Anne-Sophie Mutter

Üben ist sterbenslangweilig

Von Lotte Thaler

24. April 2008 „Schätzle, ich habe da was für dich in Auftrag gegeben“, sagte der Basler Dirigent und Mäzen Paul Sacher 1985 der damals zweiundzwanzig Jahre alten Anne-Sophie Mutter. Ein Jahr später wurde Witold Lutoslawskis Komposition „Chain 2“ für Violine und Orchester in Zürich aus der Taufe gehoben. Mit dreizehn Jahren hatte die aus Südbaden stammende Musikerin zum ersten Mal auf dem Konzertpodium gestanden, dann nahm sie Herbert von Karajan in seine Obhut und beförderte ihre Karriere maßgeblich mit Auftritten an prominenten Festspielorten und zahlreichen Plattenaufnahmen.

Die Begegnung mit Lutoslawski war der Beginn einer bis heute andauernden Liaison mit zeitgenössischer Musik, was in der Kategorie „Weltstar“ keineswegs selbstverständlich ist. Doch Anne-Sophie Mutter schwärmt über ihre Beschäftigung mit Neuer Musik: „Ich bin dadurch auch ein besserer Musiker geworden, klüger, genauer, aber auch freier.“ Sie liebt das Lernen und findet das Üben „sterbenslangweilig“. Nach Lutoslawski schrieben viele Komponisten Werke für Anne-Sophie Mutter, darunter Wolfgang Rihm, Henri Dutilleux und zuletzt Sofia Gubaidulina.

Geigen als Gesang

Rihms Violinkonzert „Gesungene Zeit“ ist ihr geradezu auf den Leib geschrieben, denn Geige und Gesang sind ihr nahezu identisch. Vor allem schätzt sie die hohe Lage ihres Instruments als Ahnung himmlischer Sphären. Deshalb dankt sie auch Sofia Gubaidulina ausdrücklich für das hohe „Fis“ am Schluss ihres Konzerts mit dem Titel „In tempus praesens“, das letztes Jahr in Luzern mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.

Anne-Sophie Mutter lebt in der Tat in „tempus praesens“, in der Gegenwart. Sie gestaltet sie nicht nur musikalisch mit, sondern zunehmend auch pädagogisch, musikpolitisch und sozial. In ihrem Engagement für Humanität folgt sie mittlerweile ihrem Kollegen Yehudi Menuhin nach. Sie gibt Benefizkonzerte, beteiligt sich an neuen Konzepten für Kindergärten, unterstützt drei Kinderheime in Rumänien und Weißrussland und hat Stiftungen zur Förderung des Streichernachwuchses auf der ganzen Welt gegründet: „Nur Musiker zu sein und noch schneller und sauberer zu spielen, ist völlig uninteressant“, bekannte sie jüngst in einem Gespräch. Für diese umfassende künstlerische Tätigkeit erhält AnneSophie Mutter heute in München den Ernst-von-Siemens-Musikpreis in Höhe von 200.000 Euro. Die Hälfte des Preisgeldes investiert sie in eine neue Stiftung. In der Chronik des Siemenspreises, der seit 1974 vergeben wird, stehen vor ihr die Geiger Gidon Kremer und Yehudi Menuhin. Sie ist die dritte - und die erste Frau.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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