Von Ingo Metzmacher
20. Juli 2008 Immer wenn ich in den Ferien bin, kommen mir diese Gedanken über einen besonderen Ort, an dem Musik anders klingt, anders aufgeführt und anders wahrgenommen wird. Ihn möchte ich gerne finden. Es sollte ein Ort der Stille sein. Fernab von den Zentren der geschäftigen Welt. An dem wir das Hören neu erfahren können. An dem sich Menschen treffen, denen es genau darum geht. Ob sie nun spielen, singen oder lauschen.
Die Umgebung stelle ich mir freundlich vor, die Landschaft einnehmend, das Wetter milde und das Essen bekömmlich. Alt und jung wären gleichermaßen willkommen. Ein Fest für alle ohne Unterschied an Rang und Namen.
Klänge strömen von allen Seiten ein
Der Raum selbst erschlösse sich erst durch die Musik. Klänge würden von allen Seiten auf den Zuhörer einströmen. Er säße quasi im Zentrum des Erklingenden und wüsste manchmal gar nicht, woher es tönt. Dergestalt eingebettet wäre er automatisch viel stärker eingebunden in das klingende Geschehen, als wenn er es vor sich sähe. Vielleicht kommen wir eher hinter das Geheimnis des Zuhörens, wenn wir uns hörend orientieren müssen. Wenn wir die Quelle des Klangs nur mit Hilfe des Ohres erahnen können.
Natürlich müsste auch das Theater mit im Spiel sein. Musik als geformte Bewegung in der Zeit verbindet sich gern und leicht mit jeder Art von Bewegung auf einer Bühne. Es sind zwei Partner, die sich anziehen, denen es aber wichtig ist, auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Ich habe immer wieder die erstaunliche Erfahrung gemacht, eine Musik, die ich zu kennen glaubte, unter Einwirkung konkret sinnvoller Bilder neu zu hören. Das ist eine große Chance. Sie zu ergreifen muss im Interesse einer solchen Verbindung liegen.
Einanderzuhören und Miteinanderspielen
Außerdem würde mich das Verhältnis von Sprache und Musik interessieren. Inwieweit ist ein Wort bereits Klang, bevor es vertont wird? Und vielleicht noch wichtiger: Wie verändert sich der Sinn eines Wortes in dem Moment, da es gesungen wird? Bekommt Musik eine Bedeutung, die sie sonst nicht hat, in dem Augenblick, in dem sie mit einem Text zusammentrifft? Höchst spannende Fragen, denen sich große Komponisten, zumal die der Oper, immer wieder gestellt haben.
Vor allem aber geht es um das Einanderzuhören, das Aufeinanderreagieren, das Miteinanderspielen. Ich muss dabei immer daran denken, wie ein berühmter Lehrer seine Streichquartette dadurch schulte, dass er die einzelnen Mitglieder mit dem Rücken zueinander in die vier Ecken eines Raums setzte. So waren sie ganz auf ihr Ohr zurückgeworfen, um mitein ander zu kommunizieren. Ich wäre sehr daran interessiert, solche und ähnliche Experimente zu wiederholen und auszubauen, um herauszufinden und zu begreifen, wie unendlich fein und genau unser Hörorgan funktioniert. In diesem Zusammenhang müsste auch dringend die Kunst der Improvisation neu eingeübt werden, die uns leider verlorenging.
Das Experimentelle, das Erforschen, das Suchen würde im Vordergrund stehen. Die Lust, herauszutreten aus dem Üblichen. Dazu wäre jedes Mittel recht. Die feinsten Mikrofone, die besten Sampler , die ausgetüfteltsten Computerprogramme. Schließlich leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert.
Ein solcher Ort wäre ein Traum. An dem könnte ich mich jeden Sommer aufhalten. Mit Freude und Gewinn.
Ingo Metzmacher ist Autor des Buchs: Keine Angst vor neuen Tönen, im Sommer 2009 soll sein neues Buch über die Oper erscheinen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP