Theater

Zwei alte Tanten tanzen Botho

Von Gerhard Stadelmaier

28. Januar 2005 „Sitzen bleiben!“ - das ist am Ende eines Dramas der komischste und grausamste Befehl. Kein Entkommen ins Leben. Nicht einmal in die Kulisse. Oder wenigstens in ein Bild. Oder in eine Lösung. Wem das Kommando „Hier geblieben! Weiterspielen!“gilt, ist dazu verdammt. Und wer es gibt, gleichfalls. Herrscher und Beherrschte fallen zusammen. Und überm Konflikt zwischen ihnen, der ja gar keiner mehr ist, weil er aufgehoben ist im gnadenlosen „Weiter so!“, klirrt ewiges Gelächter.

„Sitzen bleiben!“ - befiehlt am Ende des neuen, komischen Stücks von Botho Strauß die eine, Insa, der anderen, Lissie. Beide um die sechzig. Im Münchner Residenztheater, wo Dieter Dorn jetzt „Die eine und die andere“ zur Uraufführung gebracht hat, sitzen Insa und Lissie zwar, wie von Strauß gewünscht, Rücken an Rücken, jede an ihrem Frühstückstisch in einer kleinen Pension im Oderbruch, die Insa betreibt.

Eisesgraue Helmfrisur

Und Gisela Stein als Lissie hält sich unter einer eisesgrauen Helmfrisur im halblangen Satinkleid und lockerer Kostümweste leicht grell geschminkt gerade wie eine Lebenskommandeuse, die alle unverschämten Hoppla-jetzt-komm-ich!-Maximen derart in sich hineingefressen hat, daß sie insgesamt wirken wie ein verschluckter Ladestock, an dem sie sich aufrecht hält.

Und Cornelia Froboess als Insa scheint unter ihrer strähnigen Wuschelperücke breitbeinig nicht nur Kaffee und Hörnchen, sondern irgendwie eifersüchtig und mißtrauisch die ganze Welt im Kittelschürzenschoß einer Witwe Courage bergen zu wollen, die dauernd auf den großen Beschiß gefaßt ist. Aber beide wirken, als wollten sie sich eigentlich in Luft auflösen. So wie um sie herum Jürgen Roses auf durchsichtigen Stoff gemalte, in sich zerschnittene Bilder von Häusern, Straßen und Zimmern sich immer flirrend aufzulösen scheinen.

Megären auf dem Endspielball

„Die eine und die andere“, das bisher luftigste und witzzarteste Stück des Botho Strauß, ist ja auch nichts weiter als eine Komödie der Auflösung. Im Zentrum: zwei alte Megären. Auf dem Endspielball. Dickste, intimste Lebensfeindinnen. Jede der anderen eine Lebensgeisterdiebin.

Ein Frauenfeindespaar mit erlesensten Ahnen. Man muß sich das ungefähr so vorstellen: als hätte Medea der Kreusa kein in tödliche Flammen aufgehendes Zauberkleid zur Hochzeit geschickt; als hätte Elisabeth die Maria Stuart nicht aufs Schafott geschickt; als hätte Orsina nicht das Messer für Emilia Galotti, die Marwood nicht das Gift für Sara Sampson bereitgehalten; als hätten alle die anderen Frauen-Pech-Gift-und-Schwefel-Paare der Dramengeschichte sich nicht gemeuchelt, sondern überlebt in einer ewigen, gegenseitigen Hölle - dann hat man das Bild von Insa und Lissie.

Grundstürzender Urschmerz

In früheren Strauß-Stücken wie zum Beispiel „Kalldewey. Farce“ haben sie beziehungsweise ihre Stellvertreterinnen, angestachelt von einem uralten Bocksgott Dionysos, noch einem Mann den Kopf abgerissen und in die Waschmaschine gesteckt oder einfach nur an dem grundstürzenden Urschmerz des Strauß-Personals gelitten, kein Paar mehr, also nichts Höchstes, Unentfremdetes mit irgend jemandem zusammen bilden zu können.

Jetzt aber entdecken sie, daß der Mann, „das feuerrote Arschloch“, der zuerst Insa, dann Lissie geheiratet und wieder verlassen hatte, seinen Kopf nicht in Waschmaschinen suchen muß, dafür aber traurig in Waschsalons herumsitzt und auf Frauenbeine starrt: Dionysos wäscht mit Persil und nicht mehr mit Blut und Wein. Dafür haben sich Lissie und Insa zu dem zusammengefunden, was bisher bei Strauß die große, schöne Unmöglichkeit gewesen ist: zum idealen, glücksschaurigen Paar.

Aus der Liebesschule der Frauen

Schon im vorletzten Stück von Strauß, der „Unerwarteten Rückkehr“, hatte die „Eine Frau“ der „Anderen Frau“ geholfen, einem Turm zu entkommen, in den „Der Mann“ sie eingesperrt hatte. Die letzten Endspielkomödien des Botho Strauß lösen den Urkonflikt der Entfremdung auf in kleinen humanen, komischen Gestenlektionen aus der Lebens- und Liebesschule der Frauen. Die Prüfung darin aber findet statt im Hauptfach: Lebensgeisterzweikampf.

Beide haben alles verloren. Insa ist eine gescheiterte Wirtin, Lissie gescheiterte Journalistin. Lissie kann nur Männer genießen, wenn sie diese anderen Frauen raubt: „Orgasmus nur bei Ehebruch“. Insa kann Männer nur genießen, wenn sie diese nicht bekommt: „Ich habe noch eine Umarmung frei.“ Also wird Lissie Herrn Pulczynski, den letzten Feriengast in Insas Pension, der Freundin wegschnappen und hoch droben im Pensionsfenster sich, „Stööööre ich?“, hämisch nackt mit ihrer Eroberung der drunten wartenden Insa präsentieren, während Insa mit Timm, dem Sohn von Lissie, drunten geflirtet hat.

Timm aber ist mit Elaine, Insas Tochter, unverbunden verbunden. Er wie sie stammen von Henrik, dem Mann, den sowohl Insa als auch Lissie hatten. Wer in diesem Familienbandengewirr noch ein Paar bilden will, muß entweder tief hinab oder hoch hinaus. Dieter Dorn bleibt in München fast operettenselig exakt in der Mitte: in der Sphäre der flirrenden Luftspiegelungen, die überm Boulevard sich bilden, wenn der Asphalt vom Höllenfeuer erhitzt wird.

Bündel von Naivitätsnervern

Das junge Unmöglichkeitspaar spiegelt sich bei Juliane Köhler und Jens Harzer im Phantombild zweier märchenhafter Königinnenkinder. Harzer, der große Timm-guck-in-die-Luft, der Psychologiestudent als Bündel von Naivitätsnervern, der mit lustigen Schreckensaugen, die nur durch ein wunderliches Lächeln gebremst scheinen, seinem verschwundenen Vater hinterherguckt und davon träumt, auf dem Boden zu bleiben, seiner Stiefschwester aber mit traulichstem Schaudern zuschaut, wie diese abhebt.

Juliane Köhler in kurzem Rock, mit burschikoser Frisur, Turnschuhen und Lederjacke kuschelt ihren Kopf wie ein Kleinkind an die Schulter ihrer Mutter Insa. Aber wenn sie strickt oder den Hundertmeterlauf trainiert oder Bars aufsucht oder in Kaufhaustischen wühlt, ist sie ein „Durchgangswesen“, verkehrt sie komisch zuckend mit Luftgeistern oder unsichtbaren Starenschwärmen oder Myriaden von ungeborenen Kindern, läßt sich an Türen binden und große Nägel durch die Stirne schlagen, breitet die Arme aus und will - wozu in München ganz rührend selbstverständlich Dinu Lipattis fließende Klavierseligkeiten von „Jesus bleibet meine Freude“ erklingen, die er aufnahm, kurz bevor er starb - die Sünden der Welt, der Mütter, der Väter auf sich nehmen.

Wie eine tolle Gespenstersonate

Das alles kommt in Julianes Köhlers heller, herber Vernunft, in Dorns witzigem Geschmack, in Lipattis todesnaher Süße, in Harzers bubeskem Staunen wie eine tolle Gespenstersonate herüber. Golgatha als Luftspiegelungscapriccio im Loft. Strauß reißt kurz mit dem kleinen Finger sozusagen die dünnen Wände unserer Zivilisation ein und zeigt, was der Gesellschaft an himmlisch-höllischer Ergänzung fehlt. In München wird daraus ein Traumspiel: Elaine, die unempfindliche Leidenskönigin, die den Schmerz genießerisch trägt wie einen Hermelin, wird zur Götterbotin, die das Unwirkliche, aber Traum-, Glaubens- und Fühlwahre wie mit einem szenischen Fingerschnippen in die Welt setzt.

In der Welt der Endspiele und der Megärenbälle, in der Lebens- und Zukunftsreste noch einmal grandios ausgetanzt werden, herrschen dann in Dorns Luft und in der Lust von Strauß die beiden großen, alten Himmelsschachteln und Höllenköniginnen. Die Froboess als Insa mit der Inbrunst der Alkoholikerin, die, gierig nach Seelenschmerz, den sie betäuben kann, die letzte Sehnsucht nach Umarmung, Liebe und Glück in einem Lallen aufkocht, das heiterste Verzweiflung und traurigste Seligkeit zusammensprudeln läßt.

Eine funkelnde Abgrundgrube

Cornelia Froboess macht die schrundige Oberfläche dieser Frau zu einer funkelnden Abgrundgrube. Und die Stein meißelt die Lissie mit der Überdrehtheit der Verliererin, die immer noch glaubt, Gewinne einzustreichen und mit letzter Kraft nach allem grapscht, der aber eiskalte Teufels- und Alterskrallen ans Herz greifen. Gisela Stein macht aus der Seelenpeingrube dieser Frau eine schillernde Oberfläche.

Zwei komplementäre Geisterweiber, denen alles genommen ist: Liebe, Männer, Kinder, Zukunft. (Von der Rente ganz zu schweigen.) Denen die Erinnerung nicht hilft und denen nichts bleibt als „Sitzen bleiben!“ Die eine wie die andere scheinen nicht mehr unsere Zeitgeistschwestern, wie sie das früher bei Botho Strauß gewesen wären. Sie sind unsere Utopie: das Theater der Alten. Es kommt schneller, als das jetzt schon alternde Theater der Jungen ahnt. Der bald siebzigjährige Dieter Dorn hat sich einen großen, jungenhaft heiteren Spaß damit gemacht. „Sitzen bleiben!“ klingt bei ihm denn auch wie „Aufbrechen!“. Jubel.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2005, Nr. 24 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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