Hilary Hahn

Teufelsgeigeraustreibung

Von Wolfgang Sandner

13. Januar 2005 Julia Fischer, Midori, Sarah Chang, Viviane Hagner, Hilary Hahn und noch eine ganze Phalanx anderer Geigerinnen auf dem Sprung in die erste Reihe der Konzertsolisten: Was ist passiert? Warum so viele Frauen? Und dazu noch welche, die so jung sind und doch schon so reif musizieren? (Nur Vanessa Mae sah immer schon so alt aus, wie sie spielte.)

Gibt es da womöglich einen Geigen-Zauberer, ähnlich den Dirigenten-Gurus Hans Swarowski und Jorma Panula, die in Wien und Helsinki urplötzlich eine ganze Generation außergewöhnlich kompetenter Orchesterleiter hervorgebracht haben? Ist vielleicht das prototypische Instrument des Virtuosenzeitalters wieder so en vogue, daß die höheren Töchter sich nicht mehr vorzugsweise die sogenannte Akustikgitarre umschnallen und ihre Poesiealben vertonen? Handelt es sich einfach nur um einen guten Jahrgang, eine plötzlich auftretende Laune der Natur mit einem unvermuteten Zuwachs an musikalischen Genies? Oder haben die Strategen des musikalischen Marktes in ihrer Verzweiflung über das schwindende Interesse an ihren Produkten verstärkt und durchaus erfolgreich auf weibliche Attraktivität gesetzt?

Sie alle waren Wunderkinder

Fast alles falsch, möchte man beim ersten Blick auf die so unterschiedlichen Laufbahnen dieser jungen Künstlerinnen vermuten. Ein Zentrum des Virtuosentums für Violine, wie es seinerzeit etwa das Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium in der straff auf Auslese erpichten Sowjetunion gewesen ist, gibt es nicht mehr. Sicherlich erfreut sich die Geige auch nicht mehr als früher einer gewissen Popularität, die dafür sorgt, daß selbst die Spitze über diesem Fundament breiter ausfällt. Erstaunlich früh erworbene musikalische Reife ist gerade bei herausragenden Geigern eher die Regel als die Ausnahme.

Yehudi Menuhin, Isaac Stern, Jascha Heifetz, Pinchas Zuckerman, Nathan Milstein, David Oistrach, Henryk Szeryng, im Grunde alle begannen ihre Karriere als Wunderkinder, wobei freilich gerade das Beispiel Menuhin zeigt, daß man auch als Genie beginnen und als Talent enden kann.

Ausgeprägtes künstlerisches Selbstbewußtsein

Im übrigen macht sich die Öffentlichkeit ohnehin falsche Vorstellungen über die Karrieren von Geigern und Wunderkindern. Wer mit zwanzig Jahren einen großen Wettbewerb gewinnt, hat meist schon siebzehn Jahre eisernes Training hinter sich. Und das begeistert akklamierte Debüt einer Dreizehnjährigen mit den New Yorker Philharmonikern macht vergessen, daß dieser Premiere meist annähernd ein Dezennium mit zahllosen öffentlichen und halböffentlichen Auftritten, Vorspielen sowie Examina vorausging, die nahezu zwangsläufig zur Bühnenfestigkeit führen mußten.

Wenn aber die Tonträgerhersteller und die Veranstalter mit dem weiblichen Reiz rechnen, dann halten junge Künstlerinnen wie Julia Fischer oder Hilary Hahn zwar damit nicht hinter dem Berg, aber jede Form der Vermarktung ihrer äußeren Erscheinung prallt an ihrem ausgeprägten künstlerischen Selbstbewußtsein ab. Wenn es überhaupt stimmt, daß die jungen Geigerinnen auf dem Vormarsch sind, dann liegt es eher allgemein an den gewachsenen Möglichkeiten für Frauen in unserer Gesellschaft, die etwa auch so viele Jazzmusikerinnen auf bisher eher mit männlichen Attributen in Verbindung gebrachte Instrumente wie Posaune, Saxophon, Trompete oder Kontrabaß verfallen ließ.

Mit 16 auf dem „Himalaja des Violinspiels“

Hilary Hahn, die sich jetzt wieder mit dem noch recht jungen Sinfonieorchester der Stadt Mailand unter dem japanischen Dirigenten Eiji Oue in der Alten Oper Frankfurt mit dem ersten Violinkonzert D-Dur op. 6 von Niccolò Paganini hören ließ, verkörpert genau diesen Typ der neuen weiblichen Geigergeneration, der sich auf natürliche Weise selbstbewußt gibt, ohne den Anschein zu erwecken, als tanze sie mit ihrer erfolgreichen Laufbahn aus der Reihe anderer erfolgreicher Musikerkarrieren in früheren Zeiten.

Vor neun Jahren war sie als Fünfzehnjährige am selben Ort mit dem Sibelius-Konzert zu hören; da hatte die am Curtis-Institute in Philadelphia ausgebildete Amerikanerin schon neun Jahre Podiumserfahrung, zahlreiche Preise und Debüts mit namhaften internationalen Orchestern hinter sich. Ein Jahr später nahm sie die Bachschen Solo-Sonaten und Partiten auf, den "Himalaja des Violinspiels", den ein Isaac Stern nicht ein einziges Mal in seinem langen Musikerleben erklommen hat.

Etwas erfrischend Bodenständiges

Wie sich eine so früh schon nahezu vollkommen musizierende Künstlerin weiterentwickeln kann, machte ihr Frankfurter Konzert auf eindrucksvolle Weise bewußt. Hilary Hahn muß ohrenfällig auf manuell-technische Dinge nicht mehr achten, was möglicherweise an ihrem täglichen Musikerbrot mit den Werken Bachs liegt. Die schwierigsten Passagen in Paganinis seinerzeit die Zuhörer in den Wahnsinn treibenden Werken, seine aberwitzige Springbogentechnik, die Langstreckenläufe mit Doppelgriffen und melodisch geführten Flageoletts sind bei ihr auf wunderbare Weise Teil der musikalischen Interpretation, nie Arabeske. So wirkt gerade der lange erste Satz des D-Dur-Konzerts, nicht zuletzt auch durch den unvergleichlichen Schmelz ihres obertonreichen, kantablen Spiels, als stamme er nicht von Paganini, sondern von einem von Mozart zum geigerischen Singen aufgeforderten Beethoven. Daß sie zum Einspielen in ihre solistischen Partien die Tutti-Stellen mit intoniert, hat etwas erfrischend Bodenständiges, nimmt dem herausgehobenen Solisten zusätzlich jegliche Aura des Teufelsgeigers und erhebt die ansonsten hier nur für die Interpunktion des musikalischen Satzes zuständigen Orchestermusiker zu gleichberechtigt konzertierenden Partnern.

Bis auf minimale Temposchwankungen in den schnelleren Passagen war das Orchester stets auf der Höhe des Geschehens. Strawinskys Ballettmusik zu "Feuervogel" hat man dagegen schon wesentlich inspirierter gehört als durch das Mailänder Orchester unter Eiji Oue, dessen Dirigierstil im übrigen Walter Legge einst wegen der permanenten Verdopplung der Armbewegung bissig als die "griechische Vasenmethode" des Dirigierens bezeichnet hat. Intensivierung des Ausdrucks wird damit zwar suggeriert. Erreicht aber wird sie nie.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2005, Nr. 10 / Seite 33
Bildmaterial: AP

 
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