Zum Tod von Heinz-Klaus Metzger

Er war ein Schriftgelehrter im Grandhotel Abgrund

Von Gerhard R. Koch

Heinz-Klaus Metzger 1932 - 2009

Heinz-Klaus Metzger 1932 - 2009

27. Oktober 2009 Die ästhetische Theorie war bei Adorno der kritische Spiegel jeglicher Praxis. Hegels These von der „Eule der Minerva“, die ihren Flug erst in der Dämmerung beginne, ist aus der Kunst der Moderne nicht wegzudenken. Der Flügelschlag einer sich selbst bewusst werdenden Kunst wirkte weiter in der Arbeit eines Theoretikers, den man getrost eine epochale Figur nennen kann: Heinz-Klaus Metzger. Ein halbes Jahrhundert lang hat Metzger als eine Instanz das Denken über Musik beeinflusst; mit seinen oft radikalen Positionen wirkte er als Pfahl im Fleische eines allzu selbstgenügsamen Betriebs, indem er feste Weltbilder verunsicherte. Mittlere Standpunkte waren seine Sache nicht.

Bestimmend für Metzgers Anschauungen waren Einflüsse, die auf den ersten Blick nicht auf einen Nenner zu bringen sind: die Schönberg-Schule und John Cage. Bei Max Deutsch hat er Komposition studiert, von Rudolf Kolisch empfing er traditionskritische Vorstellungen von „richtiger“ Interpretation. Gegenüber den Positionen Adornos bestand eine eklatante, aber keineswegs unkritische Nähe. Der Titel von Metzgers Essay „Das Altern der Philosophie der Neuen Musik“ paraphrasierte provokant gleich zwei zentrale Texte Adornos. Zur entscheidenden Gegenfigur war John Cage geworden, dem Metzger schon 1958 mit „John Cage oder Die freigelassene Musik“ ein emphatisches geschichtsphilosophisch-musikästhetisches Entree bereitet hatte. In diesem Text beschwor er das endgültige Abdanken des geschlossenen Werks und entdeckte sinnstiftendes Potential stattdessen in einer Ästhetik der Zufalls-Anarchie.

Geschichtsphilosophischer Ultrapessimismus

Noch vor dem Erscheinen von Adornos „Negativer Dialektik“ proklamierte Metzger das Ideal einer „Musica negativa“, in der es weniger darauf ankomme, was geschaffen, als darauf, was „abgeschafft“ werde. Metzger wurde zum Propheten einer Unbestimmtheits-Ästhetik, die anarchistische Tendenzen des NeuenglandTranszendentalismus mit gesellschaftlichen Utopien parallel führte. Metzgers Fusion der Ideen einer linken Avantgarde europäischer Provenienz mit jenen einer amerikanischen Fundamentaldemokratie war eminent fruchtbar, auch wenn die transatlantischen Künstler mitunter staunten, mit welch metaphysischer Bedeutung ihre Arbeiten aufgeladen wurden.

Metzgers intellektueller Rigorismus führte zu manch harschem Verdikt: Pierre Boulez wurde zum sterilen Techno- und Machtbürokraten stilisiert, der „politische“ Luigi Nono gar als „serieller Pfitzner“ verunglimpft. Stets aber ging es ihm um die Dignität der Kunst als einer Instanz des Einspruchs gegen die Fatalität des Weltenlaufs. Gemeinsam mit Rainer Riehn gab Metzger von 1977 bis 2003 die Reihe der „Musik-Konzepte“ heraus: eine Zeitschrift, die mit Schwerpunkten zu Komponisten vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart Maßstäbe an Genauigkeit und Perspektivenvielfalt setzte. Sogar im Opernbetrieb haben sich Metzger und Riehn folgenreich engagiert. In Frankfurt initiierten sie die Uraufführung von Cages' „Europeras“ unter Gary Bertini.

Metzger vertrat eine geschichtsphilosophische Schwärzest-Sicht und war überzeugt vom unausweichlichen endgültigen Untergang der Menschheit. Doch in Formulierungen, die selbst Adornos Sprache grobschlächtig wirken ließen, wurde er zur Diva der Negativität, zur Callas des metaphysischen Desasters: ein musikdenkerischer Schriftgelehrter im Grandhotel Abgrund. Als man 2003 vernahm, dass die Redaktion der „Musik-Konzepte“ in andere Hände überging, war die Reaktion entsprechend ambivalent: Trauer über das Ende einer Epoche, Ausblick auf Neues. Nun ist Metzger siebenundsiebzigjährig in Berlin gestorben. Eduard Hanslicks schöne Definition, Musik sei „Schöpfung des Geistes aus geistfähigem Material“, lag auch Metzger nahe und gab seinem Denken Würde.

Text: F.A.Z.

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