Hans Neuenfels im Gespräch

Die Perversion der Perfektion

“Die Zauberflöte“: Pamina und Monostatos

"Die Zauberflöte": Pamina und Monostatos

20. November 2006 Probepause an der „Komischen Oper“ in Berlin. Nach dem „Idomeneo“-Skandal an der Deutschen Oper inszeniert der 65jährige Hans Neuenfels nun „Die Zauberflöte“. Und auch in dieser Mozart-Oper findet er den Kampf des Komponisten gegen Gott. Ein Gespräch zum Ende des Mozartjahres.

Herr Neuenfels, das Mozartjahr geht zu Ende - was haben wir Neues gefunden?

Mozart erinnert uns an die Zerbrochenheit des Menschen, die wir so gern verdrängen, obwohl wir sie existentiell spüren. Er sucht unter der perfekten Oberfläche den Menschen als hinfälliges, fragwürdiges, nacktes Wesen, als Kreatur, die nicht aus einer heilen Existenz heraus agiert, sondern sich hinter den Konventionen versteckt. Der Mensch ist für ihn ein liebenswerter Konstruktionsfehler. Mozart ist so etwas wie der Shakespeare der Oper, der seine Charaktere dauernd enthäutet.

Hans Neuenfels inszenierte “Die Zauberflöte“ in der “Komischen Oper“ Berlin

Hans Neuenfels inszenierte "Die Zauberflöte" in der "Komischen Oper" Berlin

Sie machen Mozart zum Menschenversteher, der besonders unsere Schwächen liebt. Müssen wir damit Abschied von der Idee nehmen, daß Mozart ein Komponist Gottes war?

Ich glaube fest daran, daß die Kunst für Mozart kein Beweis Gottes, sondern ein Gegenentwurf zu ihm war. Mozart wollte besser sein als Gott. Gott war sein größter Konkurrent. Er wollte Gott beweisen, daß er auch nur ein Mensch ist. Deshalb benutzt er Worte wie „göttlich“ oder „Seligkeit“ immer als Ausdruck einer Autorität, an der man lieber zweifeln sollte. In seiner Musik spielt Mozart mit der vermeintlichen Heilheit dieser Begriffe, gießt sie in perfekte Formen, die allerdings so perfekt sind, daß wir ihnen unter keinen Umständen trauen dürfen.

Wollen Sie ernsthaft behaupten, der Katholik Mozart habe nicht an den Guten Gott geglaubt?

Letztlich hängt das von unserer Sicht auf Gott ab. Wenn wir ihn als Schöpfer des Fehlbaren annehmen, die fehlbare Kreatur als seine bewußte Erfindung verstehen, dann hat Mozart vielleicht an ihn geglaubt - aber dann wäre Gott auch nur ein Mensch. Mozart öffnet dauernd den Widerspruch zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Sollte es für ihn einen Gottesbegriff geben, ließe sich der nur über die irdische Fehlbarkeit herleiten, nicht über das Versprechen des Jenseits.

Schlimmer als Gott sind demnach nur seine Propheten? Ein Mensch, der mit der Religion hadert, muß ihnen die Köpfe abhauen, um sich zu befreien? So wie in Ihrer umstrittenen „Idomeneo“-Inszenierung?

Die Köpfung ist in diesem Fall ja nur eine rein subjektive Frage Idomeneos. Er ist am Fanatismus der Religion, übrigens keiner besonderen, verzweifelt und löst sich radikal von allen Bindungen, die er zuvor noch akzeptiert hat. Dabei folgt er nur der Suche nach der ureigenen Substanz. Er will die eigene Kreatürlichkeit finden. Diese wenigen Minuten sind ein Diskurs über das Stiften von Religionen und die Sprengung ihres Rahmens durch das zweifelnde Individuum.
Tatsächlich besetzen Propheten, egal welcher Religion, das Terrain der Irrealität mit Metaphern und Fußspuren und predigen den heilsversprechenden Satz: „Das kriegen wir schon hin.“ Sie sind so etwas wie die Reiseveranstalter ins Jenseits, die Rückflugtickets versprechen. Wir haben uns daran gewöhnt, an ein Jenseits zu glauben, in dem alles aufgehoben wird. In Wirklichkeit bereisen wir es aber inzwischen wie Teneriffa oder Mallorca, um erfrischt und braungebrannt ins Leben zurückzukommen. All das widerspricht dem Gedanken der Endgültigkeit, den wir verdrängen.

Trotzdem spielt Mozart doch mit der Perfektion der Musik, mit göttlichen Harmonien . . .

Umstrittene “Idomeneo“-Inszenierung

Umstrittene "Idomeneo"-Inszenierung

Aber die sind bei ihm immer nur scheinbar schön. Im zweiten Akt der „Zauberflöte“ gibt es ein Terzett zwischen Sarastro, Tamino und Pamina - das ist so vollkommen, daß es meistens gestrichen wird, weil alle sagen, daß die dramatische Art der Oper hier stagniert. Aber gerade diese Schönheit ist nichts anderes als der Tiefpunkt der absoluten Zerrüttung aller Charaktere.

Die Schönheit des Häßlichen scheint Common sense im Mozartjahr zu sein. Wieso wehren wir uns heute so sehr gegen die Schönheit?

Die Aktualität Mozarts liegt in der Angestrengtheit, mit der er Schönheit in den Vordergrund rückt. Er hat das Handwerkszeug, die perfekte Form in den Raum zu stellen, bedient unser ästhetisches Streben im vollen Bewußtsein seiner Doppelbödigkeit. Er spielt mit unserer Welt, in der wir die Schönheit als erfundene Ordnung etabliert haben, als eine Ästhetik, die Werten folgt, nach denen jedes Verhalten benotet wird. Wir handeln dauernd nach dem Motto von Schuld und Strafe, haben eine „Elternschaft“-Mentalität entwickelt, in der wir beim kleinsten Fehlverhalten aufschreien. Aber diesem Aufschrei fehlt meist eine empfundene Wut, eine Innerlichkeit des Handelns. Es geht immer nur darum, die Form zu wahren, das lieto fine herzustellen, die Konflikte zu kaschieren - koste es, was es wolle.

Was macht Sie so sicher, daß Mozart nicht an die Schönheit an sich glaubte?

Pamina und Papageno in der “Zauberflöte“

Pamina und Papageno in der "Zauberflöte"

Nehmen wir die Königin der Nacht. Für mich ist sie ein Prototyp des modernen Charakters. Sie tritt nur als Virtuosin auf, braucht eigentlich gar keinen Körper, hat nur Stimme, ist wie eine ewige Schallplatte. Sie ist eine perfektionierte Frau, und jeder Mißton ihrer Koloraturen könnte ihr zum Verhängnis werden. Ich bin sicher, daß Mozart uns hier eine Perversion unserer Perfektion vor Augen hält. Er sagt: „Ihr wollt das Ideal?

Bitte schön, hier steht es und singt. Aber ich zeige euch auch, wo das, was ihr göttlich nennt, endet: im totalen Zerfall.“

Und wo begegnet uns die Königin der Nacht in unserer Welt?

Jens Larsen als Papageno

Jens Larsen als Papageno

Überall und dauernd: Politiker belegen Rhetorik-Kurse, Paare diskutieren ihre Probleme aus, wir streben immer nach der heilen Welt und haben verlernt, die Kaputtheit als Schönheit und Eigentlichkeit zu begreifen. Letztlich zerbricht die Königin der Nacht an ihrem eigenen Anspruch der sinnlosen Perfektion. Sie ist wie Angela Merkel, die eine perfekte Politikerin sein will, weshalb ihr jeder kleine Fehler zum Verhängnis wird, oder wie Reinhold Messner, der sinnlos irgendwelche Berge besteigt, um später bei Kerner darüber zu reden. Die Akzeptanz der Schwäche als Teil der Kultur und der Kommunikation haben wir verloren.

Belebt der Klassiker Mozart damit ein romantisches Ideal in uns?

Das glaube ich, und es wird besonders deutlich in seinem Verhältnis zur Liebe, die bei Mozart genauso fehlbar ist wie der Mensch. Ich lasse Papageno fragen: „Gibt es überhaupt Leben ohne Betrug?“ Die Antwort ist ganz klar: Nein! Der Betrug ist Teil des Lebens, weil der Dreck Teil des Lebens ist. Letztlich ist der Betrug auch nur eine Form des Leidens und damit eine Form des Schmerzes und der Lust. Für Mozart war die Liebe keine Ersatzreligion, sondern nur eine weitere Form der Vergänglichkeit. Er hat eine der wichtigsten Erkenntnisse begriffen: Der Tod ist natürlicher als die Liebe . . .

. . . und der Eros damit nur eine Form des Thanatos?

Szene aus Neuenfels' “Idomeneo“

Szene aus Neuenfels' "Idomeneo"

Wir glauben, daß sich der Mensch in der Liebe selbst am nächsten ist. Tatsächlich ist er sich nirgends näher als im Schmerz. Vor einigen Wochen bin ich von einer Leiter gesprungen und mit der Schulter auf einem Stahlpfeiler gelandet. Ich war ohnmächtig und kam ins Krankenhaus. Dort war eine wunderschöne Ärztin, die meinen Arm immer wieder heruntergedrückt hat, gegen meinen Schmerz. Ich habe geschrieen und geweint. Als ich sie verlassen habe, sagte ich zu ihr: „Wissen Sie, Frau Doktor, wir beide sind eigentlich schmerzintim.“ Ihre Praxis war ein Raum des Schmerzes, und der ist sicherlich intimer als jeder Raum der Lust.

Müssen wir noch Angst vor dem Tod haben, wenn wir ihn als natürlich begreifen?

Der Tod ist die größte aller Ängste. Und Mozarts Kraft liegt ja darin, daß er das Sterben als Normalität versteht, aber nirgends, nicht einmal im „Requiem“, das Jenseits als Erlösung anbietet. Er macht uns klar, daß wir die Dinge auf Erden zu erledigen haben, daß wir als Kreaturen durch den Dreck krabbeln müssen - und darin noch Schönheit erkennen sollen.

Aber warum haben Sie dann Angst vor dem Sterben?

Weil ich mit dieser Welt noch nicht fertig bin, weil ich immer wieder feststelle, daß ich etwas Neues erkenne, meist an mir selbst, daß ich noch immer über mich staune und selbst im Alter neugierig auf die Welt bin.

Ihre Sicht der Dinge ist die Interpretation des Regietheaters. Ist es nicht frustrierend, wenn die Leute trotzdem in die Oper kommen, weil sie sich unterhalten wollen?

Das war zu Mozarts Zeit ja nicht anders. Seine Auftraggeber, die Kirche und der Kaiser, waren doch genauso wie ein Großteil unserer Gesellschaft: Sie bestellten die vollkommene Form. Mozarts Genie liegt darin, sie zu befriedigen und gleichzeitig subversiv zu unterwandern. Sein größter Vorteil dabei war, daß er zum Wegwerfen bereit war, weil das Schöpfen ihm nicht schwergefallen ist. Er konnte verschwenderisch mit seinen Ideen umgehen.

Sie glauben also nicht, daß der Schöpfungsakt für ihn eine Qual war?

Nein, ich stelle mir Mozart als eine Art Vorsokratiker vor, der an einem lauen, dunkelblauen Sommerabend Weißwein trinkt, einen Gedanken zu Ende denkt und nebenbei mal eben alle Libretti komponiert. Er folgt der vorchristlichen Idee des „panta rhei“. Für ihn fließt alles in den geordneten Bahnen der Überraschungen - und es ist nicht ausgeschlossen, daß irgendwann ein Strudel vorbeikommt, in dem man absäuft.

Neuenfels' „Zauberflöten“-Inszenierung feiert am 25. November ihre Premiere in der Komischen Oper in Berlin.

Das Gespräch führte Axel Brüggemann.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 30
Bildmaterial: ddp, dpa, Monika Ritterhaus, Monika Rittershaus

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