Theater

Wir Geschändeten

Von Gerhard Stadelmaier

30. Januar 2006 Eigentlich passiert etwas Wunderbares: Zwei deutsche Dramatiker halten die Welt an - und bringen sie fast zum Einsturz. Die Sonne verschwindet nicht mehr vom Himmel - und auf der Greifswalder Straße in Berlin kommt es zu wahnsinnigen Szenen mit Hunden, Giraffen, Gemüsehändlern, silbernen Löffeln, Wölfinnen, Liebhaberinnen und neurotischen Sängern. Die Geschichte geht nicht weiter - und eine gegenwärtige Partygesellschaft stürzt ab, hinunter zu Shakespeares „Titus Andronicus“ und durchspielt die alten Greuel noch einmal.

In zwei neuen deutschen Stücken, an einem Wochenende in Berlin zu erleben, wird dem Lauf des Kosmos Einhalt geboten. Der eine Dramatiker, Roland Schimmelpfennig, ist noch keine vierzig. Sein Drama „Auf der Greifswalder Straße“ ist im Deutschen Theater unter der Regie von Jürgen Gosch uraufgeführt worden. Der andere Dramatiker, Botho Strauß, ist knapp über sechzig. Seine „Schändung“, eine Bearbeitung und Fortdichtung Shakespeares, ist im letzten Herbst in Paris von Luc Bondy uraufgeführt und jetzt im Berliner Ensemble zur deutschen Erstaufführung gebracht worden. Zwei Dramatiker-Generationen: zwei Weltstürze.

Unser aller Blut

Aber wenn wir jetzt an beide Aufführungen zurückdenken, sehen wir vor allem: rot. Rot wie Blut. Es scheint unaufhörlich zu fließen, spritzen, sprühen. Als habe das Theater unseren Augen einen schmutzigen, schlierigen, gallertartigen Verband auferlegt. Theaterblut zwar, aber Theaterblut meint so gut Blut, wie ein Theatertoter unser aller Tod meint, wenn er auf der Bühne liegt und es ihm ernst ist. So daß also auch unser Blut vergossen wird. Aber dann müßte dieses Blut da droben auch mit uns zu tun haben.

Hier ist es so, als habe das Theater uns zwangsweise auf einen Kriegs- oder Katastrophenverbandsplatz beordert, wo lauter fremde, private Adern ihre Säfte ausspeien. Und wir sehen: Fahles. Fahl wie Fleischfarben. Theaterfleisch zwar, aber Theaterfleisch meint so gut das Leben, wie ein Theatermensch uns alle meint, wenn er auf der Bühne steht und es ihm ernst ist. So daß auch unsere Haut zu Markte getragen wird. Aber dann müßte diese Haut da droben auch mit uns zu tun haben.

Blutgelüst und Rammelei

Hier ist es so, als habe das Theater uns zwangsweise in eine Unisex-Umkleidekabine verbannt, wo wir einer Menge von unterschiedlichst präsentierten Pimmeln, Brüsten, Vulven, Schamhaaren fremder Leute, zufällig von Beruf Schauspieler, und einer noch größeren Menge von unterschiedlichster Unterwäsche konfrontiert sind (deren etwas biederer Baumwollanteil im Deutschen Theater freilich höher als im Berliner Ensemble zu sein scheint, wo man offenbar eher zu Satin tendiert). Wenn zwei deutsche Dramatiker toll und kühn die Welt anhalten und den Kosmos einstürzen, denken die deutschen Theater in ihrer Gratis-Kühnheit an ein bißchen Blutgelüst, ein bißchen Rammelei. Als hocke Mephisto überall als schon etwas angegrauter Chefdramaturg herum und komme nie über die Walpurgisnacht hinweg, in der wieder und immer wieder die Sau rausgelassen wird, die längst durch alle Dörfer gejagt ist.

In Roland Schimmelpfennigs Stück sucht an einem ewig angehaltenen Tag ein Mann seinen Hund, wird ein anderer Mann von der Liebe zu einem langen, dünnen Mädchen überfallen; wird ein anderes Mädchen vom gesuchten Hund des ersten Mannes gebissen und verwandelt sich in eine Wölfin; wird der Mann, der sich in das lange Mädchen verliebt, von drei schwarzen Frauen mit grünen Augen heimgesucht, die ihn vor der „Giraffe“ warnen; versuchen drei Rumänen die Sonne, die am Himmel festgefroren ist, mit der Pistole herunterzuschießen; fällt ein silberner Löffel, den ein Handwerker 1945 in eine Wand in Berlin eingemauert hat, dem Enkel des russischen Soldaten in die Hände, der den Handwerker damals erschoß, wobei der Russen-Enkel sich in die Urenkelin des deutschen Handwerkers verliebt; wird das lange Mädchen, das „Giraffe“ genannt wird, den Mann, der sich in sie Hals über Kopf verknallt hatte und vor ihr an der Straßenbahnhaltestelle auf die Knie fiel, erschießen, weil er „seine Liebe nicht mehr zurücknehmen kann“; werden drei Girlies zu drei Parzen; entdeckt ein Mädchen einen eintätowierten Totenschädel auf ihrer Schulter; verliert eine Frau die Liebe; wird ein Mann gezwungen, völlig alberne Lieder aus seinem Kopf und von seinen Lippen zu pressen, die er gar nicht mag und gar nicht kennt. Lauter albtraumhafte Kürzest-Szenen episodenhaft aufblitzender Leute, Großstadthülsen, in die der Wahn und der Witz von Zwangshandlungen aus Liebe und Leere sich ergießt und dann wieder abfließt.

Ein dramatisches Souffle, in die schwüle Luft der Großstadt gehoben von einem Dramatiker, der sich als Traum- und Albtraum-Märchenvirtuose des jungen deutschen Dramas durchgesetzt hat: Schimmelpfennig entwirft ein Gesellschaftsnichtpanorama, verklebt aus Zufällen, die Schicksal sind.

Plumpe, dumpfe Straßenschlacht

Jürgen Gosch macht aus Schimmelpfennigs Schnipsel-Fata-Morgana überm Großstadt-Asphalt eine plumpe, dumpfe Straßenschlacht auf ansteigender, flacher Holztreppe, bei der man den Mädchen beim Pinkeln und unaufhörlichem Unterwäsche-An-und-Ausziehen, dem Giraffen-Liebe-Mann beim Pimmelbaumeln, der Wolfsverwandlerin beim blutüberströmten Nacktherumliegen, den Rumänen beim Radebrechen und Leuteüberfallen zusehen kann. Im Saal bleibt das Licht an. Man glaubt wohl so, das Leben, wie es in Berlin angeblich ist, auf die Bühne hüpfen zu lassen. Daß es luftige Durchgangswesen, Gegenwartsgespenster sind, um die es hier geht, übersieht das Theater.

Die Gegenwartsgespenster teilt Schimmelpfennig mit Botho Strauß. Nur daß sie bei Strauß andere Träume und Albträume haben. In dessen „Schändung“ taucht eine gegenwärtige, zynische, nur noch von Sicherheit und abgeschotteten Wohnvierteln für die Gesunden, die Schönen und Jungen träumende Gesellschaft in einem stillgelegten Geschichtsmoment hinunter zur Geschichte des Titus Andronicus, der seiner Stadt Rom jeden Krieg gewann, die Gotenfürstin Tamora als Gefangene mit sich führt, die schnell zur römischen Kaiserhure aufsteigt, deren Söhne die Tochter des Titus schänden und verstümmeln (herausgerissene Zunge, abgehackte Arme), wobei der Titus, der von nichts so sehr lebt wie von Ordnung, Sitte, Riten und Bräuchen, von seiner geschändeten Tochter dadurch provoziert wird, daß die Geschändete nun nicht büßen und trauern, sondern leben und lieben und mit ihrem Schänder schlafen möchte.

Spiel mit Bauklötzchen

Lavinias zungenlose Gedanken und Lüste werden von Monika, ihrem Double und „Tragemund“, ausgesprochen: So wie hier alle Sätze und Gedanken, alle Gewalt und alle Gemeinheit, alle Tollheit und alle Brutalität von den Figuren, die aus dem Heute kommen und in ein Gestern hinabtauchen, nicht als eigene erlebte, sondern als „neuronal angezapftes“ Fremdmaterial, das in einem selbst fremd und seltsam wie giftiger, fiebriger Stoff wütet, verstanden und vorgebracht werden müßten. Und ein kleines Kind sitzt am Party-Rand die ganze Zeit dabei, guckt zu und ruft sich am Ende zum Kaiser von Rom aus: die Weltgeschichte, aller Blut- und Gier- und Sex- und Schändungswahn - ein Kinderspiel. Gespielt in einem kurz angehaltenen Phantasie-Moment, in dem die Welt stillsteht. Strauß spielt mit Bauklötzchen.

Aber an den Bauklötzchen klebt viel. Im Berliner Ensemble tritt die Party-Gesellschaft nur am Anfang kurz und dumpf auf, die Regie steckt das zuguckende Kind in eine alberne Jedi-Ritter-Rüstung und überführt das Kinderspiel aus der Phantasie in die Fantasy, verpackt im übrigen das olle, brutale Shakespearesche Blut- und Vergewaltigungs- und Rachespiel in einen riesigen Holzzylinder, wo dann mit blutigen Armstümpfen, herausgerissenen Zungen, vergewaltigten Körpern, nacktem Fleisch und herausoperierten Lebern sehr solide nicht so getan wird, als sei dies alles nur ein Spiel auf der dünnen Straußschen Erdkruste, durch die man durchbrechen kann ins Abgründige unserer Angst und unserer Vernunft. Sondern als sei dies einfach so, wie es ist.

Basta.

Theater ist Phantasie

Nun gehört es zum Ur- und Grundlagenvertrag des Theaters mit uns, daß es wirklich zeigt, was in Wirklichkeit nicht ist: daß ein Stuhl auf der Bühne eine Welt, daß eine kleine Bewegung mit der linken, großen Zehe einen Sturm, daß ein Stupsen mit den Fingern den Tod, zwei Blicke die Liebe und der dritte Blick den Liebestod nicht nur bedeuten, sondern richtig verlebendigen können - wenn man es kann.

Theater ist Phantasie. Blut muß nicht Sirup, Gier und Pein und Sex müssen nicht Fleisch sein. Theater ist nicht Natur. Es ist nicht das wirkliche Leben. Es ist das wirklichere Leben. Wer, wenn einer blutet, nur sirupüberschüttet auf der Bühne herumliegt wie ein x-beliebiger Kriegs- oder Verkehrstoter, blutet nicht wirklich. Wer, wenn einer vor Liebe rast, nur seinen mehr oder weniger mensurierten, in der kalten Bühnenluft meist zuverlässig zusammengeschnurrten Privatpimmel herzeigt, rast nicht wirklich. Man muß nicht alles zeigen. Aber man muß alles spielen. Das Theater, das sich mit „dem Leben“ (meist nichts weiter als ein Synonym für Nacktheit) verwechselt, schändet die Phantasie. Ein Verbrechen.



Text: F.A.Z., 30.01.2006, Nr. 25 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

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