Berliner Ensemble

Grün ist Deutschlands Unglück

Von Gerhard Stadelmaier

Der Oberfrosch fängt an: Szene aus “Wolken. Heim. Und dann nach Hause“

Der Oberfrosch fängt an: Szene aus "Wolken. Heim. Und dann nach Hause"

03. März 2005 Die Wurzelkinder sind wieder da. Früher ruhten sie in einem wunderschönen Bilderbuch aus dem letzten Jahrhundert hübsch gezeichnet unter der Erde, krochen im Frühling in kurzen, kecken Kleidchen unter den Wurzeln hervor, malten Blumen bunt an, streuten Samen, ließen wachsen und gedeihen, tanzten und ernteten und spielten und krochen im Spätherbst müde, aber zufrieden wieder unter die Erde.

So brachte man uns als Kindern die Jahreszeiten bei. Wir dachten, wir hätten die Wurzelkinder vergessen, schon deshalb, weil die Jahreszeiten und die Zeiten überhaupt ziemlich durcheinandergeraten sind und die Wurzeln zerrissen aus der Erde ragen.

Jeder mal seine Verwurzelung vorzeigen

Aber jetzt, im Berliner Ensemble, treffen wir die Wurzelkinder wieder. Der Bilderbuchregisseur Claus Peymann - wer sonst? - hat sie mit einem einzigen Buntstift ausgemalt: einem grünen. Seine Wurzelkinder liegen unter einer grasschmutzgrünen Decke in einem langen, perspektivisch verengten Schacht, der auf ein klitzekleines, auswegloses Fensterchen zuläuft und mit einem grasschmutzgrünen Wandbehang verkleidet ist, der herniederleuchtet auf grasschmutzgrüne Stühle, Truhen, Grubenhelme und eben auch auf vierzehn Wurzelkinder in grasschmutzgrünen Fräcken, Strümpfen, Schuhen, auch Haaren zum Teil, die manchmal sogar zu Punk- oder auch Struwwelpeter-Frisuren getürmt sind. So sind die rohen Wurzelkinder in einer schicken Stadttheaterrumpelkammer des Bühnenbildners Achim Freyer gelandet.

Hier wirken die alten Bilderbuch-Natürlichen wie aufgebrezelte Laubfrösche, die prätentiös im Chor (sechs Laubfroschdamen, acht Laubfroschherren) und immer wie mit abgespreiztem Gestus-Finger an irgendwelchen Wortleitern hochklettern, die ihnen von Peymann und von der Textflächenmonteurin Elfriede Jelinek, die ja völlig zu Recht keine Dramatikerin sein möchte, hingehalten werden mit der Aufforderung: Allez hopp! Jeder mal seine Verwurzelung vorzeigen! Unter dem wurzeligen Titel "Wolken. Heim. Und dann nach Hause."

Ein Theater ist doch keine Hüpfburg!

Da aber Laubfrösche keine Wurzeln, nur kleine Blähhälse und ansonsten alles in den Hüpfgelenken haben, wirken sie hier merkwürdig verblasen. Als hätte Peymann sie anderswo liebevoll ausgesägt und einfach hierhintransferiert, an den absolut falschen Platz. Denn schließlich ist ein Theater keine Hüpfburg.

Da nun aber Peymanns Laubfrösche, die er aus Elfriede Jelineks Textflächen herausgesägt hat, die keine Figuren, keinen Punkt und kein Komma kennen, aber nationalistische, typisch deutsche, tiefe, sentimentale, ausländerhassende, inländerliebende Laubfrösche preisgeben, die dauernd mit Hölderlin, Kleist, Heidegger, Fichte und Ulrike Meinhof auf alles, "was nicht wir sind" und "nicht bei uns zu Hause ist", wortmäßig einprügeln - kann man nach diesem Abend aus dem Berliner Ensemble soviel mit nach Hause nehmen: Grün ist offenbar ein Unglück für Deutschland. Denn es ist hier eindeutig die Komplementärfarbe zu Braun.

Theatralisch stimmt hier nichts, politisch alles

Denkt man an das Unheil, das Grün sowohl im älteren chlorophyllverseuchten deutschen Liedgut wie in der neueren deutschen Gutmenschen-Politik angerichtet hat, könnte man dem Peymann bewundernd attestieren, daß er nun einmal wirklich das aufgebracht hätte, wovon er sonst immer nur in Interviews schwadroniert: den Mut, den gerade Herrschenden, also dem Grün, "ein Reißzahn im Hintern" zu sein. Auf jeden Fall stimmt an diesem Abend theatralisch nichts, politisch aber alles. (So oder so.)

Schon "Wolken. Heim. Und dann nach Hause", die Textvorlage der Elfriede Jelinek, ist literarisch ein Quark, politisch aber ein Brüller. Sie verwendet Hölderlins "Hyperion" von 1797, der für ein freies griechisches Ideal-Vaterland kämpft und "hinauf zu dir Liebes" schwärmt. Und gebraucht Fichtes "Reden an die Deutsche Nation" von 1808, der von etwas noch gar nicht Vorhandenem, von Napoleon Besetztem und Ausgebeutetem, streng träumt. Und schaufelt Kleists "Penthesilea" aus derselben Zeit herbei, die "einen Schacht aus Erz" in sich hineingräbt und dort ein "vernichtendes Gefühl" hervorholt.

So rührt die Jelinek zusammen, flickt aneinander, läßt fließend ineinander übergehen, sieht zusammen, was nur je für sich gelten kann. Und zeigt so, daß sie statt eines erfinderischen Kopfes eine krampfige Zitatzettelboutique auf den Schultern trägt, in die sie hineingreift und dann halt mit Karteikarten um sich schmeißt. Und wenn zwei oder drei Karteikarten zusammen zu liegen kommen, ergibt sich sogar ein Kalauer: "Opel Manta" kommt dann zum "Mantra" zum Beispiel. (Auf diesem Niveau.)

Hübsche Bedenkenlosigkeit

Daß Elfriede Jelinek aber alle diese Beispiele von Zerrissenen, Verzweifelten, Einsamen, sich Überhebenden, für sich Stehenden aus versunkenen Zeiten zu einem heutigen Massencocktail verrührt, in dem ein romantisch chauvinistisch auftrumpfendes Kollektiv dauernd "Wir sind wir", "Wir tragen uns vor uns her", "Wir gönnen den anderen keine Blicke", "Wir aber wir", "Wir treten dem Nachbarn aufs Haupt", "Gott gehört uns", "Wir schlafen über alles, aber einmal stehen wir auf", "Der Boden faßt uns nicht", "Die anderen, nur ein Zweites, nur ein Anhang zum Leben", "Der ernste Wald, er birgt sie nicht" und dergleichen Selbstherrliches, Selbstfeierndes schwafelt und lallt und stammelt und dies schnurstracks zu Heideggers berühmter Freiburger Nazi-Rektoratsrede ("Wehrdienst, Arbeitsdienst, Wissensdienst") von 1934 und Ulrike Meinhofs Zwangsernährung von 1976 führen läßt, zeigt die hübsche Bedenkenlosigkeit, die haben muß, wer Literatur politisch ge- oder mißbraucht.

Elfriede Jelinek möchte womöglich die ideologische Verwertbarkeit der deutschen Romantik anprangern, verwertet aber nur selber wieder. So beißt sich die Katze in den ideologiekritischen Schwanz.

Dem Uraufführungscharakter Genüge getan

In "Wolken. Heim." biß die Jelinek 1993 schon einmal in Uraufführungswatte. Damals machte Jossi Wieler in Hamburg aus dem Jelinek-Qualm eine kabarettistische Entlüftung, indem er Nazi-Generalswitwen das Textgeschwafel in einem Tiefbunker aufsagen ließ (unter Inhalation etlicher Zigarren). Für Peymann hat Elfriede Jelinek nun ans alte nationalistische "Wolken. Heim." noch einen zweiten, neuen Flügel angebaut: "Und dann nach Hause." Es geht hier mehr um Nationalökonomie als ums Nationale, vor allem aber ums Opelwerk in Bochum, Peymanns alter Arbeitsstätte.

In Berlin singen die Frack-Laubfrösche, die allerliebst Grubenhelme und Clownsnasen tragen, denn auch unaufhörlich im Holzmichel-Chor "Ja, lebt denn das alte Opel-Werk noch?", womit dem Uraufführungscharakter mehr als Genüge getan ward.

Und alles in Grün. Und in Jelinek

Zuvor, im ersten Teil, stemmten sie Stühle an die Wand, reckten die Hände empor, wenn "Linden blühen", zeigten ihren Po, wenn "es am Arsch war", sangen "Oh Täler weit, oh Höhen" und eine herzige zweitönige "Kuckuck"-Fuge, saßen im Kreis, diskutierten gedankenschwer "Was ist deutsch?", tanzten einen "Wir sind wir!"-Sprechgesangswalzer, banden sich schwarze Tücher vor die Augen, rasten und schrien empört, als Ulrike zwangsernährt wurde und die massige Frau Heidegger allen Aufklärungsmüll mit ihrem großen Staubsauger wegwirbelte, saßen als aufmüpfige ausländerfeindliche Schulklasse, abgefragt von Frau Oberstudienrat Heidegger, grinsend auf Stühlchen, stampften sentimental, vital und brutal, wie es das deutsche Vaterland halt verlangt, taten gemütlich und spießig und machten "Psssst!", wenn sie kichernd drauf kamen, daß es doch ungeheuer sei, einfach nur so deutsch sein zu können, als sei deutsch sein schon ein Verbrechen.

Und alles in Grün. Und in Jelinek. Vorsätzlich nationalkritisches Bestmenschen-Theater in einem verqualmten, unausgelüftet fidelen germanischen Selbsthaß-Bewußtsein, das nichts als die Kehrseite einer herrenmenschenhaften Arroganz ist, die dauernd mit dem Zeigefinger auf sich selbst zeigt: Alle mal Achtung! Schaut her, wie schrecklich ich bin! Und wie tief! Und wie gefährlich! Habt bitte, bitte Angst vor mir! Der Beifall war denn auch sehr enden wollend.

Text: F.A.Z., 04.03.2005, Nr. 53 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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