
Zugegeben, Stockhausen's Werke selbst finden kein großes Publikum. Wenn es nur danach ginge, müßte die FAZ ihre Seiten ständig mit Artikeln über Tokio Hotel füllen.
Indirekt ist die Bedeutung von Stockhausen jedoch gar nicht zu unterschätzen, denn es gibt eine sehr große Liste an Musikern, die ihn zu ihren Einflüssen zählen, darunter auch Musiker, für deren Musik ein beachtliches Publikum bereit ist, Geld zu zahlen.

Welcher normale Bildungsbürger hat denn heute noch Dantes Divina Commedia gelesen? Den ganzen Faust? Den ganzen Zauberberg? Im Feuilleton geht es nunmal auch um Kunst - und Stockhausen war ein bedeutender Künstler. Ob er nun von soundsoviel Prozent der Leser der FAZ oder der BILD gehört oder verstanden wurde oder wird - darum geht es nicht. Stockhausen hat die Musik nach 1945 nachhaltig geprägt. Wenn er stirbt, gehört ein Nachruf in die Zeitung.

Er hatte Ambitionen, auch Talent; und er beherrschte -- oder kaufte -- neben Henze das umtriebigste Marketing.
Skurrile Äußerungen, kakophonische Klänge, Verzicht auf gemeinsame Harmonien, Formen und Rhythmen (schlicht auf alles, was das Zusammenspiel von Musikern seit jeher ausmachte) ... Die GEMA und steuersubventionierte Kompositionsaufträge haben Herr Stockhausen wunderbar durchgefüttert, das Feuilleton nicht zu vergessen.
Die Vierten Rundfunkproramme, denen jeder Zuhörer namentlich bekannt ist, spielen ihn zu Zeiten, in welchen traditionell Hinrichtungen stattfinden: im Morgengrauen.
Freiwillig besuchte kaum jemand ein Stockhausen-Konzert: In 90% aller Fälle waren es wehrlose Schulklassen, die seine Musik erdulden mussten; hätte der Eintritt was gekostet, wären auch die nicht erschienen. (Was dem Meister egal sein konnte: Die GEMA -- Kulturauftrag! -- hat trotzdem gut gelöhnt.)
Das Dilemma der zeitgenössischen E-Musik: Die Provokateure wirken mit ihren Sprechblasen, nicht mit ihren Klängen, die zwar tote Katzen zum Leben erwecken können, aber kein Publikum finden. Letzteres zieht Bach, Mozart, Beethoven, um nur einige zu erwähnen, immer noch vor.
Wer will's dem Publikum verdenken?
Dennoch: R.I.P., Karlheinz!

Moderne Musik ist kompliziert, anspruchsvoll, selten fragt sie nach Erleuchtung oder Heilsbotschaften genau so wenig, wie uns Beuys den kulinarischen Widerspruch zwischen Fett und Honig erklären wollte. Oder hat sich der aufmerksame Betrachter bei der Baselitzschen Weltsicht je auf den Kopf gestellt? Eher drehte sich wohl gewohnte Sehweise, Denkweise zumal. Kunst ist die Wirklichkeit oder was der Künstler dafür hält. Sich damit zu beschäftigen erfordert den offenen Geist, gelegentlich auch ebensolche Ohren. Und wer mit den Ohren gelernt hat zu sehen, versteht nicht nur die 12-Töner, Stockhausen sei Dank.