Mozarts „Idomeneo“ in Graz

Neptuns Orakel dröhnt aus der Finsternis

Von Christian Wildhagen, Graz

03. Juli 2008 Das Stück muss ein Schock gewesen sein. Im Sturm und Drang seiner vierundzwanzig Jahre hatte Mozart ein wahres Monstrum aufs Papier gebannt, das in seinen stärksten Momenten die Gattung Oper neu zu erfinden scheint. Derart quer steht der „Idomeneo“ zu allen Traditionen der damaligen Opera seria, deren Regeln er gleichsam von innen heraus aufsprengt, dass ihm von jeher eine Sonderstellung sicher war: Mozart selbst hielt ihn, gerade darum, lange für sein bestes Bühnenwerk; die Nachwelt hingegen, verunsichert vom wenig mozärtlichem Furor und den so gar nicht klassischen Proportionen, meinte dem Ungetüm mit Bearbeitungen zu Leibe rücken zu müssen.

Nikolaus Harnoncourt hatte sich beim Styriarte-Festival in Graz zum Ziel gesetzt, das Stück von aller Patina und den Verunstaltungen durch zweihundert Jahre Theateralltag zu befreien. Zu diesem Zweck stellte er sich sogar den Regiestuhl neben das Dirigentenpult. Welcher Anteil dem Maestro allerdings bei seiner vollmundig angekündigten ersten Regiearbeit wirklich zukam, blieb am Ende – wohl bewusst – in der Schwebe: War doch mit seinem Sohn Philipp immerhin ein Ko-Regisseur aufgeboten, dem obendrein in dem Bühnenbildner Rolf Glittenberg ein Profi aus der langjährigen Zusammenarbeit mit Jürgen Flimm zur Seite stand. Das rein Szenische ist an diesem Abend aber ohnehin nicht das Entscheidende. Es sind vielmehr die musikdramatischen Dimensionen, in die Harnoncourts Aufführung vordringt, und aus dem Geist von Mozarts ebenso feuriger wie fesselnd interpretierter Musik erwächst wiederum der Szene in den besten Augenblicken eine außergewöhnliche Schlüssigkeit.

Mozart, ein theaterpraktisches Genie sondergleichen

Eine Weichenstellung bedeutet Harnoncourts Entscheidung, grundsätzlich der Aufführungspartitur der Münchener Premiere vom 29. Januar 1781 zu folgen, die erst 1980 im Archiv der Bayerischen Staatsoper wiederaufgetaucht ist. Sie dokumentiert zuverlässiger als das Autograph, was bei der Uraufführung gespielt wurde – und vor allem, was alles nicht. Die radikalen Kürzungen Mozarts erscheinen indes dramaturgisch bezwingend und zeugen von einem theaterpraktischen Genie sondergleichen. Im Fall von Elektras Abgangsarie „D’Oreste, d’Ajace“ ist die Streichung dennoch schmerzlich, zumal man der großartigen Eva Mei, in der Rolle der verliebten Rachefurie von der Regie ohnehin mit argen Klischees bedacht, den stattdessen verordneten Tosca-Sprung vom Podest gern erspart hätte.

Ebenso prägend für die stilistische Ausrichtung der Aufführung ist die konsequente Beibehaltung des Balletts, das bereits während der Ouvertüre und an allen drei Aktschlüssen in Aktion tritt. Die ausgezeichneten Solisten der Zürcher Compagnie, angeführt von Arman Grigoryan als herrischem Meeresgott Neptun, fügen sich in klassisch gehaltenen Choreographien von Heinz Spoerli vollendet in das Geschehen, und ihnen gelingt es sogar, die Spannung während des langen, heute nur noch schwer zu vermittelnden Schlussballetts aufrechtzuerhalten, das entsprechend oft entfällt. Umso frappierender, wie sehr die Einbeziehung des Tanzes den Charakter des Werkes im Ganzen verändert. Harnoncourt weist denn auch zu Recht darauf hin, dass der „Idomeneo“ – als Folge von Mozarts Paris-Aufenthalten – der französischen „Tragédie lyrique“ näher steht als der längst versteinerten Opera seria mit ihren streng typisierten Formen und Affekten. Ein Theater jedoch, das alle der Zeit zu Gebote stehenden Künste einbezieht, wird zum Festspiel, tendiert – lange vor Wagner – zum Gesamtkunstwerk. Dies macht „Idomeneo“ vollends zum Solitär unter Mozarts Opern, und dass sie das Bewusstsein für diese Besonderheit schärft, ist der nachhaltigste Ertrag der Grazer Produktion.

Das Außergewöhnliche von Mozarts Musik greifbar gemacht

Harnoncourt lässt freilich keine Zweifel, dass in diesem Festspiel die Musik stets die Hauptrolle behält. So eindringlich entwickelt er die dramatische Spannung aus dem farbigen Orchestersatz, dass die bisweilen recht schulbuchmäßige Personenregie nur noch wie eine Verdoppelung der Emotionen wirkt. Hier wird denn doch ein wenig zu viel mit den Händen gerungen, und etwas allzu beflissen schieben graue Bühnenarbeiter fahrbare Trennwände hin und her, ohne dass sich zwingende neue Raumlösungen ergäben.

Die Intensität des musikalischen Ausdrucks wiegt solchen szenischen Leerlauf jedoch spielend auf. Harnoncourt gibt mit seinem Wiener Concentus Musicus jedem Akt ein scharf umrissenes Klangbild: fast durchweg düster-dämonisch der erste, eher lyrisch-melancholisch der zweite, zauberflötenhell strahlend der Schluss des dritten Aufzugs. Als Anwalt der musikalischen „Klangrede“ steht bei ihm das sentenzhafte, oft bis zum Äußersten pointierte Detail im Vordergrund, weniger der große Bogen und erst recht nicht der bloße Schönklang. Für den sorgt mit vokalen Mitteln eine ausnahmslos überzeugende Solistenriege: Saimir Pirgu als kraftvoller Idomeneo, der sich in seinem „Fuor del mar“ aber auch um leise Töne bemüht; Marie-Claude Chappuis als innig-berührender Idamante und Julia Kleiter als weiblich-entschlossene Ilia, die in ihrer Arie „Se il padre perdei“ sogar die vier obligaten Bläsersolisten auf die Bühne zaubert, um den König mit der Macht der Töne für ihre Sache zu gewinnen.

Es sind nicht zuletzt solche Akzente, mit denen die Produktion das Außergewöhnliche von Mozarts Musik greifbar macht – ein Höhepunkt fraglos die in totaler Finsternis erdröhnenden Posaunenrufe des Neptun-Orakels, das Idomeneo und sein Volk endlich vom archaischen Opferzwang erlöst. Vor gut zweihundert Jahren muss dieser Coup de Théâtre die ersten Hörer bis ins Mark erschüttert haben. In Graz ist dieser Schock nun neu zu spüren.

Weitere Aufführungen:

Donnerstag, 3. Juli

Dienstag, 8. Juli
Donnerstag, 10. Juli
Samstag, 12. Juli

Dienstag, 15. Juli 2008

jeweils ab 19 Uhr in der Helmut-List-Halle, Graz



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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