29. August 2005 Der erste Konzertmeister, Guy Braunstein, schifft sich solo ein nach Kythera. Unterm Kiel das Pizzikato der Philharmonikerkollegen tanzt sein Boot etwas Ländlerisches auf den Wellen. Gerät in einen Drehleier-Strudel, tiefe Posaunen säumen den Weg. Ansonsten bleibt die Musik heiter, läuft fast nur auf Spitze, denn es handelt sich bei diesem vierten Satz aus der Bühnenmusik zu Moliere/Hofmannsthals Le Bourgeois Gentilhomme um etwas genuin fürs Ballett Komponiertes.
Richard Strauss übernahm ihn, als es galt, die nach vollendeter Ariadne übriggebliebene Rahmenhandlung restezuverwerten, einfach aus jenem unvollendet gebliebenen Kythere-Ballett, das er nach einem Paris-Besuch anno 1900 direkt unter dem frischen Eindruck von Watteaus Gemälde entworfen hatte. In seiner Bourgeois-Suite achtzehn Jahre später soll das Violinsolo allerdings keine Büsche, Sylphen, Utopien mehr nachmalen, vielmehr den ironischen Auftritt der Schneidermeister, welche Monsieur Jourdain jene neuen Kleider anpassen, die einen Kretin eine Gesellschaftsklasse höher befördern. Man sieht mal wieder an diesem Fall: Musik ist beliebig dehnbar. Sie kann Frieden oder Krieg darstellen, wie es den Herrschaften beliebt, kann erbaulich sein oder grausam, alles aus einem Atemzug. Zwischen ätzender Parodie und staatstragendem Pathos ist oftmals nur ein hauchdünner Trennungsstrich.
Mit einem goldenen Nichts
Warum die Berliner Philharmoniker ihre vierte Saison unter Chefdirigent Simon Rattle ausgerechnet mit einem goldenen Nichts eröffnet haben, diesem klein besetzten, camouflagehaften Kammerorchesterjuwel? Vielleicht, weil sich so am schönsten die neuen Kleider vorführen lassen. Auf dem frisch mit Parkett ausgelegten Podium sitzen die Besten der Besten aus jeder Stimmgruppe - ein Star jeder einzelne - und demonstrieren höchste Musizierfreude, innigstes Einvernehmen, unbändigen Spaß am Miteinander. Und Rattle, primus inter pares, kann mit ihnen nunmehr machen, was er will. Manchmal steht er still und hört zufrieden nur noch zu. Es ist dies nämlich ein Fest: Die Berliner Philharmoniker feiern sich selbst.
Dazu paßt, daß sie nach der barock-historisierenden Strauss-Rarität (worin auch Originalrosinen von Molieres Hofschranzenkollege Lully mitverbacken worden sind) einem ihrer Kollegen, dem komponierenden Bratscher Brett Dean, zur Freude dessen Flageolett-Schrammelstück Testament aufführen (worin bröckchenweise Originalzitate aus Beethovens erstem Rasumowsky-Quartett schwimmen). Und es paßt auch, wie sie zum Schluß einmal frech als ein funkelnder Schwarm Kolibris quer über die Eroica-Symphonie fliegen. Dies ist freilich nicht Beethovens Eroica, sondern allenfalls eine Karikatur davon, in einer einzigartig eigensinnig musizierten Philharmoniker-Luxusedition.
Sehr her, was wir können
Das Pathetische wird herausgestellt in einer Trauermarsch-Doppelfuge, die affirmativ breitbeinig im Legato gestrichen wird - wärmer, weicher ist der Klang der Streichertruppe, selbst wo sie ganz ohne Vibrato spielt, wohl kaum zu denken. Der Jean-Paulsche Witz flitzt in Form überpointierender Akzentgebungen vorbei, die Holzbläser werfen einander spitzfindig elegant die Bälle zu. Und theatralisch knallen die Sforzandi heraus, duckt sich das Descrescendo weg und verkümmert ein Mezzopiano urplötzlich zum Pianissimo. Eine feiertägliche Ausstellungs-Eroica, ja, eine Visitenkarte: Seht her, was wir alles können, wenn wir wollen!
Berlins Philharmoniker, die mit diesem Programm tags drauf nach Salzburg und Luzern aufbrechen, können und wollen alles unter Rattle. Dies zu wissen ist eine wunderbare Option auf die Zukunft. Das Konzert in der Berliner Philharmonie, deklariert als Saisoneröffnung, fand statt vor etlichen hundert geladenen Gästen aus der besseren Berliner Society und gereichte nebenbei auch dem Hauptsponsor, der Deutschen Bank, zu Glanz und Ehre. Die Philharmoniker sind ohne Frage der strahlendste Leuchtturm der Stadt. Es gibt nun aktuellen Grund, an dieser Stelle noch einmal an die im Dunkeln zu erinnern.
Gestrichen an der Basis
In der vergangenen Saison wurde das kleinste der Berliner Orchester, die Berliner Symphoniker, bekannt für kontinuierliche Schularbeit und ihre beliebten Familienkonzerte, vom Berliner Senat mit der Begründung abgeschafft, es gebe kein Geld mehr. 3,2 Millionen Euro sparte der Kultursenator mit dieser Maßnahme ein. Nun wird am heutigen Montag der neue Haushaltsentwurf diskutiert, darin sind 1,7 Millionen Euro mehr vorgesehen für die Stiftung Berliner Philharmoniker, wie Grünen-Abgeordnete Alice Ströver empört ausplaudert. Eine Umverteilung, die nach sozialer Gerechtigkeit schreit: Gefördert wird wieder die repräsentative Elite, gestrichen wurde wieder an der kulturellen Basis.
Nicht etwa, daß die Philharmoniker selbst teurer geworden wären. Der im Fünfjahresturnus zur Verlängerung anstehende Zuwendungsvertrag weist denselben Betrag für die Stiftung aus wie bisher, versichert Cellist und Orchestervorstand Jan Diesselhorst. Doch müssen ausfallende Lottogelder kompensiert werden, und dies geschieht offenbar zu Lasten des sonstigen Kulturetats. In diesem Kontext bekommen nun auch die Fensterreden der neu gekürten Philharmoniker-Intendantin Pamela Rosenberg einen neuen, wunderbaren Zukunftsgeschmack: Die Philharmonie müsse, forderte Rosenberg dieser Tage vor der Presse, endlich ein pulsierendes Haus werden: offen für alle Berliner, für alle Ethnien, für alle sozialen Schichten der Stadt. Man darf gespannt sein, wie sie das bewerkstelligen will.
Text: F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 31
Bildmaterial: dpa/dpaweb