Beim Einzug der Festgäste am Abend ist Russ wieder dabei und wartet, nebst weiteren Schaulustigen, vor dem Portal. Bayreuth ist auf den Hund gekommen. Tausendfach vervielfältigt, bewacht Richard Wagners bester Freund, in Hartplastik gegossen und käuflich ab 190 Euro aufwärts, die städtischen Sitzbänke: im Park vor dem Festspielhaus, vor Haus Wahnfried, auf dem Markt, am Jean-Paul-Denkmal und auch vor dem Opernhaus der melancholischen Markgräfin Wilhelmine.
Hier, in einem der schönsten unversehrt erhaltenen Barocktheater, findet am spielfreien Tag - dem Atemholen vor der "Götterdämmerung" - eine luftig-polythematische Gegenveranstaltung zu den monothematisch-affirmativen Wagner-Enkel-Festspielen droben auf dem Hügel statt.
Grundsätzlich nie Liszt
Urenkelin Nike Wagner, Intendantin in Weimar, stellt ihr erstes Kunstfest vor. Und sie hat ihren "artist in residence" gleich mitgebracht: András Schiff, der die fabelhafte Akustik dieser düsteren, üppig goldbekränzten Schmuckschatulle gebührend auskostet und die Wagnergeplagten erfrischt mit einem romantischen Riesenprogramm: Bach und Mendelssohn zum Warmspielen, dann die mit versteckten Botschaften reich bestickte, über alle Sonatensatz-Ufer tretende C-Dur-Fantasie von Schumann sowie zum Schluß eine revolutionär flammende, kontrastgeschärfte Beethovensche "Waldstein"-Sonate. Nur Liszt hat Schiff nicht mit im Gepäck. Er spielt grundsätzlich nie Liszt - nicht einmal Nike zuliebe in Weimar.
Dies ist eine der bewußt zelebrierten Paradoxien ihres neuen Festivals, das die Brüche liebt und das Antizyklische akzentuiert. Nike Wagners streitbare Bewerbung für eine Erneuerung Bayreuths war vor Jahr und Tag im Papierkorb gelandet. Nun hat die Bayreuth-Vertriebene auf drei Jahre hinaus ein Fest für Weimar konzipiert, das "aus dem Koffer" lebt und vom Wandern erzählt. Statt des Urgroßvaters ist nun der Ururgroßvater zum Hausheiligen avanciert, dem sie sowieso ähnelt: in der Polyvalenz ihrer Interessen, ihrer Weltoffenheit, der aktiven Zeitgenossenschaft, dem Mut zum direkten Diskurs auch in unpopulären Angelegenheiten politischer Moral sowie einer Zivilcourage, die selbst Mephistophelisches bei den Hörnern zu packen versteht.
Natürlich will Nike Wagner mit ihrer Werbeveranstaltung, nicht anders als der gute Russ oder auch der Metzger um die Ecke, das Label "Wagner" ausbeuten für ihren Zweck. Doch der Zweck ist gut, er heiligt die Mittel und macht, daß das zwei Stunden entfernte Weimar kurzerhand zum Nachbarstädtchen Bayreuths erklärt wird. Auch sonst ist Nike Wagner nicht zimperlich, was die Diplomatie versteckter Botschaften anbelangt.
Zweierlei will ihr Weimar halten, was Bayreuth heute nicht einmal mehr verspricht: erstens beste künstlerische Qualität, zweitens ein bündiges dramaturgisches Konzept. Und drittens will sie auch noch das Kreuz Weimars auf sich nehmen, den Knotenpunkt deutscher Geschichte im Guten wie im Bösen: Mittendrin steht wie ein Fels, keine Frage, Beethovens Neunte in der Bearbeitung zu vier Händen von Franz Liszt. Zur Eröffnung soll, neben Ligeti, im Lager Buchenwald auch das Lohengrin-Vorspiel zu hören sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2004, Nr. 177 / Seite 34
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