27. Juli 2006 Alte Fabrikruinen, verlassene Bahnhöfe, leergeräumte Speicherhallen sind von einer besonderen Aura umgeben. Erlöst aus ihrer einstigen Bestimmung, scheinen diese Orte, von Unkraut überwuchert, wieder in Natur überzugehen. Es ist dieser zwittrige Charakter, der ihren ästhetischen Reiz ausmacht. Künstler aller Sparten haben diesen Reiz längst erkannt und begonnen, ihn auszubeuten.
Nun siedelt der achtzigjährige Dramatiker und Mythenerzähler Tankred Dorst in seiner ersten Opernregie die Handlung von Wagners Ring des Nibelungen in einem solchen Zwischenreich an, seinem Versprechen treu, er werde in Bayreuth keinen Wotan mit Aktentasche inszenieren.
Regenbogeneffekte vor grafittibeschmiertem Beton
Wie in Dorsts Merlin oder das wüste Land die vertriebenen heidnischen Götter wieder auf die Trümmerfelder der Geschichte zurückkehren, so bevölkert nun das Götterpersonal des Rheingold die vergessenen Brachen unserer Städte: als gerinne die Atmosphäre solcher Orte plötzlich zu Gestalten, zu seltsam verbeulten Phantasiefiguren, die aus den Luken und Ritzen unserer vermeintlich so fest verfugten Zivilisation hervorkriechen. Walhall liegt an der Schwelle zwischen Natur und Kultur. Auf Philipp Schlössmanns Bühne blickt uns der Sitz der Götter von fern als Fossil eines gigantischen Auges an, das einem urzeitlichen Reptil zu entstammen scheint.
Davor präsentiert sich Wagners freie Gegend auf Bergeshöhen als stillgelegte Bahnstation mit viel graffitibeschmiertem Beton, ein paar Stufen und Wachhäuschen sowie der unansehnlichen Rückseite einer Plakatwand. Dieser uncharmante Ort, den ein Statist in Jeans und Parka durchschlendern kann, ohne vom Göttergezänk um sich herum das mindeste zu bemerken, wird durch Phantastik verwandelt: Erda fährt, madonnengleich illuminiert, aus einem ehemaligen Gleisschacht nach oben, Loge kündigt sich mit über den Boden züngelnden Flammen an, den Einzug nach Walhall zieren ganz werkgetreu die buntesten Regenbogeneffekte.
Nibelheim in der Heizungszentrale
Dorst und sein visionärer Bühnenbildner halten sich oft sehr wörtlich an die Szenenvorgaben. Ihren Anfang nimmt die Geschichte tatsächlich in der Tiefe des Rheins, der sich in auratischem Blau dahinschlängelt, mit großen Kieseln auf dem Grund und einer den Abglanz des Goldes reflektierenden Wasseroberfläche. Alberich jagt vergeblich den sich vermehrenden Videoprojektionen üppiger, nackter Frauenleiber nach, die schließlich als veritabler Weiberschwarm über ihn hinwegzuschwimmen scheinen. Die Rheintöchter sitzen derweil in ihren flattrigen Plastikkleidchen (die von Bernd Skodzig entworfenen Phantasiekostüme sind nicht sehr suggestiv) unverwandt vor ihrem Schatz, einer großen Goldkrone, aus der sich der Albe schließlich einen Zacken herausbricht.
Das wirkt szenisch alles vielversprechend, wenngleich sich noch nicht absehen läßt, ob sich aus Dorsts reizvoller Grundidee schließlich auch eine Deutung des gesamten Rings entwickeln wird. Immerhin weist einiges darauf hin, daß sein Ansatz über eine bloß dekorative neue Bebilderung der Geschichte hinausgehen wird. Kraftvolle Bilder findet die Inszenierung für die Nibelheim-Szene, die in einer kahlen Heizungszentrale eines großen Gebäudes oder einer Fabrik spielt. Nachdem ein Angestellter im Blaumann gerade noch die Zähler abgelesen hat, bricht an einer Stelle der Wand die Verkleidung weg und offenbart das höhlenartige Innere des Bergwerks mit seinen lemurenhaft bandagierten Nibelungen, in deren Gespensterköpfen gruselige kleine Lämpchen glühen.
Die Überhelle schadet dem Ganzen
Zwiespältig erscheint dagegen die musikalische Interpretation Christian Thielemanns, der den Ring in Bayreuth zum ersten Mal dirigiert. Klanglich ist dieses Rheingold oft, so schon im Vorspiel, von großem Reiz: seidig glitzerndes Wellenspiel, warmer Hörnerglanz für das Schimmern des Goldes, das harsche Stolpern Alberichs, der schillernde Regenbogenklang beim Einzug in Walhall - all das gewinnt charakteristische Prägnanz. Plastisch hebt Thielemann auch die Motive hervor, indem er etwa während der Abfahrt nach Nibelheim in Loges Streicherzüngeln markant den Wehe-Ruf Alberichs hineinfahren läßt. Doch solche Überhelle tut dem Geflecht des Ganzen nicht gut. Statt schon beim ersten Hören wie aus der Erinnerung ins gleichsam Halbbewußte aufzutauchen, spielen sich die Motive als jene musikalischen Visitenkarten in den Vordergrund, über die Debussy spottete und die Adorno tadelte.
Die Quadratur des Zirkels bestünde gerade darin, die charakteristische Gestik zu bewahren, ohne das Kontinuum der unendlichen Melodie zu zerstören. Daß Thielemanns Interpretation jedoch immer wieder dazu neigt, jenes fließende Gewebe, als das sich der symphonische Zusammenhang entfalten müßte, zu zerreißen, hängt auch mit der Wahl seiner Tempi zusammen.
Knalleffekte Thielemanns?
Immer wieder, etwa im gesamten zweiten Bild, droht die Form in disparate Einzelereignisse zu zerfallen. Wenn Thielemann nach einem solchen Auf-der-Stelle-Treten dann - wie im Zank Wotans und der Riesen um den Ring, unmittelbar vor dem Auftreten Erdas - sich plötzlich in ein großes Crescendo und Accelerando wirft, wird man den Eindruck nicht los, das ganze Ungleichgewicht sei der Inszenierung eines Effekts geschuldet. Dabei spricht Thielemann doch immer davon, daß er die Knalleffekte verabscheue. Aber womöglich wird sich seine Interpretation im Lauf der weiteren Abende noch runden.
Sängerisch ist der neue Ring bislang von erfreulichem Niveau. Falk Struckmanns Wotan hat verläßliche Kraft und Härte. Andrew Shore als Alberich und Gerhard Siegel als Mime verleihen ihren Partien charakteristische Farbe, ohne sie zu überzeichnen. Nur Arnold Bezuyens Loge tendiert als hitzköpfiger Unruhegeist bisweilen ein wenig zu unkontrollierter Stimmführung. Klangschön und frei von den üblichen Zickigkeiten agiert Michelle Breedt in der Rolle der Fricka. Mihoko Fujimura ist eine stimmlich betörende Erda, Satu Vihavainen eine erfrischende Freia.
Text: F.A.Z., 28.07.2006, Nr. 173 / Seite 35
Bildmaterial: AP