Oper

Marmorkühl

09. Oktober 2004 Als Richard Wagner ein junger Mann war, standen Glucksche Reformopern noch hoch im Kurs, sie wurden in Serien aufgeführt in Wien oder Berlin oder Paris. Wagner rechnete zur Generation jener Romantiker, die in Gluck einen bahnbrechenden Neuerer erkannt hatten und ihn vereinnahmten als Kampfbruder im Geiste: für die Schaffung einer deutschen Nationaloper - gegen die sogenannte "welsche" Operntradition.

Wagner selbst stilisierte sich später zu Glucks legitimem Nachfolger just in diesem Sinne, wie es sich dessen erster Biograph Adolph Bernhard Marx 1863 herbeigewünscht hatte: "Erst mit Glucks Werken trat die Frage vom musikalischen Drama thatsächlich vor das Bewußtsein und Nachdenken der gebildeten Menschheit. Und noch bis zu dieser Stunde steht sie ihm als ungelöste Aufgabe vor."

"Alle Oper ist Orpheus"

Heute zählen Wagners Musikdramen zum Standardrepertoire, dagegen sind die großen Opern Christoph Willibald Glucks in exotisch weite Ferne gerückt. Kein Wunder: Da die Traditionen, gegen die sich Glucks Opernreform gerichtet hatte, nicht mehr zum Horizont unseres Musiklebens gehören, ist auch die Wucht seiner Neuerung nicht mehr mit Ohren zu greifen. Ja, selbst am Stereotyp festgenagelte Händel-Opern kommen uns mittlerweile moderner, beweglicher, durchlässiger vor. Und sogar die guten und besten Regisseure scheitern neuerdings an Statik und Pathos der fernen Gluck-Opern, an ihrer Tempo-Armut und an der Marmorkühle ihrer Figuren.

Eine Ausnahme: Robert Wilson. Die Verlangsamung der Bewegung ist sein Metier. Wilson suchte das minimalistisch reduzierte, unendlich schöne und nicht enden wollende Ritual - und fand es in der Musikgeschichte ausgerechnet erst bei Wagner, dann bei Gluck. "Alle Oper ist Orpheus". Diese gern zitierte Sentenz von Theodor W. Adorno erinnert auch daran, daß tatsächlich an den wichtigen historischen Wendepunkten der Sänger aus den Tiefen des Mythos wieder aufstieg, um mit seinem Gesang den Tod zu besiegen. Immer wieder steht Orfeo Pate an der Wiege neuer Opernformen: Etwa bei "Euridice" von Jacopo Peri, der ersterhaltenen Oper, in Claudio Monteverdis "Orfeo", der erstmals Arienmodelle schuf, über Landis, Rossis, Sartorios und Telemanns "Orpheus" bis hin zu Gluck.

Reduktion auf ein Zeitlupen-Ballett

Im Jahre 1762 hatte Gluck in Zusammenarbeit mit Calzabigi mit der "Azione teatrale" "Orfeo ed Euridice" die italienische Oper erstmals von Nummernabfolge und vom Secco-Rezitativ befreit und zugleich das Diktum Rousseaus von der Unmusikalität der Sprache widerlegt. Er stellte die Oper auf eine neue, Text und Musik engführende Deklamationsgrundlage: "Der Stil, den ich einzuführen versuche, scheint mir der Kunst ihre ursprüngliche Würde zurückzugeben", heißt es in Glucks Widmung der französischen Fassung seines "Orphee" 1774 an Königin Marie Antoinette: "Die Musik wird nicht mehr auf die kalten Schönheiten der Konvention beschränkt sein."

Mit der Pariser Fassung seiner Oper, "Orphee et Eurydice", darf die Opernreform Christoph Willibald Glucks als durchgesetzt gelten. Für die Bob-Wilson-Produktion des Stückes am Theatre du Chatelet benutzte John Eliot Gardiner die spätromantisch aufgerauhte, revolutionär verschärfte Fassung von Hector Berlioz. Und die fixe Idee von Regisseur Wilson, der das Theater zunehmend reduziert auf ein Zeitlupen-Ballett aus Licht, Raum und Bewegung, kann hier sogar als Glücksfall empfunden werden: Zum puren Espressivo der Gluckschen Musik tritt die von allen Zutaten befreite Geste.

Text: eeb. , Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 27

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