Bayreuth

Wo sind die Visionäre?

Von Julia Spinola

02. Mai 2008 Wolfgang Wagner wird mit dem Ende der diesjährigen Festspielsaison nach zweiundvierzig Jahren der alleinigen Verantwortung von seinem Amt als Festivalleiter zurücktreten. Bei aller berechtigten Kritik, die man am starren Konservativismus seiner eigenen Regiearbeiten, an seiner fränkischen Dickschädeligkeit und Bauernschläue üben kann, sollte man doch auch die Bilanz seiner Ära nicht ganz aus dem Blick verlieren. An der Seite seines Bruders Wieland, dem geistigen Kopf „Neu-Bayreuths“, der nach den tiefen Verstrickungen in das NS-Regime die neuen ästhetischen Grundsätze entwarf, leitete Wolfgang 1951 die ersten Festspiele nach dem Krieg. Er war ein fähiger Manager und Organisator, und so begann er nach Wielands Tod 1966, die Geschicke auf dem Grünen Hügel alleine zu lenken.

Natürlich lernte auch Wolfgang Wagner das Inszenierungshandwerk von der Pike auf. Er war für insgesamt siebzehn Festspiel-Inszenierungen verantwortlich und entwarf auch seine Bühnenbilder stets selbst. Seine erste Inszenierung, ein „Lohengrin“, kam 1953 heraus. Vor allem seine letzten Regiearbeiten, der „Parsifal“ von 1975, die „Meistersinger“ von 1966, bestachen freilich nicht gerade durch besondere Suggestivität oder gar geistige Durchdringung der großväterlichen Werke. Doch so konservativ Wolfgang Wagner als eine sattelfester, wenn auch kaum genuin künstlerisch denkender Theatermacher agierte, so klug handelte er phasenweise als ein Festivalleiter, der durchaus Gespür besaß für Regisseurskollegen, die auf der Wagnerbühne kreativer waren, als er selber. Er band Götz Friedrich und Harry Kupfer ans Haus, ließ Alfred Kirchner, Werner Herzog, Patrice Chéreau und Heiner Müller inszenieren.

„In tiefer Sorge um die Festspiele“

Jetzt tritt er zurück, da er nach den Worten seines Anwalts fest darauf vertraut, dass die von ihm bevorzugte Lösung einer zukünftigen Leitung der Richard Wagner Festspiele durch seine beiden Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner „die tragfähigste“ sei und sich „daher durchsetzen werde“. Die politischen Strippenzieher möchten von der Intrige, mit der sie diese Entscheidung forciert haben, nun naturgemäß nichts mehr wissen. Eine Einmischung in das jetzt offiziell eröffnete Nachfolgeverfahren von Seiten der Politik dürfe es selbstverständlich nicht geben, betonten sowohl die Vertreterin des Bundes Ingeborg Berggreen-Merkel als auch der Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl in einer Pressekonferenz im Anschluss an die am vergangenen Dienstag abgehaltene Sitzung des für die Nachfolgefrage zuständigen Stiftungsrates.

Das bereits erfolgte aktive Eingreifen in den Findungsprozess seitens der Minister Goppel und Neumann, die mit ihrem Aufforderungsschreiben an die beiden Wagner-Halbschwestern völlig neue Tatsachen geschaffen hatten, möchte man nicht länger als solches verstehen. Sinn des Briefes sei es lediglich gewesen, eine „inhaltliche Diskussion“ anzuregen, um zu erfahren „was in Bayreuth alles möglich sei“, sagte Berggreen-Merkel. Nur der Vorsitzende der mäzenatischen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ wollte es sich nicht verkneifen, auf den eigenen tatkräftigen Beitrag an der lange ersehnten Lösung hinzuweisen. „In tiefer Sorge um die Festspiele“ habe er den Rücktritt Wolfgang Wagners nicht nur „erhofft“, sondern auch „daran gearbeitet“, sagte Karl Gerhard Schmidt. In diesem Sinne verstehe er seine Rolle als die eines „Steigbügelhalters“.

Wohin soll der Ritt gehen?

Wie auch immer die Kungeleien nun weitergehen mögen in den kommenden vier Monaten der laufenden Bewerbungsfrist, muss man jetzt doch eines ganz klar festhalten: Der Rücktritt von Wolfgang Wagner stellt einen epochalen Einschnitt dar in der Geschichte eines weltweit einzigartigen, hochrenommierten Festivals. Mit der Chance eines Neubeginns steht Bayreuth nun jedoch auch vor der Verpflichtung, sich die Festspielidee neu zu vergegenwärtigen und die Möglichkeiten ihrer heutigen Realisierung ernsthaft zu durchdenken. Mit Fragen der Sympathie für das eine oder das andere Mitglied der Familie Wagner ist es hier ebenso wenig getan, wie es ein Versäumnis darstellt, sich in dieser einzigartigen Situation vorschnell nur in die Belange pragmatischer Machbarkeit zu flüchten. Bevor man einen Steigbügel hält, wäre es jetzt dringend geboten, danach zu fragen, auf welches Pferd man aufsteigt, und wohin der Ritt gehen soll.

Gerade weil man in den letzten Jahren zu beklagen hatte, dass der Anspruch des Festivals mit der oft ernüchternden, bisweilen geradezu niederschmetternden künstlerischen Realität auf dem Festspielhügel nicht übereinstimmte, gerade weil Bayreuth permanent ein Versprechen zu geben scheint, das es kaum einlöst, sollte man die Frage nach der künftigen ästhetischen Orientierung ernst nehmen und die Chance, die sich jetzt bietet, nicht verspielen. Äußerungen, wie die des Theaterregisseurs Claus Peymann, der Bayreuth soeben in einem Interview als einen „Tummelplatz für Deppen“ bezeichnete, führen nicht weiter.

Die Besten für Bayreuth

Zuzustimmen ist Peymann allerdings in seiner Forderung, auf Wolfgang Wagners Platz gehöre „der beste Opernregisseur der Welt“. Womöglich tut es auch der beste Intendant, der beste Komponist oder der beste Dramaturg - immer vorausgesetzt es handelt sich um die selten zu findende Spezies eines künstlerisch klar denkenden Visionärs und einen geistigen Erbe Richard Wagners. Gelunges PR-Management und ein dickes Adressbuch mit Sängernamen reichen ebenso wenig aus, wie es die Erfindung von programmatischen Leitsprüchen und didaktischen Konzepten täte.

Das Versprechen, das Bayreuth gibt, ist kein Geringeres, als das, der herausgehobene Ort exemplarischer Musiktheateraufführungen zu sein. So hatte der alte Richard sich das vorgestellt, als er das Festspielhaus baute, um dort sein Gegenmodell zu dem in Konventionen erstickenden Hofopern- und Opernbetrieb der großen Städte zu realisieren. „Ach! Es graut mir vor allem Kostüm- und Schminke-Wesen“, klagte er noch während der Komposition am „Parsifal“. „Nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen habe, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!“

Die Taten der Musik

Sein Wunsch zielte auf eine vollkommene, genuin aus musikalischem Geist gezeugte, alle Sinne erfassende Bühnensuggestion. Denn die Idee des Gesamtkunstwerks plädiert ja nicht für den Primat einer Bühnenhandlung vor der Musik, wie es oft missverstanden wird. Wagner definierte vielmehr umgekehrt das Drama als die „ersichtlich gewordenen Taten der Musik“. Sein Musiktheater treibt die Autonomisierung des kompositorischen Ausdrucks auf die Spitze, indem sämtliche Ebenen - Sprache, szenischer und mimischer Ausdruck, Kostüme, Beleuchtung - einer fundierenden Musikalisierung unterworfen werden sollten. Für die Beleuchtung des Saales wünschte sich Wagner übrigens keine vollständige Finsternis, sondern ein Dämmerlicht, das einem traumnahen Auffassen aller Ereignisse entgegenkommen sollte.

Seine architektonischen Besonderheiten verdankt das logenfreie Festspielhaus mit dem verdeckten Graben nicht nur der Idee einer Demokratisierung der Kunst - jeder sollte von jedem Platz aus gleich gut sehen können -, sondern auch Wagners Wunsch danach, dass sich die erwünschte halluzinatorische Wirkung von Musik ungestört entfalten solle. Inszenierungen im Festspielhaus müssten sich diesen ästhetischen Forderungen der Werke wie des einzigartigen Hauses heute selbstverständlich völlig neu stellen - das heißt vor allem: ohne in jene weltanschaulichen Implikationen zurückzuverfallen, mit denen das Gesamtkunstwerk schon bei Wagner, als Mittel zur „Menschheitsrevolution“, amalgamiert war und die später, in seiner Zurichtung zum Transportmittel deutschnationaler und schließlich nationalsozialistischer Ideologien, die Rezeption vorübergehend dominierten.

Revolutionäres ästhetisches Programm

Will man den Bayreuther Anspruch maßgeblicher Musiktheateraufführungen noch ernst nehmen, dann muss man auch den ursprünglichen Impuls einer Abgrenzung gegen die Konventionen des Opernbetriebs neu durchdenken. Er richtet sich heute natürlich längst auch ebenso sehr gegen die Moden des Regietheaters, wie gegen die bloße Eventkultur, eine leere Didaktik oder jene neu erstehende, vitalistische Saft-und-Kraft-Ästhetik, die mit dem als veraltet erklärten Regietheater umstandslos auch alle mit ihm verbundenen Deutungsverpflichtungen und geistigen Ansprüche über Bord werfen möchte.

Die in den letzten Wochen häufig geäußerte Auffassung, wer die Festspiele leite, sei letztendlich nicht gar so wichtig, da man ja ohnehin nicht mehr als „festliche Aufführungen“, wie es in der Satzung heißt, immer der gleichen zehn Werke zu organisieren habe, läuft darauf hinaus, das nach wie vor revolutionäre ästhetische Programm Wagners zu einer bloßen Verwaltungsfrage zu erklären. Das kann es nicht sein, wenn Bayreuth mehr bleiben soll als eine Touristenattraktion.

Wer es wirklich ernst meint mit der Sorge um Bayreuth, der wird erkennen, dass die Schwierigkeiten, vor die man sich mit der Nachfolgefrage nun gestellt sieht, über die einer Schlichtung innerhalb der Familie Wagner weit hinausgehen. Das hatte schon Richard Wagner geahnt, als er resigniert feststellte: „Meine Bayreuther Schöpfung wird vergehen, und zwar mit meinem Tode; denn wer in meinem Sinne sie fortführen wollte, ist und bleibt mir unbekannt und unerkenntlich.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 

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