Wiener Mozartjahr

Bäumchen, wechsle dich, denn dich liebt ein Prinz

Von Julia Spinola, Wien

16. November 2006 Just in dem Moment, da sich das überzuckerte Mozartjahr seinem Ende zuneigt, da man sich in den veritablen und den selbsternannten Mozartstädten durch alle nur erdenklichen Wunderkind- und Götterlieblingsherrlichkeiten fressen konnte und einem nur mehr übrigbleibt, aus diesem Schlaraffenland halb betäubt wieder herauszukugeln, eröffnet Peter Sellars in Wien sein „New Crowned Hope Festival“. Sellars' aufrührerische Inszenierungen von „Nozze di Figaro“, „Cosí fan tutte“ und „Don Giovanni“ in den achtziger Jahren wirkten als konsequent „werktreue“, präzise aus der Partitur heraus begründete Aktualisierungen bahnbrechend, und auch später spielte Mozart für Sellars eine wichtige Rolle.

In seinem dichten, spartenübergreifenden und als Beitrag zum Wiener Mozartjahr konzipierten Festivalprogramm wird jedoch nicht ein einziger Ton Mozart erklingen. Statt dessen sollen neue Projekte die Gedanken Mozarts weiterspinnen. „Wo Mozart aufhörte, beginnen wir“, lautet das ambitionierte Motto. Der Name der Freimaurerloge „Zur neugekrönten Hoffnung“, der Mozart in seinem letzten Lebensjahr angehörte, ist Programm: Sellars sieht Mozart als zuinnerst politischen Künstler. Er möchte im Geiste der großen Mozart-Opern vom „Idomeneo“ bis zum „Titus“ an den kosmopolitisch denkenden Aufklärer anknüpfen.

Wichtiger Bestandteil seines durchaus als Weltverbesserungsbeitrag motivierten Konzepts ist es daher auch, Künstler aus unterprivilegierten Schichten und Ländern zu verpflichten - dieses freilich nicht allein aus humanitärem Engagement, sondern auch aus der Überzeugung heraus, daß die ästhetische Erfahrung dieser Künstler noch nicht durch die Werbestrategien des Kulturbetriebs korrumpiert und abgestumpft sei. Kunst soll also wieder etwas bewirken, ihre Botschaft allgemein verstanden werden - eine wunderbare Idee, die freilich auch ihre problematischen Seiten hat, die als naive Spinnerei abzutun, jedoch hybride und verstiegen wäre.

Wie weiland in der Zauberflöte

Wer anders als der amerikanische Komponist John Adams wäre besser geeignet für ein solches menschheitsversöhnendes, politische, kulturelle und ästhetische Gegensätze in einem Atemzug überwindendes Kunstprojekt? Für Adams ist die Überbrückung der sogenannten E- und U-Sphäre jenseits eines schwammigen Begriffs von „Cross-over“ seit je Programm. An der tonalen Harmonik hat er kaum gerüttelt, die Formenwelt seiner Werke wirkt übersichtlich und traditionell. Doch hat er die „minimalistische“ Arbeit mit ständig wiederholten Mustern und rhythmischen Zellen so erweitert, daß er zu ihrem Gegenpol, zu großbogig gespannten, symphonischen Entwicklungen gelangte, deren klangliches Leben sich uhrmacherhaft präzisen Schichtungen verdankt.

Man täusche sich nicht über die vermeintliche „Einfachheit“ seiner Musik: Was süffig, mitreißend und mitunter auch plakativ klingen kann wie ein spannender Soundtrack, offenbart sich beim genaueren Hören doch als äußerst differenziertes, facettenreiches und hyperkomplexes Gewebe. Wie die Werke des anderen großen Minimalisten Steve Reich verdanken sich auch Adams' Kompositionen fast immer einer tagespolitischen Anregung: von seiner ersten Oper „Nixon in China“ (1987) über „The Death of Klinghoffer“ (1991), das Oratorium „El Niño“ (2000) bis hin zu den Schreckensvisionen atomarer Kernspaltung in „Doctor Atomic“ (2005); auf den 11. September hat er mit einer Kantate, „The Transmigration of Souls“, reagiert. Mit Sellars verbindet ihn seit 1985 engste Zusammenarbeit.

Die neue Oper „A Flowering Tree“ erzählt die alte südindische Volkssage von dem Mädchen Kumudha, das sich regelmäßig in einen blühenden Baum verwandelt, um ihre Mutter durch den Erlös verkaufter Blüten zu unterstützen. Ein müßiger Prinz beobachtet sie dabei, heiratet sie wegen ihrer besonderen Gabe, vermag sie jedoch nicht vor der Mißgunst seiner Schwester zu schützen, die sie gemeinsam mit ihren Freundinnen während ihres Verwandlungsrituals so traktiert, daß Kumudha als zwittrige Mißgestalt, halb Mensch, halb Baum, zurückbleibt. Der Prinz verkommt aus Gram zum Bettler. Doch am Ende finden sich beide dann wieder, geläutert und gestärkt durch überstandene „Prüfungen“. Adams und Sellars, die zusammen das Libretto nach Texten von Attipat Krishnaswami Ramanujan verfaßten, wollten an die Aufklärungsrituale in der „Zauberflöte“ anknüpfen, an der schon Goethe bewunderte, „daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung“ habe, während „dem Eingeweihten zugleich der höhere Sinn“ nicht entgehe.

Ein schattenlos ausgepinseltes Bild des Glücks

Doch verführerisch bunt und hoffnungsfroh, so anrührend und unterhaltsam sich diese Parabel vom Erwachsenwerden im Stile einer Art wiedererstehender Flower-power-Bewegung auch gestaltet, bleibt doch ein Unbehagen. Prächtig nehmen sich die multi-ethnischen Kostüme von Gabriel Berry auf der von George Tsypin phantasievoll ausgestalteten kleinen Bühne im Museumsquartier aus. Eric Owens, Jessica Rivera und Russel Thomas singen und agieren in Sellars' beinahe brechtscher Regie engagiert und direkt. Tänzerisch werden sie hinreißend gedoubelt von Rusini Sidi, Eko Supriyanto und Astri Kusama Wardani in klassischer indonesischer Choreographie. Schließlich wird auch nicht alle Tage so enthusiastisch musiziert, wie es der Joven Camerata de Venezuela sowie dem fabelhaften Chor der Schola Cantorum de Venezuela unter Adams' eigener Leitung gelang.

Grundlegende Zweifel daran, ob Musik heute als ein gleichsam schattenlos ausgepinseltes Bild des Glücks, als klingendes Fanal der Hoffnung und der Zuversicht voller Celesta-, Blockflöten- und Harfenidyllen funktionieren kann, ließen sich dennoch nicht zerstreuen. Unbenommen bleibt jedoch, daß Adams in seiner Partitur virtuos zwischen heterogensten Einflüssen, zwischen Gospelton und Salsarhythmen, ekstatisch flirrenden Klangflächen und fetzigen minimalistischen Zuckungen, nah am Kitsch lavierenden Kantilenen und aggressiven Repetitionsmustern zu vermitteln weiß.



Text: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

 
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