14. April 2008 Nike Wagner ist vom neuen Coup der Bewerbungspolitik ihrer Cousinen Eva und Katharina überrascht, wittert Machterhaltungsinstinkte ihres Onkels und fürchtet eine Boulevardisierung der Festspiele: Die ausgebootete Bayreuth-Bewerberin im Gespräch.
Aus Bayreuth hört man überraschende Neuigkeiten: Wolfgang Wagner hat signalisiert, dass er sich eine Doppelleitung der Festspiele mit seinen beiden Töchtern vorstellen könne. Wie haben Sie davon erfahren?
Durch ein Telefonat des 3sat-Kulturchefs.
Der bayerische Staatsminister Thomas Goppel hat die Wunschkandidatinnen Wolfgang Wagners nun aufgefordert, ein gemeinsames Konzept für die Festspielleitung vorzulegen. Und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth signalisiert offiziell ihre Zustimmung zu dieser Lösung. Was ist davon zu halten?
Offenbar gibt es eine Zustimmung zu einer personellen Lösung, bevor das Konzept dieser Mannschaft vorgelegt wurde. Das ist ein formaler Bruch. Nun wissen wir alle, dass ein Bayreuth-Konzept angesichts des engen Spielraums, den die Stiftungssatzung lässt, ein Vorwand ist und in Wirklichkeit jedoch nach Personen entschieden wird. Was aber ist die Wirklichkeit? Immer noch die Forderungen des greisen Wolfgang Wagner. Ein Spiel der gegenseitigen Erpressungen: Über das Finanzdefizit wird zunächst der alte Herr unter Druck gesetzt. Er lässt sich zu einer Lösung bewegen, die seinen beiden Töchtern die Herrschaft sichert. Von diesen Stammeswünschen lässt sich wiederum der Vorstand des Stiftungsrates leiten. Es ist wie in den Scheindemokratien à la Russland und China: Die Entscheidung liegt schon fest, weil sie politisch bequem ist, der Rest ist Wahl-Inszenierung. Mit künstlerischer Verantwortung für die Bayreuther Festspiele hat das nichts zu tun.
Eva Wagner-Pasquier hatte sich am 18. Dezember bereits gemeinsam mit Ihnen um die Festspielleitung beworben: schriftlich und unterschrieben. Ende März haben Sie dem Stiftungsrat ein gemeinsames Konzept vorgelegt. Liegt dieses Papier allen Mitgliedern des Stiftungsrates vor?
Es muss ihnen vorliegen, schließlich ist es ja eingefordert worden. Es scheint aber nicht so zu sein. Der Vorsitzende des Stiftungsrates teilte mir mit, dass zunächst darüber beraten werde, ob alle Stiftungsratsmitglieder das Konzept Nike/Eva vor der entscheidenden Sitzung am 29. April erhalten würden - oder nicht! Klartext: Es bleibt offen, ob man diskutieren, verschieben, verschweigen oder das Konzept ausschlachten wolle . . .
Wussten Sie davon, dass Ihre Cousine Eva auch mit Katharina Wagner im Gespräch war?
Eva berichtete mir, dass sie sich mit ihrer Halbschwester und dem gemeinsamen Vater um die Osterzeit in Bayreuth getroffen habe. Es schien ein familiäres Zusammentreffen, von Absprachen sei nicht die Rede gewesen.
Wie erklären Sie sich den plötzlichen Sinneswandel Wolfgang Wagners? Liegt er in einer familiären Versöhnungsgeste begründet, oder reagiert er nur auf den finanziellen Druck?
Tja. Die Bayreuther Machterhaltungsinstinkte funktionieren da wohl auf breiter Basis. Wer verfügt denn über Wolfgang Wagner? Seine Rechtsanwälte? Das gute Zureden der zweiten Tochter, die ihre Position nicht ausreichend gesichert weiß? Die Geldgeber, die ein beträchtliches Defizit von 2007 zum Argument machen, um aus der unerträglichen Situation herauszukommen? An alles glaube ich, nur nicht an die familiäre Versöhnungsgeste. Kalkül regiert. Und wird mit neu entdeckter familiärer Sentimentalität überschmiert.
Welcher Zukunft werden die Festspiele Ihrer Ansicht nach entgegengehen, falls die Leitung künftig bei Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner liegt?
Bayreuth ist vom künstlerischen längst zum medialen und gesellschaftlichen Ereignis mutiert. Wenn dieser Entwicklung nicht irgendwann ein Korrektiv entgegenwirkt, wird die allgemeine Boulevardisierung der Kultur auch dort überhandnehmen. Dass Bayreuth einmal gegen die Unterhaltungsbedürfnisse der Gesellschaft gegründet wurde, sollte man nicht vergessen. Eines aber wird mit ziemlicher Sicherheit eintreffen: Nach zwei bis drei Jahren scheidet Eva aus - und dann haben wir Katharina forever. Mit der Lizenz, nach Herzenslust zu inszenieren - wie ihr Vater . . .
Das Gespräch führte Julia Spinola
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp