19. April 2005 Im Jahr 1972 gab der große kanadische Pianist Glenn Gould ein Interview. Sein Gesprächspartner war er selbst. Aus gutem Grund. Er wollte, wenn ihm schon das Wort im Munde herumgedreht wird, selbst derjenige sein, der das tut. Und das ging so - Frage von Glenn Gould: Mr. Gould, wann sind Ihnen zum erstenmal Ihre wachsenden Zweifel an Beethoven aufgegangen? Antwort von Glenn Gould: Ich glaube nicht, daß ich irgendwelche Zweifel an Beethoven habe.
Hätte die schöne Sängerin Anna Netrebko von diesem Schachzug Goulds Kenntnis gehabt und sich auch so verhalten, vielleicht wäre ihr der Ärger erspart geblieben, den sie jetzt beklagt. Zwei Biographien haben den Unmut der dreiunddreißig Jahre alten Diva ausgelöst, und jetzt schweigt sie. Bis auf weiteres.
Eigentlich eine Plaudertasche
Vor allem, was Gregor Dolak in seinem Buch "Anna Netrebko - Opernstar der neuen Generation" ausbreitet, will die russische Sopranistin, die vor drei Jahren vom Himmel fiel und seither die Opern-Aficionados von Salzburg bis Houston und vor allem im heimatlichen Sankt Petersburg um den Verstand bringt, nicht mehr wahrhaben. Ein auch nur oberflächlicher Blick in Dolaks Buch, das im übrigen wohl in der Schnelligkeit seines Erscheinens auf dem Buchmarkt mit dem Tempo der Gesangskarriere von Anna Netrebko mithalten wollte, genügt dabei freilich, um Zweifel zu hegen, ob dieses Buch ganz ohne das Einverständnis der Diva zustande kommen konnte.
Allein die Auswahl der Fotos verstärkt die Zweifel. Zudem sind viele Details einer Karriere im Zeichen von Marketing-Strategien und Medienrummel ohnehin durch die einschlägige Presse gegangen und von ihr nicht dementiert worden. Durchaus amüsante Interviews aus der jüngeren Vergangenheit weisen sie als eine sich unbekümmert über Mode und Männer, über Discos und deutsche Haufrauen auslassende Plaudertasche aus. Details dieser Art lassen sich nicht dementieren, schon gar nicht, wenn man genau jener Stilisierung als nonchalanter Popstar des Operngenres seinen Blitzerfolg zu verdanken hat.
Die neue Distanz zum Klatschgeschäft
Möglicherweise aber haben Anna Netrebko und ihr Manager Jeffrey Vanderveen, der wohl mitverantwortlich für das Image der Sängerin ist ("In meinen Träumen singe ich nackt"), mittlerweile den Zauberlehrling-Effekt des kolportierten Society-Klatsches erkannt: Die Pop-Strategie mag zwar hilfreich für einen "Shooting Star" sein, der vom einfachen Mädel aus Krasnodar über eine gelegentliche Putzfrauentätigkeit im Marinskij-Theater in Rekordzeit zur Primadonna in Salzburg emporkommen möchte. Für eine dauerhafte Präsenz in der dünnen Luft des klassischen musikalischen Repertoire aber sind solche Strategien eher abträglich.
Die Laufbahn einer Vanessa Mae dürfte da abschreckendes Beispiel genug sein. Ohnehin wird jeder Opernfreund bedauert haben, daß die mit einer außerordentlichen Stimme gesegnete Anna Netrebko sich bisher so vom Starrummel vereinnahmen ließ. Sie sollte den Satz eines anderen großen Pianisten, Friedrich Gulda, verinnerlichen und ganz auf ihre Kunst vertrauen. Denn "das Talent trifft ein Ziel, das die anderen nicht erreichen; das Genie eines, das sie nicht einmal sehen können".
Text: F.A.Z., 19.04.2005, Nr. 90 / Seite 40
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