert Auftritte waren geplant. Fotos der Zeit zeigen Kinski mit schulterlangen Haaren, die die Stirn unvorteilhaft freigeben, angetan mit grellen Hippie-Klamotten. Offensichtlich hatten einige der studentischen Zuschauer nur darauf gewartet, dem leicht aufbrausenden vermeintlichen Filmmillionär diese offensichtliche Anbiederung an die Zeitläufte unter die Nase zu reiben. Sie lauerten in Berlin nur auf ein geeignetes Stichwort, das Kinski nicht lange schuldig blieb.

Gesucht wird Jesus Christus

Am 20. November ist die Berliner Deutschlandhalle mit rund dreitausend Besuchern ausverkauft. Gerade ist eine Art sphärischer Jahrmarktsmusik verklungen, da hört man aus dem Publikum schon die ersten spöttischen, pseudoerleuchteten Jesus- und Hallelujarufe, die den Mißklang des Abends vorgeben. Kinski betritt stampfend die Bühne und hebt mit prophetisch dröhnender Stimme an: „Gesucht wird Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörungen gegen die Staatsgewalt. Besondere Kennzeichen: Narben an Händen und Füßen . . .“ Kinski klingt wesentlich moderner als in den früheren, an der Vortragsweise Alexander Moissis orientierten Rezitationsaufnahmen. Damals war er noch in historisch nachempfundenen Kostümen aufgetreten und betrieb - von den Villon- und Brecht-Rezitationen abgesehen - manierierteste Bühnennostalgie. Das ebenfalls gerade neu erschienene Hörbuch „Kinski spricht deutsche Dichtung“ zeigt ihn gerade bei den klassischen Autoren als virtuose Artikulationsmaschine mit mechanisch rollendem „R“.

Doch so zeitgemäß der Klang im Erlöser-Programm, so modisch-kurzwertig ist der Text: Er schwimmt auf der Jesus-Welle der siebziger Jahre, bedient sich ungelenk beim dokumentarischen Theater, streut Reizwörter wie Vietnam, Kommune, Revolutionär ein, und an den schlimmsten Stellen hört sich das Ganze wie ein gutgemeinter Georg-Büchner-Abend für Schüler an. Und so geht es auch weiter im Text: „Angeblicher Beruf: Arbeiter“, darauf ein erster Zwischenruf: „Du hast doch noch nie gearbeitet!“ Kinski ignoriert die dreisten Störgeräusche, doch die Zwischenrufe werden lauter. Kinski sagt ein paar sehr unschöne Worte, das Publikum pfeift und fordert eine Diskussion, die er zurückweist.

Opfer eines Zuhörer-Happenings

Ein normaler Ablauf des Programms ist nicht mehr möglich. Stur versucht Kinski, in den Text zurückzufinden, doch er vereinsamt auf der Bühne und kokettiert zur Kompensation zunehmend mit dem Prediger-Gestus. Autoritär besteht er auf der Vernahme des Evangeliums und verwechselt sich dabei zusehends mit Jesus im Tempel. Hatte er gerade noch schwärmerisch beschrieben, wie das „Gesindel“ sich um Jesus schart, beschimpft er die Zwischenrufer im nächsten Moment als „Scheißgesindel“. Widersprüchlicher geht es kaum - und das in einer Zeit, die auf das Aufspüren von Widersprüchen geradezu spezialisiert ist. Der Erfinder des deutschen Bühnen-Happenings zeigt an fragwürdiger Stelle Herzblut und wird zum Opfer eines Zuhörer-Happenings von unten.

Auch den bibeltreuen Zuschauern haben Kinskis Ausraster inzwischen die Zunge gelöst. Den Finger auf die Wunde legt ein von Kinski wütend auf die Bühne befohlener Zwischenrufer: „Wir haben die interessante Botschaft gehört, die Herr Kinski hier vorgetragen hat. Leider hat er es aber unterlassen, sich durch seine Taten damit zu identifizieren. Es heißt aber: An ihren Werken sollt ihr sie erkennen. Christus war duldsam, und wenn ihm einer widersprochen hat, hat er versucht, ihn zu überzeugen, und hat nicht gesagt: Halt die Schnauze.“ Getroffen steigert sich Kinski vor Wut vollends in die Rolle des Tempelsäuberers: „Nein, er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen, das hat er gemacht, du dumme Sau. Und das kann dir auch passieren.“

Ein Hauch von Wahrhaftigkeit

Daß Kinski schließlich wutschnaubend abgeht, ist nur konsequent. Ganz offensichtlich hatte ihn die performative Rolle des Predigers gereizt, der handelt, wenn er spricht, wodurch das Gesprochene zum Ereignis wird. Doch um den Worten Nachdruck zu verleihen, braucht selbst der Bühnenprediger, wenn er nicht die Selbstparodie riskieren will, einen Hauch von Wahrhaftigkeit.

Als Kinski zum zweiten Mal die Bühne der Deutschlandhalle betritt und etwas atemlos und auch instinktlos sein Programm von vorn beginnt, ist der Brustton der Überzeugung dahin. Kaum findet Kinski wieder in den Text hinein, haben Teile des Publikum sich bereits als Phalanx formiert. Es werden Rufe laut wie: „Schwätzer, Schwätzer!“ oder: „Wir wollen diskutieren, er soll endlich Stellung nehmen!“, und ein Zuschauer fragt sich lauthals: „Ich möchte wissen, wieviel Kohle der nach Vietnam geschickt hat, um die Vietcong zu unterstützen.“ Als Kinski auf die Bühne drängende Zuschauer vom Ordnungspersonal zurückstoßen läßt, erklingt erstmals der Chorreim: „Kinski ist - ein Faschist.“

Jeder ist dem anderen ein Faschist

Welch eine verrückte, heute kaum mehr nachvollziehbare Stimmung. Jeder fühlt sich hier offenbar von jedem angesprochen, jeder ist dem anderen ein Faschist. Die Widersprüchlichkeiten schaukeln sich ungehemmt hoch, und das beiderseits gespielte demokratische Pathos macht eine künstlerische Ausdrucksform allein klanglich unmöglich. Auch wenn Kinskis Text verunglückt ist, so entblößt sich in der Deutschlandhalle des Jahres 1971 gleichermaßen eine tendenziell kunstferne Zeit, die vom Interpreten plane Authentizität und vom Autor dienstfertige Stellungnahme verlangt.

Kinskis zweiter Anlauf scheitert nach dreißig Minuten; der Veranstalter betritt die Bühne und kündigt eine Diskussion an. Der dritte Versuch endet ebenfalls nach dreißig Minuten; der Veranstalter spricht erste Hausverbote aus. Als Kinski zum vierten Mal auf die Bühne kommt und von vorne beginnt, klicken die Fotoapparate wie verrückt, und stünde da nicht ein leidenschaftlicher Provokateur auf der Bühne, könnte man beinahe Mitleid mit ihm haben. Erst im siebten Anlauf gelingt der vollständige Vortrag, aber nur noch hölzern und seelenlos. Die Tournee wird zum Fiasko, der Veranstalter steigt aus, und am 27. November datiert Kinskis letzter Bühnenauftritt überhaupt, als Jesus-Interpret in der Düsseldorfer Philipshalle.

Die Zunge klebt am Gaumen

Im Grunde gehörte nicht viel Einfühlungsvermögen dazu, dieses Fiasko vorauszuahnen - und so liegt der Verdacht nahe, daß Kinski mit seinem Programm unbewußt scheitern wollte. Daß er in der Deutschlandhalle um seine Kunst gekämpft habe, wie man oft lesen kann, ist jedenfalls wenig plausibel. Spätestens nach seinem ersten fluchenden Abgang von der Bühne war Kinski so stark alkoholisiert, daß sein Vortrag hörbar darunter litt. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, er verschluckte Silben, und es unterliefen ihm längere Wiederholungen.

Dennoch war der fehlgeschlagene Berliner Auftritt eine Weichenstellung in Kinskis Karriere. Denn von Rezitationen, politischen Koketterien und Pseudo-Altruismen ließ er künftig die Finger. Er stilisiert sich von nun an konsequent zum nur noch ans Primäre denkenden Vorzeige-Hedonisten und zum risikofreudigen, authentischen Zornesmenschen - mit Erfolg. Seine Filmkarriere beginnt erst richtig 1972 mit Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“. Seine Happenings verlegt er in Talkshows und ist trotz einfachster sprachlicher Mittel in der Rolle des Bürgerschrecks so wirksam, daß er heute, über fünfzehn Jahre nach seinem Tod, allein als Faktotum einer verdorbenen Welt fehlt. Nach einem der vielen Kinski-Fernsehinterviews der achtziger Jahre hatte wirklich jeder Zuschauer eine Vorstellung davon, was man unter der Freiheit des Künstlers zu verstehen hat, auch wenn bei Klaus Kinski, wie bei seinem Berliner Auftritt von 1971, nicht immer ganz deutlich wurde, worin ihr Nutzen besteht.

Klaus Kinski: „Jesus Christus Erlöser“. Gesprochen von Klaus Kinski. Random House Audio, Köln 2006. 2 CDs, 140 Min., 19,95 Euro.

„Kinski spricht deutsche Dichtung“. Schiller, Goethe, Hauptmann, Nietzsche, Brecht. Deutsche Grammophon Literatur, Berlin 2006. 4 CDs, 300 Min., 29,90 Euro.



Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite 36
Bildmaterial: AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Binder, Cinetext/LB, Cinetext/Sammlung Beyl, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, Werner Herzog Film/Cinetext

 
Der Vortragende legt sich mit dem Publikum an Eine Verständigung ist unmöglich Exzentriker mit Erdbeermund Faktotum einer verdorbenen Welt Mit Romy Schneider in “Nachtblende“ (1974) “Buddy Buddy“ (1981) In “Nosferatu in Venedig“ (1986) Mit Maximilian Schell in “Kinder, Mütter und ein General“ (1954) “Das Gasthaus an der Themse“ (1962) Mal hinter der Kamera (1969) Porträt, undatiert und ungekämmt Mitte der Sechziger mit Ehefrau Ruth und Tochter Nastassja in Rom “Nachtblende“ (1974) “Nosferatu - Phantom der Nacht“ (1978) “Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ Sieben Anläufe mußte er nehmen Erlösung bringt der Abend niemandem Vor der Pressekonferenz zu seinem Berliner Auftritt “Der rote Rausch“ (1962) “Neues vom Hexer“ (1965) Mit Liselotte Pulver in “Hanussen“ “Aguirre - Der Zorn Gottes“ (1972) 1966 bei Dreharbeiten zu “Für ein paar Dollars mehr“ In “Circus of Fear“ (1965/66) “Die toten Augen von London“ (1960) Im Krankenhaus, nachdem er sich bei Dreharbeiten zu einem Western bei einem R... Als KZ-Häftling in “Morituri“ (1949) Undatiertes Porträt als Snob “Fitzcarraldo“ (1982)