Ein gutes Jahr nachdem der britische Autor David Litchfield in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 18. Oktober 2007) Einzelheiten über die Massenerschießung von Juden auf dem Anwesen der Thyssen-Familie im österreichischen Rechnitz aufgedeckt hat, wird im November an den Münchner Kammerspielen ein Stück von Elfriede Jelinek über das Ende des Zweiten Weltkriegs begangene Verbrechen und dessen Verschleierung uraufgeführt. In "Rechnitz - der Würgeengel" setzt sich die österreichische Nobelpreisträgerin mit den nie geklärten Ereignissen jener Mordnacht kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee auseinander, in der jüdische Zwangsarbeiter zur Belustigung einer Abendgesellschaft auf dem von der SS requirierten Schloss ermordet worden sein sollen. Laut Zeugen war die Schlossbesitzerin Gräfin Batthyány, Schwester des Unternehmers Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, bei der Greueltat anwesend, konnte jedoch nicht belangt werden. Elfriede Jelinek war bereits vor zehn Jahren durch einen Dokumentarfilm auf den Vorfall aufmerksam gemacht worden. Der Beitrag Litchfields gab ihr nach Angaben ihres Verlages einen weiteren Anstoß.
Noch vor der Münchner Premiere des Stücks wird auf Anregung der Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative im nahe gelegenen Eisenstadt ein Symposion stattfinden, das Klarheit schaffen soll über die Vorgänge. "Rechnitz - die Verantwortung der Thyssens" steht unter der Ägide der Landesregierung des Burgenlandes. Das österreichische Innenministerium und die Israelitische Kultusgemeinde werden vertreten sein. Als Teilnehmer sind auch Walter Manoschek von Institut für Staats- und Politikwissenschaften an der Universität Wien geladen sowie Eduard Erne, der 1996 den Dokumentarfilm "Totschweigen" über das Massaker drehte, und David Litchfield. Die deutsche Ausgabe von Litchfields Buch "Die Thyssen Dynastie: Die Wahrheit hinter dem Mythos" erscheint im Oktober im Asso-Verlag. G.T.
Text: F.A.Z.
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