„Othello“ in Wien

Heiliger Jago, bitte für uns!

Von Gerhard Stadelmaier, Wien

Jago im Schlabberlook: Philip Seymour Hoffman (Mitte) mit Cassio (LeRoy McClain)

Jago im Schlabberlook: Philip Seymour Hoffman (Mitte) mit Cassio (LeRoy McClain)

16. Juni 2009 Das Bühnenbild führt nicht gerade in die Irre. Denn es besteht aus einem großen Bett. Darauf lieben sich, er in Unterhose, aus der hinten der Sende-Akku seines Mikroports herausragt, sie im Negligé, das sogar ihren Akku verbirgt, züchtig schmusend Othello, der Generalissimus-Mohr und Türkenbezwinger in venezianischen Diensten, und Desdemona, die weiße Senatorentochter, die der Schwarze eroberte. Und ein Bett hat ja noch keiner Liebe geschadet. Beide sehen freilich nicht nach Venedig aus.

Othello, gespielt vom sanft-jungenhaften John Ortiz, wirkt wie der wuschelig-sympathische Streberabsolvent einer amerikanischen Navy-Eliten-Schmiede, sie, hingegossen von der rotblondblassen Jessica Chastain, wie eine etwas anämische Edelorchideen-Erscheinung, frisch importiert aus einem britischen Oberschichten-Internat (Teetassen-Seelchen mit abgespreiztem kleinen Finger). Wie sie da aber so kuscheln und kosen, scheint ihrer Liebe mindestens so viel hart umgrenzte Pflicht wie grenzüberschreitende Lust zu eigen zu sein. Denn sie liegen sehr unbequem. Ihr Bett, das mitten auf der sonst leeren Bühne im Wiener Theater „Akzent“ steht, besteht aus fünfundvierzig Monitoren. Über diese flackern hie und da Bilder von geometrischen Zeichen, Blumen, Mustern, Bauwerken, Landschaften, Blut und anderen Säften. Als schliefen und liebten sich Othello und seine Desdemona hier sozusagen auf den zersplitterten Bildern einer ganzen Welt – könnte man denken. Man kann es aber auch bleiben lassen.

Lust am Teufelsspiel

Das Bühnenbild führt nicht gerade in die Irre: Ein Bett - darin Othello (John Ortiz, re.) und Desdemona (Jessica Chastain)

Das Bühnenbild führt nicht gerade in die Irre: Ein Bett - darin Othello (John Ortiz, re.) und Desdemona (Jessica Chastain)

Denn wer sich hier liebend wälzt, steht zwar im schick-verschmockten medientheoriekritischen Dienst, lenkt aber viereinhalb Stunden lang vom eigentlichen Zentrum der Aufführung ab. Dieses Zentrum ist unsichtbar. Es müsste, wäre es sichtbar, die Form eines großen Kreuzes haben. Und an dies Kreuz wäre ein Heiliger genagelt. Sein Name: Jago. In Shakespeares Tragödie ist Jago ein Teufel. Eindeutig. Othellos Fähnrich, der es nicht auf die Leutnantsstelle geschafft hat, die Cassio einnehmen darf, macht den Cassio ohrenbläserlich dem Othello als heimlichen Liebhaber von Desdemona verdächtig, so lange, bis dieser vor Eifersucht rast und seine Frau erwürgt. Jago gelingt das auch mit Hilfe eines berühmten Taschentuches, des ersten Liebespfands, das einst Othello der Desdemona gab und das Jagos Frau Emilia ihrer Herrin stehlen muss, damit Jago es dem Cassio unterjubeln kann, der damit arglos vor Othellos blutunterlaufenen Augen herumfuchtelt, was dessen eifersuchtzerfressenes Herz vollends zerreißt. Jago mag Motive haben: Minderwertigkeitsgefühle; Hass auf Cassio; verschmähte Liebe, denn auch er warf ein Auge auf Desdemona; Ehebruchsverdacht, denn er glaubt, Othello habe „den Dienst auch in meinem Bett verrichtet“; Lust am Teufelsspiel. Aber Jago ist schuld. Der tut was. Der hört nicht nur Beichte.

Hier, bei den Wiener Festwochen, fungiert er eindeutig als Beichtvater. Peter Sellars, der amerikanische Regisseur – der ein großer avantgardistischer Verleger ist, der alte Opern wie „Don Giovanni“ schon in Coffee-Shops und antike Stücke wie „Die Perser“ in den Golf-Krieg (hin zu Saddam Hussein) verlegt hat und jetzt mit der „LAByrinth Theater Company“ und dem „Public Theater“ aus New York den „Othello“ in eine Art US-Navy-Kommandozentrale verlegt, in der ein Doge von Venedig so ausschaut wie Barrack Obama und die meiste Kommunikation per Handy erfolgt –, nimmt dem Jago alle Schuld. Vielmehr lässt er ihn die Schuld der anderen auf sich nehmen, wie gesagt, am Kreuz.

Der heilig entflammte gute Hirt

Der Hollywood-Schauspieler Philip Seymour Hoffman spielt den Jago im blassgrauen Schlabberpulli als einen hoch erregten, vor dem Schmerz, den Sünden, der Unzulänglichkeit der Welt stets in Tränen ausbrechenden Pantoffelerlöser. Bärtig, strubbelig, unendlich gütig und unendlich melancholisch gibt er den Narren in Christo, den es zufällig unter lauter moderne amerikanische Uniformträger verschlagen hat. Diese haben Gelüste, Triebe, „verdorbene Launen“, die ihn abgrundtief traurig machen. Jago ist hier durch und durch der gute Amerikaner: puritanisch bis in die Knochen, aber mit brennender Sorge für die Sünder. Und Sellars kritisiert ihn nicht, lässt sich von Hoffmans Fanatismus regelrecht mitreißen, gibt ihm freie, tränenfeuchte Hand.

„Ich mag das alles gar nicht“, ist Jagos zentraler Satz. Er ist nicht der Intrigengiftträufler und Ohrenbläser, der Eifersuchtsanheizer und Kuppler. Er ist hier der heilig entflammte gute Hirt, der Prüfer der schwarzen Schafe, denen er Aufgaben stellt, denen sie naturgemäß nicht gewachsen sind: Also, lieber Othello, deine Frau betrügt dich – glaubst du das? Und Othello, der in Gestalt des Sanftspielers John Ortiz eigentlich keinem Taschentuch etwas zu Leide tun könnte, fällt sofort durch die Prüfung, steigert sich in Hass und Eifersucht hinein wie eine Sünde, für die nun Jago wahrlich nichts kann. Er hat sein Beichtkind nur den Katechismus (sechstes Gebot) abgefragt. Über den Wahnsinn des Leutnants Rodrigo, eine reine Frau wie Desdemona durch Geldgeschenke zu erobern, weint dieser Jago ebenso bittere Prüfertränen wie über das Leid der (durch ihn!, bei Shakespeare) verdächtigten, schuldlosen Desdemona, die er zärtlich in den Arm nimmt. Das ist ein theologisch logischer Ansatz: Nicht der Beichtvater sündigt, der Beichtiger bekennt Sünden. Nur dass Shakespeares Tragödie kein Beichtstuhl ist.

Darf das ein Beichtvater?

Aber wenn schon, müsste dem Ansatz radikal und energisch nachgesetzt werden. Doch Sellars und Hoffman verlassen schnell Mut und Phantasie. Es stimmt dann gar nichts mehr. Bei Shakespeare wird Cassio degradiert, weil er im Rausch, den Jago ihm aufdrängte, den Gouverneur Montano von Zypern verletzte. Hier ist Montano eine Frau, mit der Cassio sofort heftig knutscht, dann aber im Rausch vergewaltigend über sie herfällt. Wenn das heute im Weltpolizei-Amerika unter Obama spielen soll, dann wäre sexuelle Belästigung ein sofortiger Rauswurfgrund aus der Navy, Cassio erledigt, Jago am Leutnantsziel. Und da die Schauspielerin der Frau Montano in gleicher Gouverneursuniform auch noch die Hure Bianca spielt, kommen die sexuellen Political-Correctness-Verhältnisse etwas arg durcheinander. Es ist dies alles wohl naiver, als die Weltpolizei erlaubt.

Lässt Jago die Schuld der anderen auf sich nehmen: Regisseur Peter Sellars (unten)

Lässt Jago die Schuld der anderen auf sich nehmen: Regisseur Peter Sellars (unten)

Und wenn Jago schon so heult über die Blödheit des Rodrigo und den eifersuchtskranken Othello beichtvaterhaft im Arm hält – wieso animiert er den Rodrigo zum Mord an Cassio, den Othello zum Würgetod an Desdemona? Tut das ein Heiliger? Darf das ein Beichtvater? Das riecht doch stark nach dem Verlegenheitskitsch einer Heiligenlegende, die zur Soap-Opera verkommt, wobei Othello sich auch noch mit der stämmigen schwarzen Ehefrau seines Fähnrichs gurrend und knutschend auf dem Monitorenbett vergnügt. Am Ende wird ganz solide ringsum gestorben. Desdemona ist erwürgt, steht aber auf und küsst noch einmal den Othello. Dieser schießt sich mit der Pistole ins schwarze Herz. Und die kreuzbraven Holperschauspieler aus New York erledigen den Plot final frontal zum Publikum, wie er im amerikanischen Stadttheaterbuche steht: voller rhetorischer Gläubigkeit. Der heilige Jago aber hängt irgendwie geknickt ohne Kreuz an der Wand links und weiß nicht, wie ihm geschieht. Schließlich hat er es nur gut gemeint. Aber gut gemeint ist das Gegenteil von Shakespeare.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters

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