Bayreuther Visionen (15)

Schluss mit dem Versteckspiel

Von Christoph von Dohnányi

Bayreuth sollte seine Rolle im Nationalsozialismus nicht verschleiern, meint ...

Bayreuth sollte seine Rolle im Nationalsozialismus nicht verschleiern, meint Christoph von Dohnányi

23. Juli 2008 Wenn ich Wagner hieße - weder Wunsch noch Traum oder Vision - und Urenkel von Richard Wagner sein müsste, gäbe es vier Punkte oder Fragen, mit denen ich mich vorrangig beschäftigen würde. Das Erste wäre: Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass in jeder Generation der Bayreuther Wagners eine Persönlichkeit zu finden ist, der man Künstlerisches plein pouvoir zumuten oder zutrauen dürfte?

Ich bin grundsätzlich für den Familienbetrieb, aber wenn die Familienbande - und so ist es doch nun seit mehr als einem Jahrhundert - in nicht endendes Familiengerangel in einer Art Bayreuther Erbfolgekrieg mündet, muss etwas faul sein im Staate Bayern. Ich könnte mir ein Gremium vorstellen, das, an allen familiären Querelen vorbei, der Kunst kontinuierlich und verantwortlich die Stange hält. Im Bayreuth der letzten Jahre sprach man doch wesentlich zu wenig über das „Was-war-wie?“, sondern entschieden zu viel über das „Wer-wird-was?“. Das darf nicht sein. Stimmt da etwas mit der Stiftungssatzung nicht?

Man muss die Tücken des Raumes kennen

Als Zweites: Wieland Wagner hatte mich seinerzeit eingeladen, „Tannhäuser“ und „Meistersinger“ in Bayreuth zu dirigieren. Er starb, und in der Folge starben auch meine Verträge. Ich bin später einmal nach Bayreuth gefahren, um das Musizieren im Orchestergraben zu beobachten. Eine merkwürdige Erfahrung. Was hört dort der Musiker von seinen Kollegen, was der Dirigent vom Orchester oder der Bühne? Ein komplizierter Job für jeden Dirigenten. Dort unten die Kombination von Klang, Präzision und organischen Tempi zu erreichen scheint äußerst schwierig.

Der Deckel der Nächstenliebe über dem Orchestergraben hilft dem Publikum mehr als den Musikern. Ich würde also vermeiden, opernunerfahrene Dirigenten zu engagieren, die mit den räumlichen Gegebenheiten nicht fertig werden und dann im folgenden Jahr nicht mehr auf dem Programmzettel stehen. Gut kommen dort anscheinend Dirigenten zurecht, die in Bayreuth als musikalische Assistenten gearbeitet haben und die Tücken des Raumes kennen. Nicht nur unbedeutende Dirigenten sind an Bayreuth gescheitert.

Internationale Gagen

Ähnliches gilt auch für die Sänger. Stimmen haben es in Bayreuth relativ leicht, aber allzu leichte Stimmen haben es eben dort auch schwer. Schauspielerisches Talent und sängerische Begabung sind heute Voraussetzungen für den Opernsänger. Beides sollte in gleichem Maße vorhanden sein. Selten ist es so, zugegeben. Wenn man hier weiterkommen will, so denke ich, muss man wahrscheinlich die Sängergagen der internationalen Struktur anpassen (abzüglich eines Bayreuth-Bonus). Sonst wird man zunehmend Absagen ernten. Der Urgroßvater hat doch auch nicht anders gedacht, wenn es um sein Werk ging.

Als Drittes: Wagner hatte 1863 für seine Festspiele nicht nur seine eigenen Musikdramen vor Augen, sondern auch neue Werke anderer Komponisten. Die Teile seines Rings, so schreibt er, „müssten zunächst, je nach Umständen, ein-, zwei- oder auch dreijährig etwa wiederholt werden, und die ausschlaggebende Veranlassung hierzu würde sein, wenn ein neues Originalwerk ähnlichen Stils geschaffen worden wäre. Hiermit hinge demnach eine Preisausschreibung für das beste musikalisch-dramatische Werk zusammen, und der Preis würde in nichts anderem bestehen als in der auszeichnenden Aufführung an den Festtagen.“

Ein verklemmtes Lächeln genügt nicht

Heute würde ich versuchen, diese Vision zu realisieren. Selbstverständlich müssten sich Komponisten unserer Zeit auf die räumlichen Gegebenheiten des Bayreuther Festspielhauses einstellen. Bei der Auswahl eventueller Kompositionsaufträge sollte ebenfalls ein berufenes Gremium helfen. Dass dafür die Stiftungssatzung geändert werden müsste, ist mir klar.

Als vierter Punkt: Ein verklemmtes Lächeln in die Kamera verbunden mit der Bemerkung, dass während der Nazizeit auch in der Familie politisch nicht alles so astrein gewesen sei, genügt nicht. Auch das Versteckspielen hinter dem Argument, die Nazis hätten Richard Wagner missbraucht, muss aufhören. Wenngleich dies so war, so ist auch wahr, dass die Familie Wagner das Ihre dazu tat und dass die trostlosen Ideen des Onkel Wolf, schon weit bevor dieser selbst in Bayreuth erschien, offene Türen im Haus Wahnfried gefunden hatten. Eine überzeugende Bemühung um Vergangenheitsbewältigung und damit auch der Zugang zu den Archiven aus jener Zeit tut not.

Familienblindheit

Das Ausmaß der politischen Inkompetenz und Blindheit der Familie Wagner in damaliger Zeit lässt uns fassungslos. So ließ sich zum Beispiel Wieland Wagner, nach der Wiedereröffnung der Festspiele 1951 als szenischer Erneuerer Bayreuths gefeiert, einst durch Hitler vom Wehrdienst befreien; danach arbeitete er in einem Institut, das dem KZ Flossenbürg angeschlossen war. Das erfuhr man erst im Jahr 2002. In Flossenbürg starben damals Tausende unschuldige Menschen. Auch ein Bruder meiner Mutter, der Theologe Dietrich Bonhoeffer, wurde dort kurz vor Kriegsende von den Nazis ermordet.

Bayreuth sollte dem Publikum die Möglichkeit geben, sich an einem angemessenen Ort in Deutlichkeit und Klarheit über den schrecklichen Gebrauch Richard Wagners in bittersten Zeiten deutscher Geschichte zu orientieren.

Christoph von Dohnányi, geboren 1929, ist Opern- und Konzertdirigent. Er hat die Opernhäuser in Frankfurt und in Hamburg geleitet, prägte zwanzig Jahre lang das Cleveland Orchestra und ist seit 2004 Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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