„Lohengrin“ in München

Das Leben ist eine Baustelle

Von Holger Noltze

Jonas Kaufmann brilliert als Lohengrin, Anja Harteros gibt die Elsa mit hinreißendem Ernst und Innigkeit.

Jonas Kaufmann brilliert als Lohengrin, Anja Harteros gibt die Elsa mit hinreißendem Ernst und Innigkeit.

07. Juli 2009 Wusste Richard Jones, als er die Regie für den neuen Münchener „Lohengrin“ plante, wie das Motto der Opernfestspiele lauten würde, „under construction“ nämlich? Dass die Oper eine Baustelle ist, zumal diese, Wagners allertraurigste Desillusionierungs-Handlung, mag eine Binsenweisheit sein – hier wurde es, im Bühnenbild von Ultz, sehr buchstäblich genommen. Die Bühne stellt nämlich kein noch so entferntes Brabant dar, kein Scheldeufer, sondern meist tatsächlich eine Baustelle, ansonsten einen schlichten, mit allerhand Zunftzeichen karg geschmückten Versammlungsraum. Schon durch die Massenaufmarschmusik zu Beginn, als König Heinrich (von Christof Fischesser mit kraftvollem, nie dröhnendem Bass gesungen) vor seine Leute tritt, schleppt Elsa, eine wackere Pionierin mit Zöpfen und Latzhose, Steine nach hinten, wo sie, ganz welt- und selbstvergessen, vor sich hinwerkelt: Weiß sie, was sie dort baut?

Wir wissen es, denn schon zu den ersten Gralsklängen, die Kent Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester silbern irisierend aus dem Nichts zauberte, konnte man ihr bei der Entwurfsarbeit am Reißbrett über die Schulter schauen. Diese Elsa aber träumt keine Gralsburgen oder sonstigen Luftschlösser, bloß ein Eigenheim, wie ein Kind ein Eigenheim malt. Entsprechend bodenständig, ein Lockenkopf mit T-Shirt und Freizeithose, erscheint also der unbekannte Herr Lohengrin, rätselhafterweise mit einem Schwan im Arm. Auch dass hier bald ein „Gottesgericht“ um die in Frage gestellte Ehre des Mädchens Elsa durch Schwertkampf veranstaltet wird, mag verwundern. Immerhin, wenn Herr Lohengrin den Widersacher Telramund besiegt und als „Schützer von Brabant“ gefeiert wird, kommt hinten die Arbeit auf der Baustelle mächtig in Fahrt, heia! fliegen die Ziegel, rasen die Schubkarren, Stein auf Stein wächst das Werk.

Ums Wunder betrogen

Diese Elsa (Anja Harteros) träumt nicht von einer Gralsburg, sondern nur von einem kiefernholzverkleideten Eigenheim für sich und ihren Schwanenritter (Jonas Kaufmann)

Diese Elsa (Anja Harteros) träumt nicht von einer Gralsburg, sondern nur von einem kiefernholzverkleideten Eigenheim für sich und ihren Schwanenritter (Jonas Kaufmann)

Wie bei diesem Richtfest Pathos und Schwung der Arbeit am Bau mit Wagners hochfahrender Musikarchitektur gleichsam liturgisch zusammengehen, das löst die ja immer auch etwas hohltönenden musikalischen Staatsaktionen auf verblüffende Weise in wohltuend milde Ironie auf. Weil aber, so wenig sich die Regie sonst um eine alleserklärende Handlungslogik kümmert, das Bild vom Bau durchgehalten wird und Lohengrin auch später nicht als strahlender Ritter, sondern mit Zimmermannshose gezeigt wird, entlädt sich am Ende gewaltiger Unmut über den Verantwortlichen. Man fühlte sich wohl betrogen, nicht nur um den Ritter, sondern überhaupt um das Wunderbare, an das man, so aussichtslos sein Dauern im wirklichen Leben auch bei Wagner schon erscheint, so gern doch immer noch glauben möchte – und sei es bloß in der Oper.

Dabei ist, was die musikalische Seite betrifft, derzeit schwerlich ein besserer „Lohengrin“ zu hören in der ganzen weiten Wagnerwelt. Das liegt nicht nur an Jonas Kaufmann, dessen luxuriös farbenreicher Tenor – wiewohl am Premierenabend nicht einmal optimal disponiert – noch aus der hochgetriebenen Bruststimme einigen Glanz entfaltete und der sich insgesamt mit diesem Rollendebüt für das noch prominentere bei den Bayreuther Festspielen 2010 empfahl. Wozu dieser Sänger fähig ist, wurde erst im dritten Akt ganz deutlich, als er sich weiter ins Kopfregister wagte und vor allem in der Gralserzählung einige tatsächlich überirdisch schöne Töne hören ließ.

Risse im Heim der Mittelstandsidylle

Hat man, als er dann Abschied nehmen muss, weil Elsa einen namenlosen Gatten im fertigen Heim nicht hinnehmen kann, je einen traurigeren Helden erlebt, wie er da einfach auf einem Stuhl sitzt und vom Gral und seinem Vater Parzival erzählt und dass jetzt alles Glück dahin ist? Spätestens jetzt erweist sich, was für eine abgründig deprimierende Geschichte hier erzählt wird, jenseits aller Späße und britischen Ironien. Elsas Eigenheimtraum wird nämlich gerade nicht als schnöde Mittelstandsidylle denunziert. Wenn sie mit ihrem namenlosen Zimmermann „zum ersten Mal allein“ ist im Echtholzheim, wenn das Doppelbett bereitsteht und sogar schon die Wiege im Kinderzimmer, wenn also das schöne Leben anfangen soll, dann ist im neuen Münchener „Lohengrin“ zu sehen, wie zwischen Menschen ein unheilbares Unglück entsteht – millimetergenau, wie am Reißbrett: Man sieht es genau und bekommt doch keine schlaue Antwort darauf, woher es denn kommt.

Dass diese Szene im Kiefern-„Brautgemach“ zum Zentrum der Aufführung wird, liegt wesentlich an der phänomenalen Anja Harteros. Sie singt und spielt die Elsa mit großem Ernst, hinreißender Klarheit und Innigkeit. Schon wenn sie im ersten Akt den gerade aus dem Nichts erschienen Schwanenmann mit einem Oktavsprung auf ein traumhaft leises ‚a‘ als „mein Erlöser“ ansingt, ist das kein Kitsch, auch nicht nur eine musikalisch „schöne Stelle“, sondern die reine Wahrheit. Überhaupt wird außerordentlich gesungen.

Michaela Schuster hat für die böse Ortrud tausend Töne der Verschlagenheit und zeichnet mit wohldosierter Schärfe ein fesselndes Rollenporträt. Wolfgang Koch, Genosse ihrer Schmach (in München hörte man das Wort meist als „Scha-mahch“), beeindruckt als mächtiger, dem Schauspieler Bierbichler nicht unähnlicher Telramund und tut der vokalen Differenzierungskunst vielleicht schon zu viel des Guten. Evgeny Nikitin ist ein angenehmerweise nicht blöde lautsprecherischer, sondern musikalisch gestaltender Heerrufer. Auch die von Andrés Máspero einstudierten Chöre sangen bis auf kurze Kontakt- (vermutlich Sicht-)probleme erstklassig.

Zupackend, erregt

Wagners hochfahrende Musik und seine hochlodernde Leidenschaft landet in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft

Wagners hochfahrende Musik und seine hochlodernde Leidenschaft landet in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft

Nach schwerelosem Beginn dirigiert Kent Nagano einen zupackenden, erregt durchpulsten „Lohengrin“. Dabei ließ er seinen Sängern, aber immer wieder auch einem sprechenden Oboen- oder Klarinettensolo, einer tieftraurigen Cellostimme Raum und Luft. Gelegentlich geriet das Trompetengeschmetter im Nationaltheater auch zu laut. Wollte Nagano, dass es bis vor das Haus zu hören war, wo sich Tausende versammelt hatten, um auf einer Großleinwand „Oper für alle“ zu erleben, dem bayerischen Starkregen tapfer trotzend?

Als die Sänger auf der Freitreppe erschienen, brandete Jubel auf und flogen Luftballons. Drinnen auf der Bühne hatte sich eben noch das Chor-Volk, mit dem letzten Wort „Weh!“, kollektiv Pistolen vor den Kopf gehalten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rabanus, Wilfried Hösl

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