Von Eleonore Büning
27. September 2007 Und jetzt wächst da noch dieser kleine Wurmfortsatz nach in dem der Nation öffentlich in dieser Zeitung dargelegten Bayreuth-Bewerbungsschreiben. Das Kandidatenduo - die derzeit forscheste Urenkelin Richard Wagners, Katharina Wagner, und der derzeit beste deutsche Wagnerdirigent, Christian Thielemann - legt Wert auf die Feststellung, es würde sich nicht sperren gegen eine dritte Person im Leitungsteam, sollte der Stiftungsrat, der Anfang November zusammentritt, darauf bestehen. Wer ist dieser unsichtbare Dritte? Ein Mann? Eine Frau? Nur ein verbales Muskelspiel, ein rhetorischer Schachzug? Oder ganz konkret eine bestimmte Person, vielleicht sogar am Ende ein weiterer Wagnerspross?
Aus dem Kreis des Stiftungsrates, der sich schon 2001 klar für die erfahrene Opernmanagerin Eva Wagner-Pasquier - dreiunddreißig Jahre älter als ihre Halbschwester - als neue Festspielleiterin ausgesprochen hatte, sind Gerüchte ausgestreut worden, dieses Votum könne sich tatsächlich erneuern, käme es übermorgen zur Abstimmung. Der Freistaat Bayern (fünf Stimmen von vierundzwanzig) soll sich mit dem Bund (fünf Stimmen) bereits vorab auf Eva geeinigt haben. Plus wenigstens zwei der vier Wagnerstämme (Wieland- und Friedelind-Stamm), macht in Summa zwölf, mithin bildet ein solides Patt die Ausgangslage. So sicher, wie der Patriarch Wolfgang Wagner die eigene Stimme für die Wunschmaid und ihren Musikritter reserviert hat, so ungewiss ist zur Stunde, ob er auch die Stimmen des Verena-Stamms, der Stadt Bayreuth, der Gesellschaft der Freunde und des Bezirks Oberfranken darauf einschwören kann.
Die utopische Lösung
Das Team Katharina/Thielemann weiß, wie dünn das Eis ist. Es ruft darum jetzt schon laut nach dem dritten Mann, der auf keinen Fall Eva heißen darf: eine Kraft fürs Grobe, ohne Befugnisse bei Spielplan und Besetzung. Kann sein, sie haben einen jungen, frischen, smarten Aspiranten im Ärmel. Dabei gibt es längst einen solchen Geschäftsführer, wie er an jedem Opernhaus wirkt, auch auf dem Hügel. Er wurde vom Stiftungsrat durchgewinkt als Berater Wolfgang Wagners, um im Falle, dass dieser ausfällt, ausdrücklich als Geschäftsführender Festspielleiter zu agieren. Klaus Schultz, vormals Gärtnerplatz-Intendant, vormals Intendant in Aachen und Mannheim, ist mittlerweile auch schon sechzig, aber knetbar und für keine Innovation, geschweige denn Überraschung gut.
Die allerschönste, weil utopische Lösung wäre freilich die: ein Dreimäderlhaus zu schaffen, mit Eva, Katharina und Nike auf einem Intendantenthron. Eva brächte ihr Knowhow und ihr dickes Adressbuch mit, Katharina die gute Beziehung zu Bild, Beckmann und Bunte. Und Nike Wagner die klugen Gedanken, diese kreativen, wolkenkuckucksheimerischen Ideen für eine Erneuerung Bayreuths. Kunst lebt schließlich nicht vom Mehrheitsfähig-Machbaren, sondern vom verrückten Einfall, den niemand für realisierbar hält.
Text: F.A.Z., 27.09.2007, Nr. 225 / Seite 40
Bildmaterial: Kay Herschelmann
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