Oper

Teddys schlafen fest

Von Eleonore Büning

Dramatischer Sopran: Sylvie Valayre

Dramatischer Sopran: Sylvie Valayre

28. September 2003 Drei Gründe sprachen von Anfang an dafür, daß aus der Filmemacherin Doris Dörrie auch eine erfolgreiche Opernregisseurin wird: Sie ist prominent, intelligent - und sie liebt Musik. Vor allem ersteres führt fast automatisch zu einer positiven Auslastungsbilanz. Nicht nur treue alte Opernfreunde strömten zuhauf, um zu sehen, was "die" Dörrie im Jahr 2001 mit "der" Così an der Lindenoper in Berlin angestellt hatte.

Der Dörrie halber kamen (und kommen noch) Busladungen mit Menschen, die nie zuvor ein Opernhaus betreten hatten. Geschäftlich war die Idee also geradezu ein Geniestreich gewesen von Georg Quander, dem Exintendanten der Staatsoper Unter den Linden. Es ist plausibel, daß sein Nachfolger Peter Mussbach nun das Eisen weiterschmieden will und Dörrie als nächstes Frauenstück Puccinis "Turandot" anvertraute und daß auch die Münchner Oper, nicht faul, sich ihrer für künftige Produktionen versichert hat. Verwunderlich nur, daß diese Marketingidee noch nicht kreativ weiterentwickelt wurde: Auch Thomas Gottschalk, Angela Merkel, Guido Westerwelle, Sandra Maischberger, Harald Schmidt, Anke Engelke und Dieter Bohlen sind prominent, intelligent und lieben Musik. Letzterer hätte Dörrie sogar voraus, daß er selbst singt und sogar Noten liest.

Statisch arrangiert

Für ihre zweite Opernregie hat Dörrie den Filmausstatter Bernd Lepel mitgebracht. Der ließ die Kostüme zu "Turandot" fast nur aus Latex arbeiten, und für das Bühnenbild dachte er vorwiegend in Symmetrien. Fährt links ein Comic-Prospekt aus dem Schnürboden herab, folgt rechts auch gleich einer. Die Chöre der ersten Szene werden statisch arrangiert wie für den Klapp-Altar. Prinzipienfest mittig prangt in der zweiten Hälfte der Oper jener Riesenteddybär, der den Palast der männermordenden Prinzessin darstellen soll.

Wieso Teddy? Nun, erstens weist das Tier mit den traurig fallenden Mundwinkeln frappante Ähnlichkeit mit Angela Merkel auf. Zweitens ist "Turandot" ohne Frage ein Frauenstück; und drittens wollte Dörrie - wie ausführlich vorab erläutert - die Prinzessin als pubertierendes Girlie zeigen, das sich vor dem Erwachsenwerden mittels eines Schutzwalls aus Comics, Videos, Handys sowie selbstverteidigungspotenten Lara-Croft-Phantasien schützt. Dramatische Soprane, auch wenn sie so handlich und hübsch ausschauen wie Hauptdarstellerin Sylvie Valayre, können allerdings beim Singen nicht auch noch Saltos schlagen.

Bierbauch im Unterhemd

Zwar sang Valayre kraftvoll souverän, aber in ihrem verzottelten Latexfummel sah sie eher aus wie eine Mutter Courage mit Sado-Maso-Allüren - eine Marketenderin, der allerhand Kram, Teddy, Messer et cetera am Gürtel baumelt. Sklavin Liu (mehr dramatisch als lyrisch: Elena Kelessidi) trug Lazaruskreuz und melusinenlange Blondhaarperücke, und Tartarenkönig Timur (herausragend: Alexander Vinogradov) einen mumienhaften Ganzkörperwickel. Prinz Kalaf, mit durchschlagender Höhe schön gesungen von Dario Volonté, trug Glatze und verbarg sein Bierbäuchlein notdürftig im Sportunterhemd.

Die Hofschranzen Ping (Alfredo Daza), Pang (Stephan Rügamer) und Pong (Pavol Breslik) watschelten als Fantasy-Schuppentiere daher, und die Palastwachen muteten an wie eine Kollektion jugendfreier Silvesterraketen. Dreimal flogen je drei Artisten in silbernen Overalls batmanartig durch die Luft. Zweimal schob sich ein Riesenhandy herein. Einmal entledigten sich die Hofschranzen ihrer Latex-Overalls und fuhren mit Statistenfreundinnen auf rosa Mofas zum Picknick ins Wochenend - ein reizender Einfall zur Illumination des lyrisch-utopischen Intermezzos zu Beginn des zweiten Akts. Im übrigen war zwar viel los. Aber es ist nichts passiert. Keine einzige Partie dieser bizarren, melodienreich orchestersatten Märchenoper wurde aus der Musik heraus entwickelt. Nicht eine Geste ließ etwas ahnen von der notwendigen existentiellen Entäußerung des singenden Menschen. Alle Figuren dieses Dramas auf Leben und Tod traten an wie Anziehpuppen für papierne Ideen. Immer dürrer und trockner schien der Abend zu werden, zäh wie ein altes Knäckebrot.

Alle Fragen offen

Gegeben wurde - als "deutsche Erstaufführung" - die neue "Turandot"-Fassung mit dem von Luciano Berio nach den Skizzen Puccinis komponierten Schluß, der zuvor schon in Las Palmas und Amsterdam (beide Male von Riccardo Chailly), Los Angeles (Kent Nagano) und Salzburg (Valeri Gergiev) aufgeführt worden ist. Das scheint mittlerweile die einzig adäquate Art, diese Oper zu enden: nicht breitwandig auftrumpfend, vielmehr doppelbödig dünn einmündend in ein zärtlich zweifelndes Orchesternachspiel, das alle Fragen wieder öffnet.

Diese stillen, letzten Takte sind der Staatskapelle Berlin unter dem Dirigenten Kent Nagano sehr schön geglückt. Für die Saft- und Kraftklänge des Original-Puccini fehlte es indes entschieden an Mumm, Schwung und sogar an Präzision. Eine verwackeltere "Turandot" hat man selten gehört, eine einschläferndere lange nicht gesehen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2003, Nr. 226 / Seite 34
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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