Berliner Ensemble

Königinnendrama: Luc Bondy inszeniert Botho Strauß

Von Gerhard Stadelmaier

25. März 2005 Irgendwann kommt bei jedem Theaterabend der Moment, wo man die entscheidende Bewegung spürt. Es ist bei unterschiedlichsten Aufführungen immer dieselbe Bewegung. Irgendwer, gleichgültig ob es der Schauspieler, der Bühnenbildner, der Regisseur ist, holt aus. Hat ein unsichtbares Schwert in der Hand. Und versucht einen Knoten zu durchschlagen: zu dem ein Leben, eine Liebe, ein Drama, ein Wahnsinn, ein Witz, ein Schlachten und Morden geschürzt sind.

Der Moment dieses heroischen, verzweifelten, komischen Knotendurchhauens kann aus einem Bild bestehen: dann ist er platt. Oder aus einem Einfall: dann ist er matt. Oder aber aus einem einzigen Wort, einem Vers, einem Satz, einer Geste, einem Augenspiel: dann blitzt, funkelt und verstört er. Es ist ja doch der magische Moment, in dem ein ganzes Leben zu erzählen versucht wird: in der Nußschale.

Dorn hielt die Nußschale geschlossen

Umgekehrt aber wird auch eine Nuß daraus: Als vor zwei Monaten Dieter Dorn im Münchner Residenztheater das neue Stück von Botho Strauß, "Die eine und die andere", uraufführte, lag der Witz seiner Inszenierung darin, daß er die Nußschale geschlossen hielt, daß er jedermann (und sich selber auch) das Schwert des großen Alexander aus der Hand nahm, daß er alle gordischen Lebens- und Liebesknoten nicht durchschlagen ließ.

Dorn durchhaute und durchdeutete und erzählte nicht all die verknäuelten Geschichten zwischen Insa, der gescheiterten Pensionswirtin im Oderbruch, und Lissie, der gescheiterten Architekturkritikerin. Zwischen Elaine, die Insas Tochter, und Timm, der Lissies Sohn ist, die aber denselben Vater haben, der erst Insa, dann Lissie verlassen hat. Diese Liebes- und Lebensverknotungen zwischen unmöglichen Paaren, die zueinander verdammt sind, einfach deshalb, weil sie übrigbleiben und nun die einzig möglichen Paare bilden, löste Dorn in der Luft operettenwitziger Schwerelosigkeit auf.

Die große sentimentalische Trauer um den Vater

Er ließ den Figuren durchweg den Charakter von Durchgangswesen, Gegenwartsgespenstern: Durch sie und ihr Hirn- und Herzensgefieder gehen und flirren und rauschen viele mögliche Geschichten. Cornelia Froboess als Insa und Gisela Stein als Lissie: zwei Komplementärgeisterweiber, die eine in der Abgrundgrube der Alkoholikerin, die andere in der Seelenpeingrube einer Männerräuberin und Ehezerstörerin. Beide in großen, lustigen Sprüngen auf einem Megärenball ein Endspiel tanzend, an dessen Ende sie am Frühstückstisch der Pension im Oderbruch ewig sitzen und bleiben werden.

Dieses Ende hat Luc Bondy jetzt bei seiner Inszenierung im Berliner Ensemble gestrichen. Das letzte Wort hat der zarte, sanfte Timm, der Sohn von Lissie, der seinen Vater sucht, ihn kurz in einer schäbigen Automaten-Bar findet und ihn sofort wieder verliert. Unter Karl-Ernst Herrmanns Neonröhren- und Windradhimmel, der sich über einer magischen Straße wölbt, die durch eine Reihe sich ins Unendliche erstreckender rotglühender Markierungspfosten gesäumt ist, steht der Schauspieler Sebastian Rudolph. Zusammen mit dem Bühnenbildner und dem Regisseur führt er das Schwert und durchhaut seinen gordischen Knoten: "Er ist natürlich nicht zurückgekommen..." - so zeigt er in einem kleinen großen Moment das ganze Drama des Lebens und Liebens eines Vaterlosen. Wo Jens Harzer in München den Sarkasmus eines resigniert träumerischen, staunend bösen Bürschchens gegenüber dem Flop-Daddy aufbrachte, genehmigt Bondy seinem Timm-Schauspieler die ungemischte und große sentimentalische Trauer um den Vater. Danach nur noch Dunkel.

Die zauberhafteste Fehlbesetzung der Saison

Wo Dorn hübsch optimistisch die Erlösung der Verstrickten, das luftig Passende im erdenschweren Nicht-mehr-zueinander-Passen inszenierte, schneidet Luc Bondy, der größte Paar-Spezialist unter den Regisseuren, dem Stück ins Fleisch. Das Geniale ist, daß er Fleisch selbst noch unter Marmor freilegt. Unterm Marmor der Edith Clever zum Beispiel. Die Heroine Peter Steins und Syberbergs, die Beschwörerin des Großen und Dunklen und Heiligen, die Hohepriesterin unter den Schauspielerinnen, sitzt in durchbrochen schwarzer, fast sündig transparenter Bluse und im violetten Plisseerock auf einem Gymnastikball. Die zauberhafteste Fehlbesetzung der Saison.

Wo Cornelia Froboess in München alkohollustig unter ihrer Struwwelmähne aufs Weinglas schaute wie zu einem guten Freund, da hebt die Clever das Gefäß, als zelebriere eine alte mongolische Druidin einen heilig berauschten Gottesdienst. So redet und predigt sie von "Verdööörrung" und "Dürrää" und "Hitzääää" und von "Zoooornesadöörn" langgezogen und singend wie von liturgischen Dingen. Und ist doch in ihrem langen, dünnen grauen Priesterinnenhaar eine Frau, die "eine letzte Umarmung" frei hat, die sich wie verrückt nach Streicheln, Küssen, letzter Liebe sehnt. Und ihren Seelenmarmorknoten durchhaut mit dem kühnem Schwung der Tragödin, die in eine gordische Königinnen-Komödie geraten ist, die ungefähr den Titel "Der Raub der Alexandrinerinnen" tragen könnte.

Als schnitten ihre Lippen sich an diesem Wort

Wobei die Clever nicht nur die gescheiterte Kleinwelt-Eroberin, eine späte Schwester des großen Alexander, sondern auch die Trägerin des großen, klassischen alexandrinischen Vers- und Sprachmaßes des siebzehnten Jahrhunderts zu sein scheint. In der Herrscher-Allüre, mit der sie ihre Tochter und deren Männerbekanntschaften ("Du hast einen Hang zu Nägelkauern") abkanzelt, oder in der Trauer, in der sie "meine Spur nicht findet", oder auch in der Freude auf Marc, den Feriengast, "mit dem ich dieses Jahr schlafen werde", wirkt sie wie eine auf sechshebigen Pathos-Füßen durch ihr verlorenes Reich wandelnde und wankende Phädra oder auch Rodogune des Oderbruchs.

Eine Tragödin, die zugleich aber ungeheuer komisch wirkt in ihren Attacken, ihrer Lebensgier: Dann wird der Clever-Marmor zu purem, blutdurchpulstem Fleisch, feinadrig gekörnt. Und wenn sie betont, daß ihre Tochter keineswegs "scharf" auf einen Mann sei, dann klingt "scharf" bei ihr wie eine urkomische Schändung: als schnitten ihre Lippen sich an diesem Wort.

Gegenkönigin Jutta Lampe

Jutta Lampe als Lissie im schwarzen Hosenanzug, die Räuberin der Ehemänner, die Lust nur mit "gebrauchten Herren" empfinden kann ("Orgasmus nur bei Ehebruch"), die Insa einst Henrik weggenommen hat und jetzt noch vor Insa mit Marc im Bett verschwindet, ist hier nicht die Komplementärfigur zu Insa, sondern die Gegenkönigin. Sie hat ihren Lebensschmerz völliger Verlassenheit und Nirgend-dazu-Gehörens nicht mit dem großen Arien-Schrei und dem Koloratur-Ausbruch einer Clever betäubt, die, als sie Lissie und Marc halb nackt in flagranti ertappt, unterm Weh und Ach so klagt und jammert, als habe Medea jetzt den Beweis für Jasons Untreue.

Die Lampe zeigt kühl und nüchtern die Fassade der Frau, die ungerührt das durchhaut, was sie einsteckt: Ihr Schwert scheint im wesentlichen aus ihrem Kopf, das Schwert der Clever dagegen aus deren Herzen zu bestehen. Wo Botho Strauß diesen Zweikampf der beiden Himmelshöllenköniginnen beruhigt und erlöst, verschärft ihn Bondy zu einem Organ-Streit. Wo Strauß eine große, leichte, witztraurige Komödie schrieb, in der eine Gesellschaft von lauter "Nachlassenden" für einen ewigen kleinen Moment innehält im Untergehen und Verdorren, sucht Bondy nach dem Schmerz im Witz.

Eine unnachahmliche Lebens- und Liebesgier

Vielleicht am schönsten und erotischsten hat er ihn in der Elaine der Dörte Lyssewski gefunden, der Insa-Tochter, die mit Luftgeistern Verkehr pflegt, ungeborene Kinder als Starenschwärme durch den Himmel fliegen sieht, sich gerne Schmerzen zufügt, nirgendwo hingehört, auf kuriosen "Dingmenschen-Partys" sich als Christus am Kreuz empfindet, Golgatha spielt, sich Nägel in den Körper haut. In München sprang Juliane Köhler leicht und burschikos über diese seltsame, kalt kitschige Figur hinweg - in die Luft. Dörte Lyssewski holt "die Füchsin", die von aller Liebe, allem Leben separiert ist, aus der Mythen- und Zauberluft herunter in eine unnachahmliche Lebens- und Liebesgier.

Wenn sie in Unterwäsche auf dem Stuhl der "Dingmenschen" sitzt und sich in ihren Golgatha-Phantasien ergeht, wirkt das, als spiele sie Christi Leiden nur: nicht verrückt, sondern verrückt vor Liebe für Timm. Und wenn die beiden Halbgeschwister sich in unmöglicher Liebe trennen, sucht sie kurz und zärtlich und schüchtern des Halbbruders Hand. Eine Wälsungen-Elegie. Wenn sie ihre Schuhe verliert, eine Mütze für Timm strickt, im Kaufhaus an Wühltischen belästigt wird, zu Boden schaut oder nur "Ach, Mutter" sagt, dann durchhaut sie stolz und schön den kompliziertesten aller Knoten: die Person sein zu müssen, die sie nicht sein will. Die Lyssewski scheint dauernd zu sagen und zu spielen: Ich will - ganz anders. Sie ist die wahre Heldin, das lebenspraktische und liebesselige Zukunftsversprechen in Luc Bondys gordischer Königinnen-Komödie, die naturgemäß eine Tragödie ist, über die man glücklich lachen kann.



Text: F.A.Z., 26.03.2005, Nr. 71 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

 
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