Glosse Feuilleton

Kunst der Stunde

Von Andreas Rossmann

05. Mai 2008 Die Europäische Kulturhauptstadt ist noch gut anderthalb Jahre entfernt, doch würde sich das Ruhrgebiet am liebsten bereits heute in Metropole Ruhr umbenennen. Mit Recklinghausen wird schon einmal der Anfang gemacht, zu „Recklingwood“ verballhornt es eine Werbekampagne von Evonik Industries, dem Hauptsponsor der Ruhrfestspiele.

„Wir bringen die Hollywoodstars ins Ruhrgebiet“, posaunt der jeden Restverdacht von Provinzialität hinwegfegende Hauptsatz der Anzeige, denn das Festival wurde am Samstag mit „Speed-the-Plow“ (Die Gunst der Stunde) von David Mamet eröffnet, einer Koproduktion mit The Old Vic Theatre Company London, in der sich Kevin Spacey, Jeff Goldblum und Laura Michelle Kelly die Ehre geben. Das nicht mehr taufrische Drama, eine flache Satire auf die Traumfabrik, in der sich ein frischgebackener Studioboss und ein aufstrebender Filmproduzent ein (nicht nur) verbales Hauen und Stechen darüber liefern, was der bessere Stoff für einen richtigen Blockbuster ist, mag das Thema „Amerika“, das sich die Ruhrfestspiele in diesem Jahr stellen, klischeegerecht bedienen, sehr viel aufschlussreicher aber ist seine programmatische Aussage. Gibt es bei aller virtuosen Rasanz der Inszenierung von Matthew Warchus doch weder ein Bekenntnis zum Theater noch zur Region ab, hat es mit der Lebenswirklichkeit des Publikums doch ebenso wenig zu tun wie mit dem Gründungsmythos des Festivals.

Dieser liegt, und eine eherne Inschrift im Foyer erinnert daran, im bitteren Nachkriegswinter 1946, als Recklinghäuser Bergleute mit Sonderschichten Kohle für die Hamburger Theater förderten und diese sich mit Gastspielen dafür bedankten: „Kunst für Kohle, Kohle für Kunst“. Dass Theater einmal ein Lebensmittel war und immer noch sein könnte, ist kein Gedanke, der die Ruhrfestspiele heute umtreiben oder auch nur streifen könnte, da sie ihr Haus auf dem grünen Gewerkschaftshügel lieber gleich in einen Gourmettempel verwandeln: „Chicoree Schiffchen mit Ziegenkäse und Knoblauchvinaigrette“, „Lachstartar mit Honig-Dill-Senfsauce und Dillfeder“, „Ananas-Sahnekraut mit Rostbratwürstel“ waren die Speisen, die Evonik zum Premierenempfang auffahren ließ. Sie passten zu einem ästhetischen Programm der entbehrlichen Genüsse: Die Ruhrfestspiele bieten Import-Kaviar fürs Volk.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

 
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